Sanchia Fidlin vom SV Kornwestheim ist seit über 20 Jahren Handball-Schiedsrichterin und wünscht sich mehr Kolleginnen auf der Platte.

Frauen als Schiedsrichter sind selten im Handball. Sanchia Fidlin vom SV Kornwestheim pfeift seit über 20 Jahren und kennt die Vorurteile.

 

Gleich zu Karrierebeginn als Schiedsrichterin im Handball passierte Sanchia Fidlin ein einschneidendes Erlebnis. Nach Spielende eines ihrer ersten gepfiffenen Spiele, bekam sie Ärger, wurde verbal und mit Gesten von allen Seiten angegriffen. Kein schöner Moment, aber ein Moment, der die heute 38-Jährige prägte und stärkte. Denn mittlerweile, 20 Jahre später, sagt Fidlin selbstbewusst: „Heute weiß ich, ich muss niemand etwas beweisen.“

Die Kornwestheimerin startete ihre Laufbahn als Unparteiische sehr früh. Mit rund zehn Jahren kam die heutige Mutter von zwei Söhnen durch eine Freundin zum Handball. Fünf Jahre später begann die damals 15-Jährige als Trainerin beim SV Kornwestheim. „Es hat mir schon immer viel Spaß gemacht, mich um die Jüngeren zu kümmern“, sagt Fidlin. Zuletzt hat sie fünf Jahre die männliche B-Jugend trainiert. Aktuell ist sie beim SVK in der Funktion als Jugendkoordinatorin tätig und kümmert sich um die männliche Bezirksauswahl.

Dumme Sprüche von Männern bleiben nicht aus

Während ihrer ersten Trainertätigkeit kam auch das Thema Schiedsrichter auf. „Zeitung austragen war nicht so meins. Ich fand Schiri den besseren Nebenjob, also legte ich los“, erinnert sich Fidlin lachend zurück. So wurde die damals 15-Jährige also Schiedsrichterin. Bis heute bereut sie dies nicht. „Früher war es sehr undankbar, aber mittlerweile ist es viel ruhiger und angenehmer geworden“, sagt Fidlin, die seit fünf Jahren in Tamm lebt. Damals aber musste sich Fidlin noch viele Sprüche – vorwiegend von Männern – anhören. „Die waren oftmals nicht nur unschön, sondern richtig richtig unverschämt“, weiß die 38-Jährige und sagt klar: „Schönreden kann man es nicht. Es ist ein undankbarer Job.“

Wer Schiedsrichterin sein will, muss jedes Jahr Lehrgänge und einen Regel- und Lauftest absolvieren. Deshalb geht sie regelmäßig ins Fitnessstudio. Die körperliche Fitness ist aber noch nicht alles. Die Regeln im Handball ändern sich ständig. Den Überblick zu behalten ist nicht einfach. Alle drei Jahre gibt es zudem eine Hauptversammlung der Referees. Im Schnitt pfeift Fidlin 20 bis 25 Spiele pro Saison, vorgeschrieben sind ein Minimum von 16 Begegnungen. Bei den Männermannschaften darf Fidlin bis zur Landesliga antreten, bei den Frauen-Teams bis zur Verbandsliga.

Sanchia Fidlin ist bei Frauenspielen bis in die Verbandsliga im Einsatz. Foto: Avanti

Auch wenn es früher immer wieder zu heiklen Situationen kam, heutzutage geht es hauptsächlich fair und friedlich auf und neben dem Spielfeld zu. Das ist Fidlin äußerst wichtig zu erwähnen. „Ich möchte keinesfalls, dass ein falscher Eindruck entsteht“, sagt die Schiedsrichterin aus Leidenschaft. Doch sie leugnet nicht, dass sie mal mit Flaschen beworfen wurde und ein Trainer mit der geballten Faust auf sie zugerannt kam. Die Emotionen im Sport kochen eben schnell hoch. Das passiert auch den männlichen Kollegen.

Die Unparteiische weiß auch, dass auf der Platte leicht Fehler passieren können. Schließlich muss in Sekundenbruchteilen entschieden werden. Vor allem Schrittfehler sind das Leid der Schiedsrichter. „Es kommt immer wieder vor, dass ich mich vertue“, sagt Fidlin. Während sie sich früher stundenlang den Kopf darüber zerbrach, ist die 38-Jährige heute wesentlich entspannter und weiß: „Es prallt so viel auf einen ein, da ist es nur menschlich, dass Fehler passieren.“

Engagement hilft auch im Berufsleben weiter

Fidlin möchte vor allem die positiven Seiten des Jobs hervorheben. Denn auch davon gibt es mehr als genug. „Ich habe durch meine Tätigkeit als Referee mein starkes Durchsetzungsvermögen erworben. Das hat mir im Berufsleben schon sehr viel geholfen“, sagt die Mutter, die gelernte Übersetzerin ist. Aktuell orientiert sich Fidlin mit einem Zweitstudium zur Lehrkraft an der Universität Tübingen um.

Fidlin hat gelernt mit all dem, was das Schiedsrichtersein mit sich bringt, umzugehen und es im privaten und beruflichen Leben als Vorteil zu nutzen. „Mein größtes Lob ist es heute, wenn der Verlierer nach der Partie zu mir kommt und sagt: gut gepfiffen“, sagt Fidlin. Jetzt wünscht sich die Unparteiische des SVK noch mehr Kolleginnen auf der Platte. „Wagt den Schritt! Es macht richtig Spaß und die Erfahrungen helfen euch ein Leben lang“, rät die Schiedsrichterin. Mit einem breiten Lächeln fügt sie noch hinzu: „Zudem könnt Ihr sagen: alle tanzen nach meiner Pfeife.“ Man spürt: Sanchia Fidlin freut sich bereits jetzt auf die neue Saison.