Scheiternde Gymnasiasten in Stuttgart Lehrer fordern Konzept für Schulwechsler

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Etliche Gymnasiasten sehen schon zum Halbjahr kein Land mehr. Doch die Klassen in den Realschulen sind voll. Das Staatliche Schulamt in Stuttgart möchte die Schülerlenkung selber in die Hand nehmen, lehnt aber einen Schulwechsel zum Halbjahr ab.

Nicht alle Schüler schaffen es, dem Unterricht im Gymnasium problemlos zu folgen. Foto: dpa
Nicht alle Schüler schaffen es, dem Unterricht im Gymnasium problemlos zu folgen. Foto: dpa

Stuttgart - Ab wann ist ein Kind im Gymnasium so überfordert, dass es am besten sofort auf eine Real- oder Gemeinschaftsschule wechseln sollte? Diese Frage beschäftigt derzeit viele Eltern, Pädagogen und die Schulbehörden. Das Problem ist dringlich: „Wir haben täglich Anfragen von Eltern, denen das Gymnasium schon zum Schulhalbjahr den Wechsel empfohlen hat – vor allem bei Schülern, die wiederholen“, berichtet Barbara Koterbicki, die geschäftsführende Leiterin der Stuttgarter Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen. Ihr Gymnasialkollege Holger zur Hausen bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung, dass er allein von 15 seiner 25 Schulleiterkollegen die Rückmeldung erhalten habe, dass es – zusammengenommen – fast eine ganze Klasse pro Klassenstufe (fünf bis neun) sei, die mit den Anforderungen im Gymnasium schon jetzt grundlegend überfordert sei. Und somit stellen sich drei Fragen: Wohin mit diesen Kindern? Wann? Und wer regelt das?

Beide geschäftsführenden Schulleiter wünschen sich, dass das Problem schulartenübergreifend gelöst wird. Zur Hausen macht deutlich, es gehe „nicht um Kinder, die mal einen Hänger haben“, sondern um Kinder, die in nahezu allen wichtigen Fächern auf Fünf stehen, die keine Hausaufgaben machen – „nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil sie es gar nicht leisten können“. Die Unterschriften fälschten, weil sie den Eltern die Klassenarbeit nicht zeigen wollten, weil sie Angst hätten. Orientierten sich die Eltern solcher Kinder stur an der Versetzungsordnung, so könnte denen zwei Jahre lang Frust auf dem Gymnasium drohen, was aus Sicht zur Hausens der schlimmste Fall wäre – für das betroffene Kind. Der Leiter des Zeppelin-Gymnasiums stellt klar: „Wir können das gymnasiale Niveau nicht senken.“ Aber: „Ein Wechsel zum Halbjahr ist für die aufnehmende Schule schwierig.“

Der Fünftklässler Max hat auf dem Gymnasium nur noch Fünfer kassiert

Dem zehnjährigen Max (Name geändert) gelang das Kunststück. Mit einer Empfehlung für Real- und Gemeinschaftsschule und der Note 2,7 war der Viertklässler ein Grenzfall, nach Rücksprache mit der Klassenlehrerin hatten ihn die Eltern trotzdem auf einem Gymnasium in der Region Stuttgart angemeldet. Max war begeistert, bis die ersten Klassenarbeiten kamen und er in Mathe und Englisch nur Fünfer kassierte. Max sei verzweifelt gewesen, dieses „ich kann das sowieso nicht“ habe sich in ihm festgesetzt, berichtet sein Vater. Schon vor Weihnachten sei ihnen klar geworden, dass für Max das Gymnasium keinen Wert habe und er schnellstmöglich wechseln müsse. Die Eltern handelten in eigener Regie. „Gerade noch“ habe Max einen Platz in einer Gemeinschaftsschule bekommen, seit Januar sei er dort. „Seitdem blüht das Kind auf, hat wieder Zutrauen, bekommt positive Rückmeldungen“, berichtet sein Vater.

Auch Koterbicki sagt: „Es macht ja keinen Sinn, die Kinder in einer Schulart sitzen zu lassen, wo sie einfach untergehen.“ Sie habe an ihrer Schlossrealschule zum Halbjahr ein Kind in Klasse fünf aus dem Gymnasium übernommen. Aber: „Wir wollen keine Massen, das geht ja auch nicht, wir haben ja gar keinen Platz.“ Das erfahren auch Eltern oder Gymnasialleiter, wenn sie eine Realschule nach der anderen anrufen und nur Absagen kassieren – oft wird parallel telefoniert. „Eine Koordinierung wäre sinnvoll“, so Koterbicki. Zur Hausen würde sich ein Konzept wünschen, das eine pädagogische Antwort darauf gibt, was mit akut leistungsschwachen Kindern geschehen soll, und eines, in dem in Klasse fünf dauerhaft mehr Kapazität bereitgestellt wird. Also kleinere Klassen. Das würde mehr Räume erfordern.

Das Staatliche Schulamt lehnt einen Schulwechsel zum Halbjahr ab

Im Staatlichen Schulamt sieht man die Sache anders: „Es gibt zum Halbjahr keine Wechsler“, sagt Amtsvize Matthias Kaiser, „das Schuljahr geht bis zum Schuljahresende. Erst dann kann eine Entscheidung getroffen werden“. Eine dauernde Fluktuation wäre ein großer Störfaktor, meint er. Nur in Ausnahmefällen reagierten sie gleich. Das seien zehn bis 15 Fälle im Jahr. „Da müssen sich nicht die Eltern auf den Weg machen – da kümmern wir uns. Wir möchten, dass das professionell über uns geregelt wird und die Schulen auf uns zukommen.“ Das solle von diesem Frühjahr an systematisiert werden. „Dann kriegt auch keiner Absagen von mehreren Schulen“, so Kaiser.

„Die Realschulklassen sind gut gefüllt“, bestätigt Kaiser. Ziel sei eine flexiblere Raumvergabe. Sie seien mit der Stadt im Gespräch, wo man weitere Klassen unterbringen könnte. Karin Korn, Chefin des Schulverwaltungsamts, sagt, die Entwicklung der Sekundarstufe 1 und eine Prognose der Anmeldezahlen seien wegen der bildungspolitischen Weichenstellungen „wenig vorhersehbar“. Ein Raumausgleich sei auf einem Schulcampus einfacher, andernfalls werde man Außenstellen einrichten.

Alle sind gespannt auf die Anmeldungen im März – ein Konzept für Schulwechsler fehlt

Kaiser ist optimistisch, dass die Beratung der Eltern durch Vorlage der Grundschulempfehlung künftig besser fruchtet. Darauf setzen auch die Schulleiter und Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Sie will, dass statt Wunschdenken eine möglichst realitätsnahe Einschätzung des Kindes greift – „deshalb setzen wir intensiv auf Elternberatung“. Ein Konzept, wie man jetzt mit den akut leistungsschwachen Kindern umgehen könnte, gibt es bisher nicht.

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