Schauspielstar Nicholas Ofczarek in Stuttgart Der Wien-Hasser auf dem Ohrensessel

Nicholas Ofczarek und die Musicbanda Franui interpretieren in Stuttgart Thomas Bernhards „Holzfällen“. Foto: Tommy Hetzel

Der Schauspieler Nicholas Ofczarek und die Musicbanda Franui interpretieren Thomas Bernhards Erregungstext „Holzfällen“ im Schauspielhaus Stuttgart – ein denkwürdiger Abend.

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Dieser Satz, mal mit, mal ohne Kunstpause in der Satzmitte zieht sich leitmotivisch durch Thomas Bernhards Erregungstext „Holzfällen“: „Sagte ich mir auf dem Ohrensessel“. Der Ich-Erzähler ist ein im Ohrensessel sitzender Gast eines „künstlerischen Abendessens“ bei dem Ehepaar Auersberger in Wien. Alles wartet auf einen Burgschauspieler als Ehrengast, soweit die überschaubare Spannungskurve.

 

In Stuttgart saß vor acht Jahren der ehemalige Burgtheaterdirektor (und einstige Stuttgarter Schauspielchef) Claus Peymann bei seiner „Holzfällen“-Lesung tatsächlich in einem Ohrensessel. Der Burgtheaterschauspieler Nicholas Ofczarek begnügt sich mit einem Holzstuhl, hat aber die formidable Musicbanda Franui um sich gepolstert. Guter Text, gute Künstler – das reicht für einen Abend, der nichts weniger war als denkwürdig; die Vokabel „grandios“ verbietet sich. Die ist durch „die Auersberger“, Gastgeberin des künstlerischen Abendessens, verbraucht, sie schwärmt ja ständig von dem „grandiosen Schauspieler“ in der hinreißenden „Wildente“.

Präzise lotet Nicholas Ofczarek jede Nuance des klug gekürzten Textes aus; er hält die Balance zwischen genüsslicher Lästerei über die vermeintliche Kulturelite, Selbstbeschimpfungsarien und Trauer über die tote Freundin Joana. Nicholas Ofczarek zelebriert das sich in Rage reden, schraubt sich vom ironischem Tonfall bis ins schrille Ätzen über den „größenwahnsinnigen Stichwortbringer“ und „aufgeblasenen theatralischen Dummkopf“. Und auch diese Figur spielt er bravourös, denn eine Lesung ist dieser Abend nicht, sondern ein Theatermusikspiel mit Musikern, die für eine Potenzierung der Gefühlslagen des Hauptdarstellers sorgen.

Bernhard-Séance mit Nicholas Ofczarek und der Musicbanda Franui. Foto: Tommy Hetzel

Sie dienen ihm auch als Mitspieler, fallen ihm (was er mit indigniertem Blick kommentiert), mal in den Text, mal klingen sie wie eine schnatternde Abendgesellschaft. Mit breiiger Selbstgefälligkeit lässt Nicholas Ofczarek also den Burgschauspieler sagen, wie völlig gleichgültig es ihm ist, wer unter ihm der neue Burgtheaterdirektor ist. Besonders amüsant, denn der 53-jährige Wiener ist selbst seit über zwanzig Jahren Burgtheaterschauspieler, auch er hat manchen Direktor kommen und schon wieder gehen sehen. Lieblingsburgschauspieler hat es immer gegeben, Lieblingsburgdirektoren nie.

Einen Moment lang, wenn er die Brille abnimmt, mit der Hand über die Augen streicht, eine etwas längere Pause macht, zur Seite schaut und dann „Ich“ sagt, bleibt im Vagen, ob er als Nicholas Ofczarek oder als Wildenten-Brüller spricht. Gänzlich uneitel; rasch lässt Ofczarek aber dem fiktiven Kollegen gleich wieder den Vortritt. Das Publikum hat er ohnehin längst erobert mit seiner zerknirschten Selbstdemontage und Dauerverzweiflung über den Fehler, bei den Auersbergers überhaupt erschienen zu sein.

Literarische Lästersuada

Wenn er sagt, dass er von seinem Ohrensessel aus „alles sieht“, „alles hört“ und flammende Blicke in Richtung Publikum wirft, fühlt sich manch eine Zuschauerin wie vom Klassenlehrer beim Abschreiben ertappt. Der Text ist nicht nur eine literarische Lästersuada über die Niedertracht und Gemeinheit der Menschen, sondern auch eine selbironische Ich-Demontage. Im herrlich zaudernden Zerknirschungston beschimpft sich der Held selbst als „der schwächste Mensch und der schwächste Charakter“. Und als könne er seiner Niedertracht selbst nicht fassen, gesteht er sich körperlich windend seine heuchlerischen Lügen, wenn er sich bei der Auersberger für das künstlerisch Abendessen bedankt, dass er doch in Wirklichkeit so gehasst hat.

Gut, dass die Musiker und der Schauspieler zum künstlerischen Abend nach Stuttgart gekommen sind. Der rasende Applaus gilt der Musicbanda und Nicholas Ofczarek.

Info

„Holzfällen“
Noch eine Vorstellung mit Nicholas Ofczarek und der Musicbanda Franui im Schauspielhaus Stuttgart am 1. März. Der Abend ist ausverkauft, mit Glück gibt es Restkarten an der Abendkasse. Am Wiener Burgtheater ist am 5. März die nächste „Holzfällen“-Vorstellung. Im Wiener Burgtheater spielt der Schauspieler außerdem Büchners „Dantons Tod“ (15. März). Das Stück „Burgtheater“ von Elfriede Jelinek in der Regie von Milo Rau ist eine Koproduktion des Burgtheater mit den Wiener Festwochen und feiert am 18. Mai Premiere (weitere Termine 20., 23. Mai, 1., 9., 14., 20. 6.).

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