München - Mark Roschmann ist auf Jobsuche. „Müllwagenfahrer, Spargelstecher, egal was“, sagt der Stuttgarter Schausteller. Der Betreiber eines Kinderkarussells weiß, dass die Chancen auch für Aushilfsjobs gerade schlecht stehen. Aber ein Schaustellerkollege in Nordrhein-Westfalen habe gerade eine Anstellung als Verkäufer hinter einer Fleischertheke gefunden, erzählt der Chef des Schaustellerverbands Südwest. Normalerweise ist er in vierter Generation mit seiner gesamten Familie auf Volksfesten unterwegs. Schwester und Bruder betreiben jeweils einen Autoscooter, die Eltern einen Süßwarenstand. Aber der Volksfestsaison droht wegen der Pandemie dieses Jahr ein Totalausfall.
Bis Ende August hat die Politik Großveranstaltungen als potenziellen Brutstätten des Coronavirus in Deutschland eine Absage erteilt. Zuletzt hat es auch das Münchner Oktoberfest erwischt. Starkbier- und Frühlingsfeste sind ohnehin bereits von Hamburg über Stuttgart bis München bundesweit komplett gestrichen, bilanziert der Präsident des Deutschen Schaustellerbunds (DSB), Albert Ritter. Für alle anderen würden Mietverträge für Fahrgeschäfte und Stände nur noch unter Corona-Vorbehalt geschlossen. Auf den vermeintlichen Höhepunkt der diesjährigen Volksfestsaison, der für die bundesweit rund 9700 Veranstaltungen traditionell im Juni beginnt, blickt der Schausteller-Chef mit Schaudern. Es sieht düster aus für Deutschlands 5000 Schaustellerfamilien und die rund 55 000 daran hängenden Jobs.
In der Schaustellerbranche steht weiter alles still
Roschmann befürchtet einen Dominoeffekt, ausgehend von der Absage des Münchner Oktoberfests. Wenn Leuchttürme wie das oder der Cannstatter Wasen ausfallen, wage es kein Veranstalter kleinerer Volksfeste mehr zu öffnen, sagt Roschmann und fürchtet um alle rund 20 Volksfeste, die er jedes Jahr besucht.
Schausteller haben zwar vielfach ein zweites Standbein auf Weihnachtsmärkten. Bei Familie Roschmann bringt das etwa ein Drittel aller Jahresumsätze. Aber bis dahin halten ohne weitere Hilfen wohl die wenigsten Schausteller durch. „Die letzten Einnahmen waren im Dezember, wir brauchen dringend neues Geld“, sagt auch Ritter im Rückblick auf die vergangene Weihnachtsmarktsaison. „Viele stehen mit dem Rücken zur Wand.“
Das gilt auch für die Stuttgarter Schausteller-Familie. Während andere Teile der Wirtschaft wieder anlaufen, wenn auch schleppend, stehe in der Schaustellerbranche weiter alles still, klagt Roschmann. Bislang gewährte staatliche Soforthilfen würden zwar ein paar Wochen über die Runden helfen, könnten aber den Ausfalle einer kompletten Saison nicht kompensieren. „Unser Betrieb ist inhabergeführt, ich hafte voll“, erklärt der Unternehmer. Die Fahrgeschäfte der Familie würden dann zur Insolvenzmasse, was einen Neustart auch 2021 unmöglich mache. Weil ein solches Schicksal jetzt flächendeckend in der ganzen Branche droht, sind damit auch die Existenzen der deutschen Volksfeste bedroht. Ohne Fahrgeschäfte und Buden sind sie undenkbar.
Ein eigener Rettungsfonds könnte helfen
Das drohende Aus für den Rummel versetzt auch Brauern einen weiteren Tiefschlag. Denn Volksfeste und Bierzelte gehen traditionell Hand in Hand. Deutschlands Brauereien ist wegen der Pandemie schon das Wirtshausgeschäft weggebrochen. Mit Volksfesten und Vereinsfeiern kippt gerade ein zweites Standbein.
Gerade kleinere Brauereien würden vielfach fast ausschließlich von der Belieferung lokaler Feste sowie ihrer eigenen Wirtshäuser leben, erklärt Lothar Ebbertz, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds. In solchen Fällen würden 80 bis 90 Prozent des Geschäfts verloren gehen. Weil rund 70 Prozent aller bundesweit gut 1500 Brauereien in diese besonders gefährdete Kategorie fallen, droht zum Schausteller- auch ein Brauereisterben.
„Es gibt Traditionsbetriebe, die haben schon den Dreißigjährigen Krieg überlebt und beide Weltkriege, aber jetzt wird es eng“, warnt Ebbertz. Schon Ende März standen fast alle deutschen Brauereien vor der Kurzarbeit, hat eine Umfrage des Deutschen Brauer-Bunds (DBB) ergeben. Ein Fünftel befürchtet, Personal entlassen zu müssen. Drei Wochen nach dieser Befragung hat sich die Lage alles andere als entspannt. Bereits aufgegeben hat die 400 Jahre alte Wernecker Brauerei in Franken. „Wir befürchten, dass in den kommenden Wochen Gastronomen, aber auch Brauereien den Kampf ums Überleben verlieren werden“, sagt Ebbertz. Im Gegensatz zu anderen Konsumbereichen könne die eigene Branche verlorene Umsätze nicht nachholen, ergänzt der DBB. Keiner trinke im Herbst das Bier, das er im Frühling nicht konsumiert habe.
Bei Schaustellern sieht es ähnlich aus. Beide miteinander verwobene Branchen sind sich in ihren Forderungen einig. Staatshilfen in Form von Krediten oder Stundungen würden bei weitgehendem bis völligem Geschäftsausfall nichts helfen, sondern nur Zuschüsse, die nicht zurück gezahlt werden müssen, sowie ein eigener Rettungsfonds.