Scheidender Uni-Rektor Wolfram Ressel „Die Studierenden brauchen wieder mehr Freizeit“

Wolfram Ressel sieht die Universität Stuttgart gut aufgestellt. Doch die Herausforderungen bleiben groß. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Wolfram Ressel geht in Ruhestand – nach 18 Jahren als Rektor der Universität Stuttgart. Zum Abschied spricht er über die Exzellenz der Hochschule, die erforderliche Reform der Studiengänge und warum sich die Universität stärker internationalisieren muss.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Insgesamt 18 Jahre war Wolfram Ressel Rektor der Universität Stuttgart. Jetzt geht er in Ruhestand. Vieles habe man erreicht, sagt er. Doch die künftigen Herausforderungen seien groß: Die Finanzausstattung werde schlechter, Studiengänge müssten entrümpelt und mehr ausländische Studierende für Stuttgart gewonnen werden.

 

Herr Ressel, was hat sich in den vielen Jahren im Universitätsbetrieb geändert?

Es gibt nur eine ältere Institution als die Universitäten, das sind die Kirchen. Entsprechend sind die Universitäten traditionell nicht so beweglich, wie das nach außen erscheint. Aber es hat sich einiges bewegt. Wir haben uns von einem Gebilde aus individuellen Institutionen, im Wesentlichen geprägt durch Institute, zu Verbundstrukturen weiterentwickelt. Die große wettbewerbliche Verbundforschung – Exzellenzstrategie, Forschungscampus, Innovationscluster – ist in den letzten 20 Jahren entstanden. Ich meine, das ist uns ganz gut gelungen.

Wie steht es um die Exzellenz der Universität Stuttgart derzeit?

Ich denke, wir sind heute eine geschlossene Universität, die mit wettbewerblichen Ausschreibungen sehr fokussiert umgeht und mit vielen Beteiligten gute Projekte anbietet. Beispiel Exzellenzstrategie: Wir haben zwei eigene Exzellenzcluster, Integratives computerbasiertes Planen und Bauen für die Architektur und Daten-integrierte Simulationswissenschaft. Es gibt nicht viele Universitäten, die aus der eigenen Universität heraus zwei Exzellenzcluster anbieten. Oder der Forschungscampus Arena 2036 in Vaihingen. Dort wird die Transformation der Automobilindustrie umgesetzt, in einer großen Versuchshalle immer in der Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft, Grundlagenforschung und Umsetzung in die Praxis an einem Ort. Die Leistungsfähigkeit der Universität zeigt sich auch an der hohen Drittmitteleinwerbung, pro Professur im Jahr 830 000 Euro. Wir behaupten uns auf den ersten drei Plätzen. Die RWT Aachen liegt immer vorn, wir und die TU München wechseln die Plätze zwei und drei.

Stichwort Arena 2036: Von der Grundlagenforschung zum marktgängigen Produkt dauert es in Deutschland zu lange.

Der Weg ist noch zu lang. Aber wir tun in Deutschland einiges. Auch wir haben uns des Themas angenommen. In der Arena 2036 sitzt auch die Start-up-Autobahn, wo fast täglich Start-ups gegründet werden. Was fehlt, ist Gründungskapital. Hier sind uns die US-Amerikaner und andere Länder voraus. Start-ups brauchen, wenn sie finanziell angeschoben wurden, in der Umsetzung zum funktionierenden Unternehmen Geld. Wir müssen mehr Investoren finden. Diese Kultur haben wir, anders als die USA, noch nicht.

Ist die Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft eng genug?

Ja und nein. Das Thema ist in der Wirtschaft angekommen. Es gibt auch einige Institutionen, die sich darum kümmern. Ich nenne hier nur die Vektor-Stiftung in Stuttgart, deren Stifter sich hier unglaublich engagieren. Aber das ist noch viel zu wenig. Da sind wir noch ein bisschen Entwicklungsland.

Die Uni Stuttgart rühmt sich für ihre Forschung. Was sind die Highlights?

Wir haben sieben Forschungsprofile mit Spitzenforschung auf international höchstem Level. Um nur drei zu nennen: Dazu gehören traditionell die Produktionstechnologen, dann das Thema Architektur und Bauen, hier haben wir als einzige Universität in Deutschland ein Exzellenzcluster. Und wir sind sehr stark geworden in der Quantenwissenschaft, auch dank einer hervorragenden Grundlagenforschung in der Physik.

Was ist Ihnen nicht gelungen?

Wir sind nicht Exzellenzuniversität geworden. Das hat wehgetan, mir besonders, wir hatten uns intensiv vorbereitet. Aber wir sind nur knapp gescheitert. Den Exzellenzstatus hätten wir natürlich gerne. Da geht es nicht so sehr ums Geld, aber mit dem Status spielt man international noch mal in einer ganz anderen Liga. Aber die Universität startet in eine neue Runde des Exzellenzwettbewerbs. Wenn wir wieder zwei Exzellenzcluster einwerben, dürfen wir wieder einen Antrag als Exzellenzuniversität stellen.

Im Bundesvergleich rangiert Stuttgart bei den TUs auf Platz fünf hinter Dresden, München, Aachen, Karlsruhe.

Wir leben in einem Bundesland, das exzellente Universitäten hat. Beim letzten Mal waren im Exzellenz-Wettbewerb am Ende noch sechs Universitäten aus Baden-Württemberg im Rennen, vier haben den Titel bekommen, zwei – Stuttgart und Freiburg – nicht, es war extrem knapp. Es ist schon politisch gar nicht durchzusetzen, dass mehr Universitäten aus Baden-Württemberg zum Zuge kommen, bei elf Auserwählten, das ist schließlich ein Bund-Länder-Programm.

Was fehlt der Uni Stuttgart?

Nach meiner persönlichen Meinung sind wir ein wenig zu schmal aufgestellt. Wir bräuchten noch die Medizin. Die Medizin öffnet das Tor zur Lebenswissenschaft. Wenn man diese geschickt kombiniert mit Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften, kann man in der diagnostischen Medizin völlig neue Wege gehen. Ein Riesenforschungsfeld. Dresden, München, Aachen – alle haben die Medizin dabei.

Was sind die neuen Herausforderungen?

Das sind drei Themen. Natürlich die wieder gestartete neue Exzellenzstrategie.

Herausforderung Nummer zwei?

Die Finanzierung. Wir hatten zehn, zwölf Jahre lang eine gute staatliche Finanzierung, die in Baden-Württemberg mit einem Aufwuchs von drei Prozent pro Jahr sehr gut ausgehandelt war. Wir können uns im Vergleich zu anderen Bundesländern nicht beklagen. Aber wir haben deutliche Anzeichen, dass dies in der neuen Vereinbarung zur Hochschulfinanzierung nicht mehr der Fall sein wird. Und wir haben Probleme mit den Energiekosten. Wir haben in Stuttgart viele Versuchsanlagen, die sehr viel Strom benötigen. Alleine unser Höchstleistungsrechenzentrum braucht im Jahr so viel Strom wie eine Mittelstadt mit 30 000 Einwohnern. Wir müssen folglich sparen.

Der Zustand einiger Unigebäude ist seit Jahren schlecht, Beispiel Bibliothek.

Dass zahlreiche Universitätsgebäude ihre Nutzungsdauer erreicht haben, ist offensichtlich. Dies wurde vom Rechnungshof mehrfach bestätigt und angemahnt. Dringend erforderliche Erneuerungsmaßnahmen wurden über Jahre verschoben und dauern wegen komplizierter Vorschriften viel zu lange. Wir brauchen schnellere Verfahren und neben den staatlichen auch mehr private Investitionen. Entsprechende Finanzierungsmodelle liegen auch vor. Die Instandsetzung der Bibliothek in der Stadtmitte wird aber kommen. Die Planung und Genehmigung dauern auch hier leider viele Jahre.

Herausforderung Nummer drei?

Die betrifft die Lehre. Wir haben jetzt 20 Jahre Bologna-Reform hinter uns. Wir merken, dass manches an unseren Studiengängen reformiert werden muss. Die Regelstudienzeit hat deutlich angezogen. Das hat auch damit zu tun, dass die Studiengänge zu voll sind. Wir brauchen mehr Freiheiten für die Studierenden, mehr Zeiträume, damit sie auch lernen können. Wir müssen die Studiengänge wieder schlanker machen. Wir fangen mit den Technikwissenschaften an, die machen bei uns zwei Drittel der Studierenden aus.

Die Studiengänge sind überfrachtet?

Man hat versucht, so viel wie möglich aus den Diplomstudiengängen in die grundständigen Bachelorstudiengänge zu übernehmen. Die sind zu vollgepackt. Die Masterstudiengänge hat man relativ variabel und frei gelassen, die Studierenden lieben sie. Deshalb müssen wir mehr Pflichtanteile vom Bachelor in den Master versetzen und den Bachelor etwas freier gestalten, damit etwa wieder Auslandsaufenthalte möglich sind. Und die Studierenden brauchen wieder etwas mehr Freizeit. Sie beklagen sich, dass sie gar keine Freizeit mehr haben. Manche müssen auch während des Studiums arbeiten. Jeder Studiengang wird angeschaut. Diese Aufgabe haben alle Universitäten.

In für die Uni Stuttgart zentralen Fächern wie dem Maschinenbau und der Elektrotechnik sind die Neuzugänge deutlich zurückgegangen.

Wir erfüllen unsere Kapazitätszahlen in manchen Bereichen nicht mehr. Das hat finanzielle Auswirkungen. Nach dem Ausgleichsmechanismus zahlen wir mehr als fünf Millionen Euro im Jahr an andere Universitäten. Die Gewinner sind Heidelberg, Freiburg und Tübingen. Das trifft uns richtig.

Ist das das Hauptproblem?

Das größere Problem ist der Fachkräftemangel, der in der Wirtschaft angekommen ist und der sich noch deutlich erhöhen wird. Wir haben noch recht gute Abgängerzahlen, aber in ein, zwei Jahren kommen die ganz schwachen Jahrgänge in die Wirtschaft. Das ist ein richtig großes Problem.

Was kann man tun?

Wir werden deutlich mehr ausländische Studierende einschreiben müssen. Die TU München – mit circa 50 Prozent ausländischen Studierenden – hat das vorgemacht. Wobei München allgemeine Vorteile hat wie niemand sonst. Wir liegen mit über 20 Prozent ausländischen Studenten auch weit oben, müssen aber noch attraktiver werden.

Wie kann das gelingen?

Wir müssen uns öffnen durch englischsprachige Angebote. Bachelorstudiengänge sind noch auf Deutsch, da gibt es auch rechtliche Vorgaben. Davon müssen wir weg. Dafür haben wir gerade freie Hand vom Ministerium bekommen. Wir werden die Bachelorstudiengänge Zug um Zug auch auf Englisch anbieten oder die Angebote parallelisieren, um mehr internationale Studierende anzuziehen. Bis die Deutsch können, dauert es.

Reicht das aus?

Wir müssen die ausländischen Studenten auch wollen. Die Verfahren der Visaerteilung und der Aufenthaltsgenehmigungen, alles muss optimiert werden. Der Bund mit seinen Botschaften muss mitspielen, die keine Visa mehr erteilen, und die Stadt mit ihrer Ausländerbehörde. Wir haben Humboldt-Stipendiaten, die ein weltweit anerkanntes Stipendium eingeworben haben, aber nicht einreisen dürfen, weil sie nicht in die Botschaften kommen. Manche geben ohne Visum ihr Stipendium zurück – ein Skandal.

Die weltpolitische Lage kommt dem nicht entgegen. Die Zahl der chinesischen Studierenden sinkt.

Die größte Gruppe, die chinesischen Studierenden, geht tatsächlich zurück. Doch die Zahl der Studierenden aus Indien steigt stark. Aber wir haben auch Studierende aus europäischen Ländern verloren. Die haben wir etwas vernachlässigt und uns zu sehr auf die USA, China, Asien konzentriert.

München glänzt. Und Stuttgart?

Stuttgart wird zu wenig als Wissenschaftsstadt wahrgenommen, obwohl es hier viele große Wissenschaftseinrichtungen gibt, etwa zwei große Max-Planck-Institute. Wir haben Weltfirmen mit hohen Forschungsanteilen. Stuttgart hat 60 000 Studierende. Deshalb haben wir einen Verein mit dem Verband Region Stuttgart gegründet. Wir müssen mehr Werbung machen.

Bauingenieur aus München

Zur Person
 Wolfgang Ressel wurde 1960 in München geboren. Dort an der TU hat er Bauingenieurwesen studiert. Nach der Promotion war er geschäftsführender Gesellschafter eines Ingenieurbüros. 1998 wurde er Professor für Straßenplanung und Straßenbau an der Uni Stuttgart. Hier war er Dekan der Fakultät Bau- und Umweltingenieurwissenschaft, bevor er 2006 zum Rektor gewählt und 2012 und 2018 im Amt bestätigt wurde.

Hochschule
 Im Wintersemester 2023/24 hatte die Uni Stuttgart 21 445 Studierende in 62 Bachelor- und 99 Masterstudiengängen an zehn Fakultäten. Die Uni betreibt mehrere Forschungsinstitute, einige mit Fraunhofer-Instituten und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Der Etat lag 2023 bei 626, 5 Millionen Euro. Rund die Hälfte sind Drittmittel, zum größten Teil öffentliche Mittel des Bundes oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 2023 hatte die Uni 5576 Beschäftigte. 

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