Scheidung „Nicht die Trennung stellt die Weichen für das Leben, sondern der Umgang damit“

Es ist wichtig, den Kindern zuzugestehen, dass sie den anderen Elternteil vermissen dürfen. Foto: AdobeStock/hiddencatch

Wenn Eltern sich trennen, sind Kinder oft die Leidtragenden. Was man den Kindern sagen sollte und was auf keinen Fall, erklärt die Expertin Nicola Schmidt.

Schadet jede Trennung den Kindern? Studien belegen: Wie gut Kinder eine Trennung bewältigen, hat viel damit zu tun, wie friedlich Eltern ihre Konflikte austragen, wie sehr sie trotzdem für ihre Kinder da sind und wie sie ihnen die Trennung erklären.

 

Frau Schmidt, wie sollten Eltern ihren Kindern sagen, dass sie sich trennen?

Der erste wichtige Tipp: Sagen wir es den Kindern erst, wenn wir uns entschieden haben und wirklich sicher sind! Also nicht, wenn wir nur darüber nachdenken. Das ängstigt die Kinder und verunsichert sie. Bevor wir Eltern mit dieser Nachricht zu unseren Kindern gehen, sind wir uns darüber klar geworden, was wir wollen und wie wir es umsetzen wollen. Es ist nie gut, Dinge im Affekt zu verkünden, sei es in der Trauer oder Wut. Am besten sprechen wir mit den Kindern, wenn der erste Schock schon vorbei ist und wir uns wieder gefangen haben.

Braucht es einen besonderen Rahmen dafür? Oder lieber nicht zu viel Aufhebens darum machen?

Alles, was Drama erzeugt, vergrößert den Stress. Deshalb ist es besser, wenn wir es den Kindern in einem vertrauten Rahmen erzählen. Vielleicht am Wochenende, bei einer ohnehin regelmäßig stattfindenden Familienkonferenz oder beim gemeinsamen Mittagessen. Im Idealfall erzählen wir es auch nicht, wenn am nächsten Tag Schule ansteht oder die Kinder eine Arbeit schreiben müssen. Aber ich weiß, dass man sich das in der Praxis nicht immer aussuchen kann.

„Wichtig ist, dass wir den Fokus nicht darauf legen, was verloren geht“ sagt Nicola Schmidt, „sondern auf das, was kommt.“ Foto: Privat

Die Entscheidung ist gefallen. Wie sagen sie es denn nun den Kindern?

„Wir Erwachsenen haben es entschieden, und ihr habt nichts damit zu tun.“ Das ist es, was unsere Kinder von uns hören müssen. Wir sagen den Kindern, was jetzt passiert, nicht was sie verlieren: „Wir werden jetzt neu herausfinden, wie wir Familie sein können“ statt „Wir sind jetzt getrennt.“ Denken wir immer daran: Kinder suchen die Schuld bei sich. Typische Gedanken, die sich Kinder machen, sind zum Beispiel: „Wenn ich braver gewesen wäre, dann hätten sie nicht so oft gestritten. Wenn ich ganz lieb bin, dann wird vielleicht wieder alles gut.“

Können Eltern dem vorbeugen?

Am besten ist es, wenn wir Eltern das erste Gespräch über die Trennung gemeinsam mit den Kindern führen. Wir sagen im Idealfall, dass es eine gemeinsame Entscheidung ist und dass wir weiterhin als Eltern für die Kinder da sein werden. Wichtig ist, dass wir den Fokus nicht darauf legen, was verloren geht, sondern auf das, was kommt. Wir schauen nach vorne und bauen Ängste vor der Zukunft ab. Kinder brauchen Sicherheit und das Gefühl, dass die Eltern immer da sind und dass wir uns kümmern.

Das heißt, Eltern sollten sich bei dem Gespräch mit ihren Kindern schon abgestimmt haben, wie sie es in Zukunft mit der Kinderbetreuung machen?

Das wäre ideal, damit wir auf die Fragen der Kinder vorbereitet sind. Die Studienlage zeigt, dass eine Trennung ein Prozess ist, der bis zu zwei Jahre dauern kann – wir müssen uns also nicht sofort alles festlegen oder gar klagen. Wir sagen den Kindern also die Wahrheit: „Wir probieren es jetzt einmal so aus und schauen, wie es euch und uns dabei geht.“ Und dann prüfen wir, ob das Betreuungsmodell für alle passt. Wir müssen immer schauen, ob unsere Lösungen an die Entwicklung der Kinder angepasst sind.

Größere Kinder verstehen sicher eher, warum sich Eltern trennen. Welche Erklärung verstehen kleinere Kinder?

In meiner Recherche für das Buch hat sich gezeigt, dass wir es am besten aus der Welt des Kindes heraus erklären. Wir nehmen Beispiele, die sie verstehen: „Stell dir vor, dein Freund möchte nur noch mit ferngesteuerten Autos fahren und findet Lego plötzlich doof. Dann würdet ihr viel weniger miteinander spielen, obwohl ihr beide immer noch prima Kinder seid.“

Nun ist es aber vielleicht so, dass die Partnerin fremdgegangen ist und sich das Paar deshalb trennt: Sollte man den Kindern das tatsächlich als den wahren Grund nennen?

Das ist ja nicht der Grund, weshalb man sich trennt – sondern eher ein Symptom. So etwas hat im Gespräch mit den Kindern nichts zu suchen, ebenso wenig wie Vorwürfe, wer denn nun schuld oder nicht schuld ist. Sachen wie „Papa ist fremdgegangen“ sind irrelevante Dinge, die den Kindern nicht weiterhelfen. Sich auf den wahren Grund, nämlich auf das Auseinanderentwickeln, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse zu konzentrieren, das hilft auch den Erwachsenen, die Trennung zu reflektieren.

Was brauchen Kinder in diesem Moment?

Kinder brauchen zwei Elternteile, die sich nicht in ihrer Verletzung Vorwürfe an den Kopf knallen und gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, sondern sich wie Erwachsene verhalten. Wir müssen ihnen versichern, dass wir weiter für die Kinder da sein werden. Kinder sollten immer wieder von uns hören, dass sie keinen verlieren und weiter zu beiden Kontakt halten dürfen. Das können wir Eltern gar nicht oft genug betonen, denn das ist oft ihre größte Sorge.

Manche Kinder haben in dem Moment viele Fragen, andere ziehen sich zurück und wollen erst mal allein sein. Wie reagiert man auf diesen Rückzug?

Auch hier ist es wichtig, zu zeigen, dass wir da sind. Jetzt helfen vor allem beiläufige Gespräche, nicht das große Krisengespräch, sondern eher mal beim Autofahren, beim gemeinsamen Kochen oder auch im Spiel mit kleineren Kindern. Gute Einstiegsfragen sind Sätze wie „Wie geht es dir damit, dass wir jetzt anders wohnen?“ oder „Ich habe den Eindruck, dass dir Mama manchmal fehlt, ist das so?“. Es ist wichtig, den Kindern zuzugestehen, dass sie den anderen Elternteil vermissen dürfen.

Wie verhält sich ein Elternteil am besten, wenn der andere nicht mitspielen will und einen Kleinkrieg anfängt, womöglich noch vor den Kindern?

Die Erfahrung zeigt: Es ist kein Krieg, wenn ich nicht hingehe. Das heißt: Nicht auf Beleidigungen mit Beleidigungen reagieren, sondern das Gespräch immer auf die Sachebene zurücklenken. Sachlichkeit siegt, deshalb sollte man auf Provokationen am besten nicht eingehen. Das gilt auch und besonders bei hochstrittigen Trennungen. In solchen Fällen sollten wir uns frühzeitig professionelle Hilfe holen.

Hat es langfristige Folgen für die Kinder, wenn das Gespräch über eine Trennung aus dem Ruder läuft?

Das muss nicht sein. Die Studienlage zeigt ganz klar: Trennung ein Prozess. Deshalb müssen wir Eltern uns bei diesem Gespräch nicht zu sehr unter Druck setzen. Es bleibt ja nicht nur bei einem Gespräch, sondern es werden viele weitere Gespräche mit den Kindern folgen, viele davon mit nur einem Elternteil. Dinge dürfen heilen, Beziehungen dürfen heilen.

Also kein schlechtes Gewissen haben?

Ich schreibe in meinem Buch, dass eine Trennung nicht das Leben der Kinder definiert. Es gibt gute Untersuchungen zu diesem Thema. Eine Studie mit 1400 teilnehmenden Familien von E. Mavis Hetherington hat gezeigt, dass in den meisten Familien nach zwölf Monaten wieder eine gewisse Stabilität einkehrt. Drei Viertel der Kinder aus dieser Studie zeigen ein ebenso normales Verhalten wie Kinder aus nicht getrennten Elternhäusern. Nicht die Trennung stellt die Weichen für das weitere Leben, sondern der Umgang damit. Wichtig ist, dass die Kinder mindestens einen einfühlsamen, engagierten Elternteil haben, der sie gut durch diesen Prozess begleitet.

Die Beziehunsgexpertin

Nicola Schmidt
Die Wissenschaftsjournalistin und Bestsellerautorin Nicola Schmidt wurde 1977 in München geboren und ist zweifache Mutter. Sie bietet Elterncoachings und Workshops für Fachpersonal zu dem Thema Mentale Gesundheit bei Babys und Kleinkindern an.

Ihr Buch
„Trennung ohne Drama – Wie wir Kinder beschützt durch familiäre Veränderungen begleiten“ ist im Beltz-Verlag erschienen, 22 Euro, 272 Seiten

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