Schauspielhaus Stuttgart Die k. u. k. Sachwalter des Sex

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Märchen, Jahrmarkt und Museum: Aber leider nur Formsache – Edgar Selge und Franziska Walser spielen Arthur Schnitzlers „Reigen“ im Stuttgarter Schauspielhaus.

Edgar Selge und Franziska Walser im „Reigen“ Foto:  
Edgar Selge und Franziska Walser im „Reigen“ Foto:  

Stuttgart - Ein Lesesessel je rechts und links im Spielraum. Wie Märchenonkel und Märchentante sitzen Edgar Selge und Franziska Walser, einige Meter voneinander entfernt, in blauen Fauteuils – und ihr, Walser, gehört das allererste Wort des Abends. „Arthur Schnitzler: Reigen. Zehn Dialoge“, ruft sie mit dunkler Jahrmarktsstimme in den Saal und setzt damit ein Jahrmarktskarussell in Gang, das jetzt auf der Bühne kreist und kreist und kreist. Schneiderpuppen fahren vorüber, behängt mit Kostümen des Fin de Siècle und am Podest beschriftet mit den jeweiligen Kostümträgern, als handele es sich um ein mobiles Modemuseum: Die Dirne. Der Soldat. Das Stubenmädchen. Und so weiter, immerzu im Kreise bis zum Grafen, der den zehnköpfigen Liebesreigen beschließt – zehn Köpfe und Körper also, das gesamte aufgesexte Schnitzler-Personal, das in Stuttgart freilich auf zwei Menschen eingedampft ist: eben auf Selge und Walser, die auch im richtigen Leben ein Paar sind, im Schauspielhaus aber, nachdem sie in die Puppenkostüme geschlüpft sind, trotzdem nicht den Hauch von biografischer Intimität aufkommen lassen. Was aber dann?

Das nostalgische Bühnensetting zum Auftakt der Inszenierung deutet ihre Absichten an. Märchen, Jahrmarkt, Museum: zusammen mit dem jungen, im Aufstreben begriffenen Regisseur Bastian Kraft geht das Darstellerpaar auf ironische Distanz zu Schnitzlers „Reigen“. Zu redselig scheint ihnen das Stück zu sein, zu verschmockt und von den Zeitläufen überholt sein einst brisanter Stoff. Man kann diese Haltung verstehen, schließlich lösen die „zehn Dialoge“ heute keine Saalschlachten und Strafprozesse mehr aus wie bei der verspäteten Uraufführung 1920. Was der Wiener Dramatiker damals aufs Papier gebracht hatte, mutet uns libertäre Zeitgenossen als kreuzbrav und harmlos an: Gespräche zwischen Mann und Frau, die direkt auf den Geschlechtsakt zusteuern, der dann zwar auch vollzogen, auf offener Bühne aber nie sichtbar gezeigt wird. Denn zwischen dem Davor und Danach hat der Autor nur Gedankenstriche gesetzt, die vielsagendsten der Weltliteratur, derart eine Strichhorizontale bildend, dass kein Zweifel am gerade vollzogenen Geschäft bleibt: – – – –. Trotzdem: keuscher geht’s nimmer in heutigen Tagen, auch nicht auf dem Theater, also gleich weg mit dem ganzen Muff und hin zur reinen Form: das zumindest scheint die Verabredung zu sein, die Selge, Walser und Kraft in schönem Einverständnis getroffen haben.

Die Form, die Struktur, der Aufbau des „Reigens“ ist ja tatsächlich sehr verlockend. Zehn Personen unterschiedlichen Stands gehen paarweise sexuelle Beziehungen miteinander ein. Nach jedem Beisammensein zieht es einen der Partner weiter zum nächsten, der dann seinerseits wiederum das nächste Liebesabenteuer im nächsten Liebesnest sucht. So geht es vom Donauufer der Dirne bis hoch ins Himmelbett der Schauspielerin und dann – im Finale – wieder runter zur Dirne Leocadia, die jetzt aber im Bett ihrer ärmlichen Stube liegt und mit dem Grafen rummacht. Der Reigen schließt sich. Derart windet er sich quer durch alle sozialen Klassen und Schichten im Wien um 1900 und beginnt, wie gesagt, ganz unten mit Leocadia.

Textile Kostüme und Textkostüme

Das von Franziska Walser mit der Titelansage losgetretene alte Kostümkarussell stoppt nach zwei, drei Minuten. Sie springt auf und zieht sich das rot-schwarz gesprenkelte Minikleid über die fleischfarbene Unterwäsche. Und fertig ist die Dirne – und fertig ist auch schon der Soldat, ihr Freier, als der jetzt Edgar Selge vor uns steht. Auch er trägt fleischfarbene Wäsche, hat sie jetzt aber unter seiner tarngrünen Uniform mit den popeyehaft aufgepolsterten Muskelpartien versteckt. Hübsch sorgfältig hat Dagmar Bald die Garderoben des „Reigens“ geschneidert – unablässig liefert sie also die textilen Kostüme, die sich die beiden Spieler im Lauf des Abends überwerfen werden. Doch ein anderes Kostüm, jenseits der Unterwäsche, tragen sie sowieso schon immer: ein Textkostüm, das sich in der Rhetorik zwar von Szene zu Szene wandelt, aber im steten Wandel doch darauf bedacht ist, den immer gleichen Sprachgestus zu wahren. So wie die Dirne und der Soldat lassen Walser und Selge nämlich auch alle anderen k. u. k. Körperhungrigen reden: Emotion, Psychologie, Innigkeit ersetzen sie durch äußerliche Posen – und Schnitzlers Figuren verkommen zu Sachwaltern des Sex.

Die Posen und Rituale aber werden immer raffinierter, je höher der „Reigen“ sich in die Swingergesellschaft bohrt. Ähnlich wie der Dramatiker, immerhin, verfeinert auch der Regisseur mit zunehmender Sozialhierarchie die Methoden der Verstellung, die zum Beischlaf führen – aber anders als der sprachbewusste Autor vor allem, den Inhalt abwertend, über die Form. Szenenanweisungen lässt Bastian Kraft von Anfang an mitspielen, jetzt kommen noch Livevideo und Fotoroman dazu, während sich Selge und Walser lustvoll durch diverse Genres hangeln. Nichts lassen sie aus, alles ist reigenhaft da: Kabarett und Posse, Posse und Schwank, Schwank und Boulevard, Boulevard, Komödie, Schmierendrama, Stummfilm – schauspielerisch gesehen eine perfekte Schule der Stile und Moden, die am Ende der neunzig Minuten mit rhythmischem Klatschen gefeiert wird.

Der Preis für die Lacher ist hoch

Insofern hat das neue Stuttgarter Traumpaar aus der Abteilung „Verwandlung, Verkleidung, Rollenspiel“ dem Theater einen weiteren Großerfolg beschert. So schön das auch sein mag, so hoch ist nun doch der Preis, der für die sporadisch in die Höhe schießenden Lacher zu bezahlen ist. Selten hat der Begriff vom „Textmaterial“ einen so bitteren Beiklang gehabt wie jetzt im Schauspielhaus. Selten ist mit der Koketterie und Zärtlichkeit, mit der Frivolität und Melancholie, mit der Lüsternheit und dem Zynismus, kurzum: mit dem ganzen verflixten Liebesding in Arthur Schnitzlers „Reigen“ nämlich gründlicher aufgeräumt worden als in dieser von Theorie und Konzept ausgekühlten Spielanordnung. Handwerklich virtuos, gewiss, aber atmosphärisch doch so trist wie die Handbewegungen, die sich leitmotivisch durch die Kostümshow der seelenlosen Gesellschaftspuppen ziehen. Der auf der Bühne visuell ausgesparte Akt wird akustisch von harter Musik begleitet – und fast immer, wenn das monotone Gestampfe abbricht, nestelt er noch am Hosenladen rum, während sie sich den Schlüpfer hochzieht. Ein Techno Interruptus, der jenseits aller Banalität eines ermöglicht: Der Vorhang vorm Gemächt kann geschlossen werden. Aber die Fragen an die Inszenierung bleiben offen. Wozu der Besetzungscoup mit Selge und Walser? Und wozu, überhaupt, der ganze Aufwand mit diesem „Reigen“?




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