Es war eine sehr aufgeheizte Stimmung an diesem Samstag im Oktober 2020 im Stadion an der Hohenstaufenstraße. Der Schlag eines Spielers gegen den Hals seines Gegners bei der Oberliga-Partie 1. Göppinger SV gegen FV Ravensburg ließ die Emotionen überkochen. Es gab Provokationen, eine Rote Karte – und Rudelbildung. Schiedsrichter Manuel Bergmann musste die Partie für vier Minuten unterbrechen, seine Assistentin und damalige Freundin Jessica (damals noch mit dem Nachnamen Mast) rannte zur Deeskalierung der Lage aufs Feld, wollte helfen, die Streithähne zu trennen – und plötzlich war sie im Pulk verschwunden. „Ich habe sie gar nicht mehr gesehen und nur gehofft, dass sie mit ihren 1,64 Metern da wieder heil herauskommt“, sagt Manuel Bergmann mit einem Augenzwinkern.
Im achten Jahr in der Regionalliga
Es kann schon mal heiß hergehen, wenn das pfeifende Pärchen aus Laupheim seinem gemeinsamen Hobby nachgeht. Seit September 2021 gehen sie als verheiratete Eheleute im Gleichschritt durchs Leben, dass sie als Gespann Spiele leiten, kommt dennoch eher selten vor. Meistens sind sie getrennt unterwegs. Der 32-Jährige im achten Jahr als Schiedsrichter bis zur Männer-Oberliga und als Assistent oder vierter Offizieller in der dritten Liga. Seine bessere Hälfte pfeift bei den Männern bis zur Landesliga und fungiert an der Linie in der Frauen-Bundesliga.
Klar, dass sie sich über ihre Leidenschaft fürs Pfeifen auch kennengelernt haben. Manuel ist für die Schiedsrichtergruppe Ulm/Neu-Ulm im Einsatz, Jessica für die Schiedsrichtergruppe Riss. Bei einem gemeinsamen Training der beiden benachbarten Gruppen kamen sie miteinander in Kontakt. Als die Liebe noch gar nicht entflammt war, fragte Manuel 2016 beim Schiedsrichtereinteiler, ob er Jessica zu einem Oberliga-Spiel in sein Gespann holen dürfte. „Jessica hat nicht gedacht, dass ich das mache, aber es hat geklappt“, blickt Manuel Bergmann auf die geglückte Premiere bei der Partie der Stuttgarter Kickers II in Göppingen zurück. In den folgenden Wochen und Monaten verlängerten sie immer öfter die Nachspielzeit außerhalb des Rasens, intensivierten ihren persönlichen Kontakt. Schließlich verbanden sie die Schiedsrichterei und die Liebe.
Papa als Vorbild
Die 28-Jährige spielte früher Fußball beim SV Mietingen, zum Pfeifen kam sie ohne familiäre Vorbelastung. Im Gegensatz zu Manuel: Der ehemalige Jugendkicker des TSV Erbach und Fan des VfL Bochum wusste genau, auf was er sich einlässt. Sein Papa Rüdiger – früher hauptberuflich viele Jahre Sportchef der Südwestpresse Ulm – leitete Spiele in der seinerzeit noch drittklassigen Oberliga und ist heute Obmann der Schiedsrichtergruppe Ulm/Neu-Ulm. „Manuel hat mich früher zu Spielbeobachtungen begleitet. Dann einen Schiedsrichter-Neulingskurs besucht, Feuer gefangen und ist dabeigeblieben“, freut sich Rüdiger Bergmann, dass sein Sohn in seine Fußstapfen trat.
Stresssituationen gewohnt
Natürlich wird in der Familie Bergmann auch viel gefachsimpelt. Wer daheim nach wessen Pfeife tanzt? „Bei uns haben beide die Hosen an, wir haben durch unser Hobby beide gelernt, uns durchzusetzen, aber auch zu vermitteln“, sagt Manuel Bergmann. Das hilft auch im Berufsleben, in dem Jessica als Beamtin bei der Stadt Biberach und er als Projektmanager tätig ist und in seinem Unternehmen auch schon in die Mediatorenrolle schlüpfte, als sich zwei Kollegen nicht grün waren.
Mit Stresssituationen umzugehen ist er vom Spielfeld her gewohnt: „Wir müssen in Bruchteilen von Sekunden Entscheidungen treffen. Das hilft auch in manchen Situationen, den Alltag besser zu meistern.“
Keine Probleme mit Rollenverteilung
Wenn Jessica und Manuel Bergmann im Gespann Spiele leiten, ist die Rollenverteilung allerdings klar verteilt. Der Schiedsrichter ist der Chef. Seine Herzensdame hat damit kein Problem. Das ist nicht immer so. Ihre Kollegin Johanna Granzow-Emden von der Schiedsrichtergruppe Stuttgart hatte gemeinsame Sache mit ihrem pfeifenden Freund einst im Interview mit unserer Redaktion ausgeschlossen: „Ich bin es in der Beziehung ja auch nicht gewohnt, mich unterzuordnen, und könnte das nicht trennen“, sagte die selbstbewusste junge Dame.
Ansonsten ist der Pärchenbetrieb im Schiedsrichterwesen nicht besonders ausgeprägt. Bibiana Steinhaus und Howard Webb gingen als das bekannteste Schiedsrichter-Paar der Welt in die Geschichte ein. Gemeinsam als Gespann im Einsatz waren sie aber nie. Genauso wenig wie Fifa-Schiedsrichterin Fabienne Michel (Gau-Odernheim) mit ihrem Freund, dem Drittliga-Schiedsrichter Tom Bauer. Dagegen feierte das türkische Ehepaar Burak und Gamze Pakkan seine Premiere im September 2021 beim Zweitligaspiel MKE Ankaragücü gegen Genclerbirligi.
Hausbau im Fokus
Bleibt die Frage, was Manuel und Jessica Bergmann noch für Ziele verfolgen. „Wir wollen Spaß an unserem Hobby haben, alles andere kommt von allein“, sagt Manuel. Privat steht derzeit der gemeinsame Hausbau an. Mit der Nachwuchsplanung lässt sich das Paar noch Zeit. Doch ausgeschlossen ist nicht, dass irgendwann einmal die Schiedsrichter-Tradition im Hause Bergmann ihre Fortsetzung findet.