Scheidungsanwältin redet Klartext Wie Frauen eine Trennung finanziell überleben

Liebe macht blind – aber besser bei der Hochzeit schon an die Trennung denken, rät Scheidungsanwältin Saskia Schlemmer vor allem Frauen. Foto:  

Wieso sich Frauen Care-Arbeit auszahlen lassen sollten, was in einen Ehevertrag gehört und wieso sich der auch noch lohnt, wenn man bereits verheiratet ist, verrät eine Anwältin.

Scheidungsanwältin Saskia Schlemmer erklärt, wie Frauen sich vor einem finanziellen Debakel schützen können, falls die Ehe scheitert, und warum sie die Ehe trotz hoher Scheidungsraten immer noch für sinnvoll hält.

 

Frau Schlemmer, über welches Thema streiten Paare im Scheidungsverfahren am häufigsten?

Am Ende geht es immer ums Geld. Egal, in welchen wirtschaftlichen Verhältnissen das Ehepaar lebt, am Ende steht ganz oft die Angst, zu viel zu zahlen. Ich beobachte immer wieder, dass beim Menschen die Schattenseiten hervorkommen, sobald verletzte Gefühle im Spiel sind – und die sind bei Trennungen nun mal vorhanden.

Niemand will sich vor der Hochzeit mit Trennung auseinandersetzen. Wieso raten Sie dennoch zu einem Ehevertrag?

Jede dritte Ehe wird geschieden! Das ist die Realität. Zu glauben, dass die eigene Ehe für immer hält, ist die Idealvorstellung, ich finde es auch gar nicht verwerflich. Trotzdem ist es wichtig, der Realität ins Auge zu sehen, damit man am Ende nicht ohne alles dasteht.

Und das kann passieren?

Das ist trotz bestehender gesetzlicher Ausgleichsansprüche möglich. Vor allem Frauen, die in der Ehe zugunsten der Care-Arbeit zurückstecken und gar nicht oder nur wenig arbeiten, kann das passieren. Es ist ein großer Fehler zu glauben, dass man automatisch sein ganzes Leben nach einer Scheidung vom Mann versorgt wird! Grundsätzlich wird verlangt, dass man spätestens nach der Scheidung wirtschaftlich auf eigenen Beinen steht. Mit Kindern ist das aber nicht immer einfach.

Foto: Swetlana Posdnyschewa

Was sollte im Ehevertrag auf keinen Fall fehlen?

Es gibt keine Klausel, die ein Allheilmittel darstellt. Das Wichtigste: Das gelebte Ehemodell in der Ehezeit sollte festgeschrieben sein, sodass bestimmte Ansprüche ausgestaltet werden. Ich rate immer dazu, beim oben angesprochenen Betreuungsunterhalt die sogenannte Erwerbsobliegenheit individuell zu regeln: Das bedeutet, festzuhalten, ab welchem Alter der Kinder oder welcher Schulklasse der Kinder man als Frau mit wie vielen Arbeitsstunden arbeiten möchte. Das kann zum Beispiel sein, dass man bis zum Eintritt in die Grundschule nur 15 Stunden arbeitet. Es sollte festgehalten werden, was für einen finanziellen Ausgleich der Ehepartner erhält, der zuhause den Großteil der Care-Arbeit übernimmt und seine Arbeitszeit reduziert.

Wieso sollte man für die Care-Arbeit zahlen?

Viele Frauen machen den Fehler und lassen sich keinerlei Ausgleich für die Care-Arbeit zahlen. Dabei kann der Mann nur Vollzeit arbeiten, weil die Frau sich um die Care-Arbeit kümmert! Das ist ein gesellschaftliches Problem: In den Köpfen ist immer noch verankert, dass diese Arbeit bei der Frau bleibt. Aber diese Arbeit ist unbezahlt - wer würde sonst eine unbezahlte Arbeit leisten? Selbst wenn sie Spaß macht? Jede Frau sollte überlegen: Was könnte ich in der Zeit machen, in der ich zu Hause bin, wie viel Geld könnte ich in der Zeit verdienen? Wenn wir in der Zeit der Care-Arbeit kein Geld verdienen, brauchen wir eine Kompensation. Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren, haben weniger Möglichkeiten Geld anzusparen, sammeln weniger Rentenpunkte und können weniger private Altersvorsorge leisten.

Was raten Sie Frauen in so einem Fall?

Zunächst einmal sollten sich Eheleute darüber klar werden, dass es ein Familieneinkommen gibt und dieses fair geteilt werden muss. Was dann genau fair ist, müssen die Ehepartner für sich klären. Dabei sollte gelten: Jede Zeit ist gleich viel wert! Das gilt auch, wenn beide gleich viel arbeiten, aber unterschiedlich viel verdienen. Care-Arbeit oder die schlechter bezahlte Arbeit wird oft abgewertet, was sofort ein Über-/Unterordnungsverhältnis in die Beziehung bringt. Frauen sollten sich nicht scheuen, in den Konflikt zu gehen.

Viele Männer sagen, sie würden ja die teuren Urlaube bezahlen.

Diese Argumente höre ich auch oft. Allen Frauen sollte klar sein: Davon kann man sich im Falle einer Scheidung nichts kaufen. Für die Altersvorsorge bringen teure Urlaube auch nichts. Deshalb ist es so wichtig, dass man über diese Dinge spricht, bevor man Kinder hat und einen Wert festlegt: Was ist es wert, wenn die Frau bei den Kindern bleibt?

Was kann man da vertraglich festhalten?

Zum Beispiel lässt sich im Ehevertrag regeln, dass das gesamte Familieneinkommen für den Lebensunterhalt der Familie zu verwenden ist und beiden Ehepartnern die Hälfte zusteht. Also zahlt der, der mehr Geld verdient, dem anderen einen Ausgleichsbetrag, so hat jeder gleich viel Geld zum Sparen und Ausgeben. Der Vorteil: Wenn jeder sein eigenes Geld zur Verfügung hat, kann man selbst entscheiden, wie man spart, ist für sich selbst verantwortlich. Das Geld kann man zum Beispiel in eine private Altersvorsorge stecken.

Machen das viele Ehepaare?

Das Bewusstsein bei Ehepaaren ist glücklicherweise gewachsen. Es ist wichtig, dass Frauen die Finanzen nie allein dem Mann überlassen, sondern immer darauf pochen, Einblicke in alles Finanzielle zu haben. Sonst läuft man immer Gefahr, dass es bei der Scheidung eine böse Überraschung gibt.

Gibt es etwas, was man vertraglich nicht festhalten kann?

Was viele nicht wissen: Alles rund ums Kind sind nicht gerichtlich durchsetzbar. Wenn man also vereinbart, im Falle einer Trennung wohnt das Kind bei der Mutter, dann ist das nicht durchsetzbar, wenn der andere bei der Scheidung sagt, er hat sich das anders überlegt. Das Gericht prüft immer anhand des Kindeswohls: Also entspricht die Regelung der Eltern dem Kindeswohl? Trotzdem rate ich dazu, solche Vereinbarungen vor dem ersten Kind zu überlegen und im Vertrag festzuhalten. Das hat immer eine gewisse Indizienwirkung. Abgesehen davon: Es ist ratsam, sich vor der Trennung, wenn man sich noch versteht, über solche Dinge zu unterhalten und nicht erst dann, wenn man sich trennt und sich gegenseitig nichts mehr gönnt!

Kann man den Vertrag jederzeit wieder ändern?

Kann man und sollte man auch, denn natürlich ändern sich die Lebensumstände.

Die Statistik, dass jede dritte Ehe geschieden wird, macht nicht viel Mut. Wieso überhaupt noch heiraten?

Die steuerlichen Aspekte sind nach wie vor das schlagende Argument: das Ehegattensplitting etwa. Oder beim Erben: Eheleute erben bis 500 000 Euro steuerfrei, nicht Verheiratete müssen ab 20 000 Euro Erbschaftssteuer zahlen. Ein gemeinsames Testament ist nur Eheleuten möglich. Versorgungsbezüge können unter Eheleuten vererbt werden, der Anspruch auf Witwenrente spricht ebenfalls für eine Ehe. Wenn man heiratet und Kinder bekommt, ist man als Frau natürlich in der Ehe abgesichert und hat nach der Scheidung Ansprüche. Paritätische Modelle sind leider immer noch nicht die Realität.

Für nicht wenige Menschen ist Ehe jedoch etwas aus der Zeit Gefallenes.

Ich sage immer: Wieso sollte man dem Staat das schenken, nur weil man aus Prinzip gegen das Konstrukt Ehe ist? Ich glaube nicht, dass sich das rechtlich in absehbarer Zeit ändern wird.

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