Schienenverkehr in Zuffenhausen Als Eisenbahnfahren ein Abenteuer war

Der erste Zuffenhäuser Bahnhof war bis 1868 in Betrieb. Foto: Sammlung Schweikart

Am 15. Oktober 1846 wurde Zuffenhausen an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Für die Strecke von Stuttgart nach Ludwigsburg wurde dort eine kleine Bahnstation gebaut, Personenzüge verkehrten damals vier Mal täglich.

Zuffenhausen - Exakt 175 Jahre ist es her, dass in Zuffenhausen zum ersten Mal das Schnaufen, Rattern und Bimmeln eines Dampfrosses erschallte: Am 15. Oktober 1846 wurde die Strecke von Stuttgart nach Ludwigsburg eröffnet, sie führte durch Zuffenhausen, wo ein Haltepunkt eingerichtet wurde. Dafür wurde dort, wo heute die Bönnigheimer Straße auf die B 10/27 trifft, eine kleine Bahnstation gebaut.

 

Zahlreiche Zuschauer hatten sich an der Strecke eingefunden

Gleich zwei Züge machten sich am 15. Oktober 1846 auf den Weg: Einer von Cannstatt nach Esslingen und einer von Stuttgart nach Ludwigsburg. Nach zweieinhalb Jahren Bauzeit war die sogenannte Zentralbahn zwischen Ludwigsburg und Esslingen fertiggestellt. Wie genau das wichtige Ereignis damals in Zuffenhausen begangen wurde, darüber gibt es keine Aufzeichnungen. Zuffenhäuser Zeitungen existierten 1846 noch nicht.

Es dürften sich Szenen wie in Stuttgart und Cannstatt abgespielt haben, von denen die „Schwäbische Kronik“ vom 16. Oktober 1846 berichtete: „Eine sehr große Zahl von hiesigen Damen und Herren hatte sich dazu eingefunden, welche sich in die beiden Züge theilten; und eine noch viel größere Zahl von Zuschauern umstand den Bahnhof, das imposante, manchem immer noch neue Schauspiel eines Eisenbahnzugs zu sehen. Das schöne Wetter begünstigte die Fahrt.“ Berichtet wird von vielen Zuschauern, die sich am Ludwigsburger Bahnhof eingefunden hatten. Zur Feier des Tages wurde im Stuttgarter Hotel Marquardt ein Festmahl mit Amts- und Würdenträgern aus Politik und Gesellschaft veranstaltet.

Das Königreich Württemberg wollte den Anschluss nicht verpassen

Bereits am 7. Dezember 1835 fuhr die erste Eisenbahn auf deutschem Boden und zwar zwischen Nürnberg und Fürth. Da wollte das Königreich Württemberg nicht den Anschluss verpassen, König Wilhelm I. setzte eine Kommission für den Eisenbahnbau ein. 1843 wurden die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen (K.W.St.E.) ins Leben gerufen. Die knitzen Schwaben erfanden sogleich eine Verballhornung für die Abkürzung: „Komm’ Weib! Steig’ ei’!“Am 2. Oktober 1845 fuhr der erste Probezug auf der Strecke von Cannstatt nach Untertürkheim, drei Wochen später wurde dann der reguläre Verkehr aufgenommen. Damals berichtete das „Stuttgarter Neue Tagblatt“: „Eine ungeheuere Menschenmenge war ab halb zwei Uhr in und um den Bahnhof Cannstatt bis Untertürkheim gelagert und wogte hin und her, um die angekündigte Probefahrt abzuwarten und anzustaunen. Manches schwäbische Menschenkind sah heute zum erstenmal das rauchende, pfeifende und stöhnende Ungeheuer, das man Lokomotive nennt und das mit Windeseile über eiserne Schienen wegbrauste. Ohne sichtbaren Anstoß setzte sich die Maschine in Gang und durchlief die ungefähr eine Poststunde lange Strecke vom Bahnhof Cannstatt nach Untertürkheim in fünf Minuten.“ Am 20. November gab sich sogar das allerhöchste schwäbische „Menschenkind“ die Ehre: Wilhelm I. bestieg mit seinem Hofstaat einen Waggon, um die Strecke nach Esslingen einzuweihen.

Zeitgleich wurde am Anschluss nach Stuttgart und an der Bahn von Stuttgart nach Ludwigsburg gearbeitet. Technisch war diese Strecke nicht einfach. Unter anderem musste ein Tunnel unter dem Schloss Rosenstein gegraben und eine Brücke über den Neckar gebaut werden. Der Stuttgarter Bahnhof wurde am 26. September 1846, der Ludwigsburger am 15. Oktober 1846 eingeweiht – ebenso wie die Zuffenhäuser Bahnstation. Letztere hatte damals noch recht bescheidene Ausmaße. Es gab nur ein Stockwerk, die Länge betrug 13,50 Meter und die Breite 8,60 Meter. In dem Haus wohnten ein Bahnmeister sowie ein Bahnwärter. Außerdem gab es einen Fahrkartenschalter und einen Warteraum. Die Station war „eine achtel Stunde“ vom Dorf entfernt und wurde auch von Nachbargemeinden wie Korntal genutzt.

Die Fahrzeit von Zuffenhausen nach Stuttgart betrug 19 Minuten, nach Ludwigsburg 16 Minuten. Züge verkehrten vier Mal täglich zwischen sieben Uhr früh und sechs Uhr abends, für die Reisenden war eine solche Fahrt ein unvergessenes Abenteuer, verbunden mit einem festen Reglement: Der Kondukteur kündigte die Abfahrt mittels einer Glocke an und rief die nächsten Stationen aus. Dann wurde die Glocke dreimal geläutet, das bedeutete „Einsteigen, der Zug fährt ab.“ Dann hieß es „Fertig Kornwestheim“, worauf sich die Bahn mit einem Pfeifsignal in Richtung Ludwigsburg in Bewegung setzte.

Bereits 1868 wurde ein neuer und größerer Bahnhof gebaut

Apropos Bewegung: Wenn alles gut lief, dann schafften die damaligen Loks 40 bis 50 Stundenkilometer. Die Lokführer standen dabei im Freien. Die meisten Maschinen, die in Deutschland eingesetzt wurden, kamen bis Mitte des 19. Jahrhunderts aus England, wo George Stephenson 1829 die weltberühmte „Rocket“ konstruiert hatte. Ein bekannter württembergischer Lokomotiv-Hersteller war die 1846 von Emil Keßler gegründete Maschinenfabrik Esslingen.

Im Laufe der Zeit wuchs der Alte Flecken in Zuffenhausen und entwickelte sich dabei immer mehr in die Richtung des Bahnhaltes. Die erste Station war nur gut 20 Jahre in Betrieb. Bereits 1868 wurde ein neuer und größerer Bahnhof am heutigen Standort zwischen Schwieberdinger Straße und Burgunderstraße eingeweiht – einige Hundert Meter entfernt vom alten Haltepunkt. Der neue Bahnhof (er wurde 1980 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt) wurde für die Schwarzwaldbahn gebraucht, die von Stuttgart über Leonberg und Weil der Stadt nach Calw führt. Heute verkehren dort moderne S-Bahnen. Schneller, leiser, umweltfreundlicher – und ohne jeden Hauch von Nostalgie und Abenteuer.

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