Eberhard Haußmann sieht seinem Ruhestand Ende September mit einem gewissen Unbehagen entgegen. Er habe seinen Beruf immer geliebt und gelebt, sagt der scheidende Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands Esslingen.
Herr Haußmann, Sie äußern sich gerne politisch. Sagt nicht Jesus: Mein Reich ist nicht von dieser Welt?
Wer fromm ist, muss sich politisch einbringen. Man kann nicht durch diese Welt gehen und glauben, alles sei in Ordnung und sie gehe einen nichts an. Hier halte ich es mit dem biblischen Gleichnis vom Weinberg. Gott als Weinbergbesitzer zahlt allen Arbeitern, auch den später Hinzugekommenen, den gleichen Lohn aus. Jedem muss also das Überleben ermöglicht werden, und daher sind der Einsatz für soziale Gerechtigkeit und die Bekämpfung von Armut ein biblischer Auftrag. Ein Sozialromantiker bin ich aber nicht. Ich weiß, dass wir nicht die totale Gleichheit haben können und dass nicht alle Menschen, die zu uns kommen, hier bleiben können. Es ist aber die Aufgabe der Kirche, sich zu positionieren. Sie muss keine Lösungen bieten, aber sie muss sich zu Fragen wie Armut und Migration äußern und auf der Seite der Armen und Benachteiligten stehen.
Wären Lösungen nicht gerade Aufgabe einer lebendigen Kirche?
Das tun wir in vielen Fällen und Feldern in der praktischen Arbeit. So haben wir in unseren Beratungsstellen 2023 mehr als 420 000 Euro an Notsorgemitteln ausbezahlt. Es gibt zum Beispiel auch seit 2015 das Projekt Rahab. Zwei Beraterinnen suchen die sieben Bordelle im Kreis Esslingen auf, um mit den Prostituierten ins Gespräch zu kommen. Die Mehrzahl der Prostituierten kommt aus Rumänien, vielen wurde der Pass abgenommen, und sie wohnen im Bordell. Gespräche und Kontakt sind wichtig – auch um Fragen der Existenzsicherung, Sozial- und Lebensfragen, der Begleitung zu Ämtern und Behörden oder Krisenintervention zu klären. Dieses Projekt ist bis Ende nächsten Jahres finanziert. Praktische Lebenshilfe leisten wir auch mit dem Fachdienst Wabe für Personen in desorganisierten Haushalten. Dazu gehören Menschen, die ihre Ordnung in ihrer Wohnung verloren haben oder sie mit bestimmten Dingen, etwa Sammelobjekten, füllen. Unsere Mitarbeitenden gehen nach Vorgesprächen in die Wohnungen und „suchen“ dort in Absprache mit dem Bewohner die verlorene Ordnung.
Prostitution oder vermüllte Wohnungen sind keine klassischen kirchlichen Tätigkeitsfelder. Ist es schwierig, solche Projekte gegen konservativere Kreise in der Kirche durchzusetzen?
Das war nie das Problem. Meine Projekte konnte ich kirchenintern immer durchsetzen. Die Schwierigkeit lag vielmehr darin, das Geld dafür zusammenzubekommen und entsprechende Fördertöpfe zu finden – was mir auch fast immer gelungen ist.
Als Sie 1999 Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes wurden, steckte Kirche noch nicht so sehr in der Klemme.
Nein, damals war Kirche noch groß, fest in der Gesellschaft verankert und hatte Geld. Die Veränderungen wie Mitgliederschwund und Finanznöte liegen an der Säkularisierung der Gesellschaft. Kirche hat für viele Menschen nicht die Antworten gefunden, die sie gesucht haben. Kirche war vielleicht auch zu bequem und glaubte, die Menschen würden weiterhin zu ihr kommen – ganz so wie sie es seit Jahrhunderten getan haben. Auch die Missbrauchsskandale mögen zur Entfremdung beigetragen haben. Doch ich war immer mehr ein Pragmatiker und Umsetzer als ein Visionär und Theoretiker.
Umgesetzt haben Sie auch die Tafeln. Wie beurteilen Sie deren Entwicklung?
Es ärgert mich, dass die sechs Tafeln im Landkreis systemrelevant geworden sind. Ursprünglich sollten in diesen Einrichtungen nicht mehr verkaufbare, aber noch gute Lebensmittel an sozial Benachteiligte verteilt werden, um die Vernichtung von Essbarem zu verhindern. Doch inzwischen werden die Tafeln als eine Säule zur Armutsbekämpfung angesehen. Das ist nicht ihr Ziel. Das wäre die Aufgabe des Staates.
Gilt das auch für die Vesperkirchen?
Die Vesperkirche habe ich zunächst in Nürtingen mit gegründet. Später kamen Esslingen und Kirchheim hinzu. Es sollten Begegnungen zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten geschaffen und Menschen am Rande der Gesellschaft unterstützt werden. Das ist gelungen, denn hier kommen – wenn auch nur für einen begrenzten Zeitraum – Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen zusammen. Bedauert habe ich, dass die Vesperkirche in Esslingen von der Frauenkirche in das Gemeindehaus Blarer verlegt wurde. Diese Veranstaltung gehört, so meine ich, in eine Kirche – auch wegen der Spiritualität des Kirchenraums.
Die Verlagerung in das Blarer geschah wohl auch, weil Helfer fehlen. Doch es kann generell nicht Planungsstrategie sein, immer mehr Aufgaben von bezahlten, festangestellten Mitarbeitern auf Ehrenamtliche zu verteilen.
Es gibt ihn wirklich, den ständigen Schrei nach Ehrenamtlichen. Doch es kann auch erwartet werden, dass sich Menschen in die Gesellschaft, in der sie leben, einbringen und ihren Beitrag zum Gelingen leisten. Ehrenamtliche sollten Hauptamtliche aber nicht ersetzen. Als ich Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes wurde, hatten wir 80 Mitarbeitende – jetzt sind es 120. Und ich möchte noch vor dem Eintritt in den Ruhestand die neue Stelle eines Kühl- und Wärmebeauftragten schaffen.
Welche Aufgaben hätte er?
Aufgrund des Klimawandels wird es immer wärmer. Dieser Temperaturanstieg kann vor allem für Menschen, die in beengten, ärmlicheren Verhältnissen leben müssen, zu einer großen Belastung werden. Der Kühl- und Wärmebeauftragte müsste nun schauen, wie in den Wohnungen für eine Kühlung gesorgt werden könnte. Und der Stelleninhaber sollte auch kühlere Orte im Landkreis aufzeigen. Kirchen zum Beispiel. Sie könnten während der heißen Jahreszeit zu einem Aufenthaltsort werden und könnten so von einem kühlen auch zu einem coolen Ort werden, der Menschen wieder verstärkt anzieht. Angedacht ist aber auch ein Kühl-Bus, mit dem Kits mit Kühlpads und Pläne der kühlen Orte verteilt werden. Ein Antrag auf Finanzierung bei der Aktion Mensch wurde gestellt.
Haben Sie weitere Ideen für Projekte?
Mir schwebt ein Kulturlotse vor. Er soll Projekte ins Leben rufen, bei denen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammengebracht werden. Der Stelleninhaber sollte auch mit Deutschen und Migranten reden, um die Besonderheiten der jeweiligen Kultur herauszufinden und Verständnis füreinander zu schaffen. Auch hier wurde ein Antrag auf eine zunächst dreijährige Finanzierung beim Deutschen Hilfswerk gestellt.
Die Kreisdiakonie Esslingen
Person
Eberhard Haußmann wurde 1959 in Grötzingen geboren und ist in Oberboihingen aufgewachsen. Nach dem Hauptschulabschluss machte er eine Lehre zum Flaschner und arbeitete ein Jahr in diesem Beruf. Dann absolvierte er eine Zweitausbildung zum Heilerziehungspfleger, holte die Fachhochschulreife nach und studierte Soziale Arbeit in Reutlingen. Nach verschiedenen Tätigkeiten übernahm er 1999 die Leitung der Kreisdiakonie Esslingen, in der die bis dahin selbstständigen Bezirke Esslingen, Kirchheim, Nürtingen und Filderstadt zusammengefasst wurden. Eberhard Haußmann ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.
Kreisdiakonie
Der evangelische Kreisdiakonieverband ist im gesamten Landkreis Esslingen für Bereiche wie Armut, Suchtkrankenhilfe, Schwangerschaftsberatung, Integration oder Schuldnerberatung zuständig. Getragen wird er von den evangelischen Kirchenbezirken Esslingen, Bernhausen, Kirchheim und Nürtingen. Nach dem Ausscheiden von Eberhard Haußmann wird eine Doppelspitze aus den beiden Sozialarbeiterinnen Christine Schneider und Tanja Herbrik die Kreisdiakonie vom 1. Oktober an leiten. Sie werden zu jeweils 60 Prozent die Leitung der Kreisdiakonie übernehmen. In der restlichen Arbeitszeit werden sie andere Aufgaben erfüllen.