Fellbacher Frührentnerin erzählt Wie lebt es sich an der Armutsgrenze?

Wer in Frührente geht, hat oft mit finanziellen Problemen zu kämpfen (Symbolfoto).Foto: Imago/photothel/Florian Gaertner Foto:  

Durch eine Krankheit ist eine Fellbacherin zur Frührentnerin geworden – und an den Rand des Existenzminimums geraten. Bürokratie und Vorurteile gehören für die 56-Jährige zum Alltag. Sie gibt Einblicke in ihr Leben – aus einem besonderen Grund.

Die 56-jährige Carmen Rose ist wegen einer Krankheit Frührentnerin und lebt mit ihrem 19-jährigen Sohn in einer Zweizimmerwohnung in Fellbach. Seit ihrem 16. Lebensjahr habe sie immer in Vollzeit gearbeitet, zuerst als Altenpflegerin, dann als Justizangestellte, sagt sie. Bis es nicht mehr ging. „Ich habe meine Arbeit immer gern gemacht.“

 

Wenn die Erwerbsminderungsrente nicht zum Leben reicht

Eine Autoimmunerkrankung, die seit Jahren austherapiert sei, lasse keine weitere Beschäftigung zu. Ihre Erwerbsminderungsrente beträgt 800 Euro. Hinzu kam bis vor Kurzem noch Kindergeld für ihren Sohn. Seit er die mittlere Reife abgeschlossen und einen Minijob gefunden hat, fällt diese Zahlung weg. Sie bezieht Wohngeld, 200 Euro im Monat. Damit kann sie sich die Zweizimmerwohnung gerade noch leisten.

Es fällt der Fellbacherin merklich schwer, sich durchzuringen, über ihre Situation zu sprechen. Sie befürchtet, missverstanden zu werden und undankbar zu erscheinen. Dabei dürften ihre Sorgen und Ängste in diesen krisengeschüttelten Zeiten vielen Menschen auch im Kreis bekannt vorkommen.

Ein Alltag fern von finanzieller Sicherheit

„Ich habe Glück, weil ich in Fellbach wohne und die Wohngeldstelle sehr bemüht und hilfreich ist“, sagt Carmen Rose. Trotzdem habe sie Angst, ausziehen zu müssen. Die Wohnung sei mit 60 Quadratmetern angeblich zu groß für zwei Personen. Sollte ihr Sohn ausziehen, habe sie wohl keine Chance, die Wohnung behalten zu können.

Belastender als die Aussicht auf einen Umzug, der zahlreichen behördlichen Auflagen gerecht werden müsste, ist für die Fellbacherin jedoch die massive finanzielle Unsicherheit, die für sie zum Alltag geworden ist. Wenn die Waschmaschine kaputt gehe, habe sie keine Möglichkeit, sie zu ersetzen, sagt Rose. „Das geht mir auf Dauer gesundheitlich an die Substanz.“ Für Unternehmungen, etwa Restaurantbesuche, bleibe am Ende des Monats nicht genug übrig.

Kein Geld für Zukunftspläne

Handlungsbedarf sieht sie vor allem bei den Ämtern. Die Wartezeiten seien oft lang, da die zuständigen Behörden überlastet seien. Das Bewältigen der Bürokratie erledigt Carmen Rose selbst. An das oft monatelange Warten auf Entscheidungen hat sie sich längst gewöhnt. Wenn sie vom Ausfüllen von Anträgen, dem Hinterhertelefonieren und Vorrechnen ihrer Einnahmen und Ausgaben berichtet, hört es sich nach einem Vollzeitjob an. Einem, für den sie im Gegensatz zur einstigen Arbeit mit reichlich Vorurteilen bezahlt zu werden scheint.

Carmen Rose betont, dass sie nicht jammern wolle. Sie sei froh über Rente und Wohngeld und dankbar, dass ihr Sohn sie nun finanziell durch seinen Minijob unterstütze. Gleichzeitig fühle sie sich schlecht, dass er nicht, wie andere Jugendliche in seinem Alter, Geld für die Zukunft zurücklegen könne. „Es kann doch nicht sein, dass mein Sohn mitverantwortlich für mich ist.“

Der Minijob soll nur eine Übergangslösung sein, bis ihr Sohn eine Ausbildung gefunden hat. Er interessiert sich für Mediengestaltung und hat auch überlegt, noch das Abitur zu machen. Die Pläne für einen höheren Bildungsabschluss liegen jedoch erst einmal auf Eis, da dafür das Geld nicht reicht. Ohne das Gehalt des Sohnes würde die Lücke in der Haushaltskasse noch tiefer klaffen. Berufsbegleitender Unterricht an einer Abendschule kostet wiederum Geld. Geld, das sie nicht habe.

Ständige Konfrontation mit Vorurteilen

Dass Zahlungen wie Kindergeld oder Minijob mit ihrer Rente verrechnet werden, ist für Carmen Rose verständlich. „Das ist vollkommen korrekt so“, sagt sie. Sie wünscht sich jedoch, dass ihr Sohn zumindest einen Teil seines Gehalts behalten könnte. „Ist es wirklich immer so fair, alles zu hundert Prozent anzurechnen, oder könnte man ihm nicht ein Drittel lassen?“ Wenigstens ein kleines Budget für Aktivitäten und Dinge zu haben, die für andere selbstverständlich seien, wäre schön. Einen Notgroschen auf die Seite legen zu können, ebenfalls.

In diesem Zusammenhang kommt Rose auf Vorurteile zu sprechen, die ihrem Empfinden nach viele Menschen, die nicht auf staatliche Hilfe angewiesen sind, ärmeren Bürgern gegenüber hegten. „Jeder, den ich kenne, der auf finanzielle Hilfe angewiesen ist, wäre das lieber nicht“, sagt sie. Zudem bekämen sie und andere nichts geschenkt. Die Leistungen würden regelmäßig überprüft, und sie müsse verschiedenen Ämtern ihre Ausgaben vorrechnen. „Manchmal komme ich mir wie ein Bittsteller vor.“

Überlastete Behörden als ein Kernproblem

Die aktuelle Diskussion um die geplante Erhöhung des Bürgergeldes, auf das sie als Rentnerin keinen Anspruch hat, ist für Carmen Rose nur schwer nachvollziehbar. „Die Menschen sollten nicht vergessen, dass jeder mal auf Hilfe angewiesen sein kann, und dass es gut ist, dass wir einen funktionierenden Sozialstaat haben.“ Noch weniger Verständnis hat sie für all jene, die geflüchteten Menschen vorwerfen, auf Kosten Deutschlands zu leben. „Die Flüchtlinge sind nicht an meinen Problemen schuld.“ Mit dem Finger auf andere zu zeigen, davon hält Carmen Rose nichts. Es geht ihr um das System an sich, das den Menschen nicht gerecht werde.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Fellbach Armut Behörden Bürokratie Geld