Schienenverkehr Deutsche Bahn mit 67 Jahren Verspätung
Im europäischen Vergleich schneidet der hiesige Schienenverkehr katastrophal ab. Das neue Bahndaten-Portal Chuuchuu zeigt das Ausmaß des Debakels.
Im europäischen Vergleich schneidet der hiesige Schienenverkehr katastrophal ab. Das neue Bahndaten-Portal Chuuchuu zeigt das Ausmaß des Debakels.
Evelyn Palla soll die Trendwende schaffen. Für die neue Chefin der Deutschen Bahn AG ist eine bessere Zuverlässigkeit der Züge ein zentrales Ziel, an dem die Arbeit der Südtirolerin von Kunden und der Politik gemessen wird. Denn mit nur noch 60 Prozent halbwegs pünktlichen Fernzügen erreichte die Flotte der rund 400 ICE-Züge im abgelaufenen Jahr einen weiteren Tiefpunkt bei der Betriebsqualität. Ein aktueller europäischer Vergleich zeigt nun das ganze Ausmaß des Desasters im hiesigen Schienenverkehr.
Nach einer Auswertung des belgischen Bahndaten-Startups Chuuchuu fuhren die DB-Fernverkehrszüge 2025 insgesamt 67 Jahre Verspätungen ein – fast so viel wie die anderen sechs Länder in der Studie zusammen, nämlich die Schweiz, Niederlande, Belgien, Österreich, Frankreich und Italien. Insgesamt summierten sich die Zugverspätungen in Zentraleuropa demnach voriges Jahr auf 71,3 Millionen Minuten, was rund 136 Jahren Zeitverlust für die Reisenden entspricht. Das Datenportal hat dazu insgesamt 17,3 Millionen Ankünfte in den sieben Ländern erfasst und ausgewertet.
Demnach fuhren 19,1 Prozent aller Züge mindestens mit fünf Minuten Verspätung oder fielen ganz aus. Der deutsche Zugverkehr rangiert abgeschlagen mit nur 58,8 Prozent halbwegs pünktlichen Fahrten am Ende der Skala. Die Schweiz und die Niederlande glänzen mit fast 97,8 und 93,9 Prozent Zuverlässigkeit, Belgien (88,6) und Österreich (82,2) liegen im Mittelfeld, Frankreich (79,7) und Italien (62,0) dahinter.
Für Chuuchuu-Chef Arne Nys ist Unpünktlichkeit der Hauptgrund, warum Menschen Züge meiden, gefolgt von hohen Preisen. Das Start-up will mehr Transparenz für Reisende schaffen und bietet in der Betaversion seines Onlineangebots bereits kostenlose Abfragen, wie zuverlässig Bahnverbindungen sind und welche Züge Reisende wählen sollten, um größere Verspätungen möglichst zu vermeiden. Dazu werden Echtzeitdaten ausgewertet und Statistiken erstellt. Später wollen die Belgier auch Buchungen anbieten.
In der Top 10 der meisten Verspätungen 2025 stehen allesamt Nachtzüge, die auf den langen Strecken oft an Grenzen warten, Personal- oder Lokwechsel vornehmen müssen und unter der Vorfahrt für den nächtlichen Güterverkehr sowie vielen Baustellen, Sperrungen und Umleitungen in der Nacht leiden. Der EN 345 Stockholm–Berlin kam im Schnitt voriges Jahr 81 Minuten zu spät an. Die schwedische Staatsbahn SJ gibt diesen Zug auf, der deutsche Anbieter RDC will die Verbindung aber weiterfahren. Ähnlich unpünktlich war der Nightjet 420 Innsbruck–Amsterdam. Der am meisten verspätete Tageszug war der EC 8 Zürich-Hamburg, der im Schnitt 59 Minuten vom Fahrplan abwich.
Auch deutsche Bahnhöfe schneiden im Vergleich nicht gut ab. Der Hauptbahnhof Bonn liegt mit nur knapp 27 Prozent halbwegs pünktlichen Zügen auf dem letzten Platz. Im Schnitt liegen die Verspätungen bei fast 19 Minuten, das Erreichen von Anschlusszügen wird damit zum Lotteriespiel. Mit fast 98 Prozent pünktlichen Zügen rangiert Genf Airport an der Spitze – das sei „Schweizer Präzision vom Feinsten“, lobt das Portal in seiner Auswertung. Weitere deutsche Hauptbahnhöfe mit vielen Verspätungen: Regensburg, Koblenz, Passau, Solingen und Wuppertal, außerdem Bonn-Beuel, Plattling und Diepholz.
Die Studie zeigt auch: Wer pünktlich ans Ziel kommen will, sollte möglichst Verbindungen am frühen Morgen wählen. Denn über den Tag führen Betriebsprobleme oft zu wachsenden Verspätungen im Bahnnetz, die meisten unpünktlichen Züge fahren im Berufsverkehr zwischen 16 und 19 Uhr mit der Spitze um 17 Uhr. Auch nachts gibt es viele Verspätungen, weil dann viel Frachtverkehr unterwegs ist und häufig gebaut wird.
Die schlimmste Zeit für Bahnfahrer in Europa gab es voriges Jahr während der Hitzewelle im Sommer. Am 1. Juli fuhren in den untersuchten Ländern nicht einmal mehr zwei Drittel der Züge pünktlich, weil sich Gleise ausdehnten, Oberleitungen durchhingen und Züge nur noch im Schneckentempo vorankamen. Alle vier Tage mit den meisten Verspätungen des ganzen Jahres gab es laut Chuuchuu in dieser brütend heißen Woche. Die pünktlichsten Fahrten auf der Schiene erlebten Reisende kürzlich an Weihnachten: Am 25. Dezember waren fast 88 Prozent der Züge ohne Verspätungen unterwegs.