Schienenkonzern Go-Ahead Britischer Neuling ärgert die Deutsche Bahn

Die Grafik zeigt einen Elektrotriebwagen von Go-Ahead im Landesdesign, der von 2019an  zwei Strecken in Baden-Württemberg befahren soll. Foto: MVI
Die Grafik zeigt einen Elektrotriebwagen von Go-Ahead im Landesdesign, der von 2019an zwei Strecken in Baden-Württemberg befahren soll. Foto: MVI

Go-Ahead will von 2019 an im Regionalverkehr halb so teuer fahren wie die Bahn - angeblich ohne Dumpinglöhne. Unser Autor hat sich den britischen Verkehrskonzern genauer angeschaut. 

Berliner Büro: Thomas Wüpper (wüp)

Berlin - Stefan Krispin ist ein Manager mit internationaler Erfahrung. In New York und Madrid war der Diplomingenieur für Transportsysteme an Flughäfen zuständig, beim Schienenfahrzeughersteller Bombardier leitete er danach zahlreiche Projekte. Seit zwei Jahren verantwortet der Manager den Eintritt des britischen Verkehrskonzerns Go-Ahead in den deutschen Nahverkehrsmarkt und kann nun den ersten beachtlichen Erfolg vorweisen. „Unsere gründliche Arbeit ist belohnt worden“, sagt Krispin beim Gespräch in der Berliner Dependance. Bei der Neuvergabe der drei großen Regionalbahnnetze in Baden-Württemberg bekam Go-Ahead gleich zwei Mal den Zuschlag. Auftragswert: rund 1,4 Milliarden Euro.

Die Briten sollen ab 2019 die Strecke von Stuttgart nach Crailsheim und Ulm betreiben (Rems-Fils-Netz) sowie die Verbindung von der Landeshauptstadt nach Aalen, Karlsruhe und Würzburg (Franken-Enz-Netz). Die Vergabe der wichtigsten Strecken des Schienenregionalverkehrs im Südwesten wird jedoch erst vor Gericht endgültig entschieden. Die bundeseigene Deutsche Bahn AG, deren Tochter DB Regio die Strecken bisher befährt und wegen eines Formfehlers ausgeschlossen wurde, will die Entscheidung der Landesregierung von Baden-Württemberg nicht akzeptieren. Der Konzern erhob erst vergeblich Beschwerde vor der Vergabekammer und zog jetzt vor das OLG Karlsruhe. Damit könnte wie in ähnlichen Fällen ein langwieriger juristischer Streit drohen.

Das Vorgehen der Bahn löst bei den Briten Verwundern aus

Stefan Krispin ist der Ärger darüber anzumerken. „Bei eindeutiger Sachlage sollte ein Ergebnis akzeptiert werden. Wir brauchen Wettbewerb ohne schlechte Verlierer“, sagt er. Der Manager lässt durchblicken, dass das rigide Vorgehen des deutschen Staatskonzerns gegen den britischen Neuling in der Go-Ahead-Zentrale in London einige Verwunderung ausgelöst hat. „Wir spielen fair – und deshalb wollen wir auch fair behandelt werden.“ In Großbritannien würden Zuschläge an Konkurrenten anerkannt und nicht angefochten. Muss Go-Ahead nun alle Vorbereitungen auf Eis legen und abwarten? „Wir finden es natürlich schade, dass die DB alle Register zieht, um die Entwicklung aufzuhalten“, sagt Krispin. „Solche Verfahren kosten viel Geld und können lange dauern, wie man beim Streit um die Neuvergabe des Nürnberger S-Bahn-Verkehrs sieht.“ Hier sei die Sachlage aber recht eindeutig, der Formfehler der DB unter Experten unstrittig. „Wir hoffen daher, dass das OLG Karlsruhe schnell entscheidet und der Fall in wenigen Monaten geklärt ist.“

Auf der Insel ist Go-Ahead seit fast 30 Jahren im liberalisierten Verkehrsmarkt aktiv. Das börsennotierte Unternehmen beschäftigt 26 000 Mitarbeiter und befördert mit den Ablegern Southeastern, Govia Thameslink Railway (GVR) sowie London Midland rund 30 Prozent aller Bahnreisenden. Zudem betreibt man 4600 Busse, darunter auch die berühmten roten Doppeldecker an der Themse. Die Eigentümer von Go-Ahead, darunter Pensionsfonds, seien „nicht an kurzfristigen Superrenditen interessiert, sondern an langfristig verlässlichen Verzinsungen des eingesetzten Kapitals“, betont Krispin.

Go-Ahead betreibt DB-Strecken künftig zum halben Preis

Für die Deutsche Bahn würde der Auftragsverlust eine weitere schwere Niederlage bedeuten. Bisher befährt der Konzern die lukrativen Strecken im Südwesten auf Basis des politisch heftig umstrittenen „Großen Verkehrsvertrags“ von 2003. Dafür zahlte das Land laut Gutachten insgesamt bis zu 1,25 Milliarden Euro zu viel. Kritiker sehen den Vertrag als versteckte Subvention, damit der Konzern das von der früheren CDU-Regierung erwünschte, aber für die Bahn wenig rentable Großprojekt Stuttgart 21 wiederbelebte. Go-Ahead betreibt die bisherigen DB-Strecken künftig zum halben Preis – was den Steuerzahlern viel Geld spart und dem Land die Bestellung von mehr Zugangeboten ermöglicht.

Wie ist das zu schaffen? „Jedenfalls nicht mit Dumpinglöhnen“, betont Krispin. „Wir haben solide mit aktuellen Tarifgehältern kalkuliert, werden uns aber schlank und effizient aufstellen.“ Mit den Bahngewerkschaften habe man bereits konstruktive Gespräche geführt und werde Tarifverträge abschließen. Die Protestdemos von DB-Mitarbeitern, die durch den Auftragsverlust bis zu 1000 Jobs im Konzern gefährdet sehen, will Krispin nicht kommentieren. „Der Wettbewerb im Regionalverkehr ist politisch gewollt, die Neuvergabe bringt dem Land viele Vorteile und verlangt natürlich Umstellungen“, sagt der Manager.

Bahn-Mitarbeiter erhalten Angebote von den Briten

Go-Ahead will für das Betriebsteam in Stuttgart einige Hundert neue Mitarbeiter einstellen. So brauchen die Briten neben Triebwagenführern und Fahrpersonal auch Fachleute für eine neue Werkstatt, für den Vertrieb und die Verwaltung. „Uns sind auch bisherige DB-Mitarbeiter willkommen“, wirbt Krispin. „Aber natürlich können wir als Neuling nicht alle Sonderkonditionen bieten, die einem seit 30 Jahren verbeamteten DB-Lokführer zustehen.“

Zunächst muss nun aber das Gericht über die endgültige Vergabe entscheiden. Bahn-Chef Rüdiger Grube will mit seinem Konzept „Zukunft Bahn“ auch den Regionalverkehr wieder erfolgreicher machen. Zur Vorwärtsstrategie scheint knallhartes Vorgehen gegen Konkurrenten zu gehören. Gegen den Zuschlag für National Express in Nürnberg zog die Bahn ebenfalls vor die Vergabekammer, bereits seit Anfang 2015 hängt der Fall in der Luft. Während sich die Betreiberwechsel wegen Klagen verzögern, kann der Ex-Monopolist das betreffende Netz übergangsweise weiterführen. Auch für die drei großen Netze in Baden-Württemberg hat der Konzern bereits einen Übergangsvertrag bis 2019 erhalten. „Diese Zusammenhänge sollte auch die Politik in Berlin beachten“, fordert Go-Ahead-Manager Krispin. Für den Standort Deutschland, den allseits erwünschten Wettbewerb im Regionalverkehr und für andere Bieter sei es jedenfalls „kein erfreuliches Signal, wenn ehemalige Monopole mit so harten Bandagen verteidigt werden“.

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