Scherbengericht bei „Anne Will“ Fast alle gegen einen: Donald Trump

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Der US-Präsident kann trotz seiner Infektion mit dem Coronavirus nicht auf Sympathiepunkte in deutschen Talkshows hoffen. Und gute Trump-Verteidiger gibt es hierzulande nicht. So blitzt auch bei „Anne Will“ die Kontroverse nur für zwei kurze Momente auf.

US-Präsident Donald Trump (hier ein Standbild aus einem Twitter-Video) im  Walter Reed Militärkrankenhaus, wo er gegen Covid-19 behandelt wird. Foto: dpa/Donald J. Trump
US-Präsident Donald Trump (hier ein Standbild aus einem Twitter-Video) im Walter Reed Militärkrankenhaus, wo er gegen Covid-19 behandelt wird. Foto: dpa/Donald J. Trump

Stuttgart - Die Situation 30 Tage vor den Präsidentschaftswahlen in den USA ist außergewöhnlich spannend. Wie steht es um den Gesundheitszustand des Corona-infizierten Donald Trump? Kann man das, was sein Stabschef und sein Leibarzt sich widersprechend bekannt geben, glauben? „So recht blickt man nicht mehr durch, welche Informationen stimmen“, sagt Anne Will zu Beginn. Aufklärung tut not. Günstiger kann ihre ARD-Talkrunde nicht terminiert sein.

Trump-Bashing ist offenbar okay

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier weiß auch nicht mehr: „Verlässlichere Informationen hat im Augenblick niemand“, bekennt der CDU-Politiker. Daher sollte man Trump erst mal eine gute Besserung wünschen und ihm Zeit geben, sich zu erholen. Das Rätselraten um dessen Gesundheit werde noch eine Zeit lang andauern.

Aber Altmaier wäre nicht Altmaier, wenn er nicht eine kleine Moralpredigt anschließen würde: „Was mich wütend und ärgerlich macht, dass es immer wieder Politiker gibt, in den USA, aber auch bei uns, die das verharmlosen und so tun, als könnte man dem Virus die Stirn bieten.“ Damit ist zwar auch die AfD gemeint. Ansonsten ist man sich in der Runde mangels Diskussionsbedarf offenbar weitgehend einig, dass Häme über den amerikanischen Patienten jetzt fehl am Platze wäre, dass ein Trump-Bashing aber okay sei – auch ein infizierter US-Präsident bietet Angriffsfläche genug.

Cem Özdemir lässt seiner Antipathie freien Lauf

Allen voran lässt der Stuttgarter Cem Özdemir seiner Antipathie freien Lauf. „Geradezu kriminell“ nennt der Grüne das „Superspreader-Event“ im Rosengarten des Weißen Hauses, bei dem Trump die Verfassungsrichterin Amy Coney Barrett für den Supreme Court nominierte. Schon weil diese beiden die Krankenversicherung für 21 Millionen US-Amerikaner wieder abschaffen wollen, „hat dieser Präsident die Wut der Menschen am Wahltag verdient“, befindet Özdemir. Denn „dieser Mensch ist das Gegenteil von Empathie und Mitmenschlichkeit“.

Bei jeder Wortmeldung macht er aus seiner Abneigung kein Hehl: Trump werde „alles tun, um nicht zu verlieren“ – weil es dann einen Untersuchungsausschuss nach dem anderen geben werde. „Ich traue dem Mann alles zu – er ist ein notorischer Lügner.“ Der Grüne hofft auf ein „reinigendes Gewitter“ bei den Republikanern, und „dass die Partei wieder ersteht“. Mittlerweile sei sie nur noch ein „Trump-Wahlverein, der mitschuldig ist an dessen Verbrechen“.

Altmaier macht aus seinem Herzen keine Mördergrube

Deutlich sachlicher gibt sich Rachel Tausendfreund vom German Marshall Fund: „Jeder Tag, den wir über Covid-19 sprechen, ist für Donald Trump ein schlechter Tag“, meint sie. Denn der wolle eigentlich gar nicht darüber sprechen. In der Tat gibt sich Trump lieber „als Chearleader der Nation – als unschlagbarer Siegertyp und kraftstrotzender Kämpfer, der mit aller Macht vermeiden will, dass er schwach wirkt“, wie ARD-Korrespondent Stefan Niemann urteilt. Dass Trump mit der Infektion Mitleidspunkte sammeln kann, mag hier niemand glauben.

„Verdient er (Trump) es, wiedergewählt zu werden?“, fragt Anne Will den Wirtschaftsminister dann ganz ernsthaft. „Sie wollen nicht wirklich, dass ich mich in den Wahlkampf der USA einmische“, empört sich dieser für die Galerie, um in einem Atemzug hinzuzufügen, dass „ich aus meinem Herzen aber keine Mördergrube mache“. Denn „vieles von dem, was er gemacht hat, entspricht nicht meiner Vorstellung von Politik.“ Die Spaltung des Landes „hat er in seiner Amtszeit noch vertieft“. Und die USA hätten in den vergangenen vier Jahren weltweit „an Einfluss verloren, nicht gewonnen“.

Der Quoten-Republikaner spielt nicht mit

Allerdings gibt es auch hier– wie schon bei der ähnlich unausgewogen besetzten Runde von „Maybrit Illner“ (ZDF) am vorigen Donnerstag – einen Quoten-Republikaner, der sich am Trump-Bashing nicht beteiligen mag: Roger Johnson, der aus Tschechien zugeschaltete Vizepräsident von Republicans Overseas in Europa, nimmt die ihm zugedachte Rolle an. Nur weiß er nicht viel mehr zu sagen, als dass er dem Präsidenten vertraue, auch weil dieser seine Wahlversprechen erfülle.

Immerhin hat Johnson einen hellen Moment, als Britta Waldschmidt-Nelson, Geschichtsprofessorin an der Universität Augsburg, kundtut, dass die Republikaner schon mehr als 50 000 ehemalige Polizisten rekrutiert hätten, um insbesondere Schwarze vom Wählen abzuhalten. Titel dieses Vorhabens: „Election Day Operation“. Johnson kontert, dies sei „reine Fantasie“ – davon habe er noch nie gehört. So muss die Professorin zugeben, dass sie es „online gelesen“ hat. Da murrt der Trump-Verteidiger mit Recht: „Keine Ahnung, welche Website so was erzählt.“

Ein Briefwähler und sein Misstrauen gegen Briefwahlen

Allerdings tappt Johnson seinerseits ins Fettnäpfchen, als er wie sein Präsident Misstrauen gegen die Briefwahlen schürt, aber auch nebenbei erwähnt, dass er seit 40 Jahren in Europa lebe und stets per Brief wähle. Außerdem unterstellt er den Demokraten Manipulationen in dem Zusammenhang, was Rachel Tausendfreund unmissverständlich als „Einzelfälle“ einordnet. Obwohl diese „unwahre Geschichte immer wieder erzählt wird, gibt es dafür keine Indizien“, sagt sie.

Das sind auch die zwei einzigen Spannungsmomente des Scherbengerichts über Donald Trump. Für den abschließenden Regierungssegen ist dann wieder Peter Altmaier zuständig: „Mein Vertrauen in die demokratische Kraft der USA ist ungebrochen“, sagt der Minister, der in dieser Runde null Wirtschaftskompetenz beweisen muss. Er sei überzeugt, dass niemand dauerhaft gegen ein klares Votum der Wähler Präsident sein könne. „Diese demokratische Kultur übersteht alles.“




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