Schienenverkehr von und nach Stuttgart Private Konkurrenz nimmt Bahn ins Visier

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Mit Tickets ab 22 Euro will Locomore im kommenden Jahr günstige Fahrten von Stuttgart nach Berlin anbieten. Auch andere Firmen kündigen neue Verbindungen ab Stuttgart an.

Vor drei Jahren half Derek Ladewig den privaten Hamburg-Köln-Express aufs Gleis zu setzen. Nun will der Unternehmer einen Zug zwischen Stuttgart und Berlin betreiben. Foto: HKX
Vor drei Jahren half Derek Ladewig den privaten Hamburg-Köln-Express aufs Gleis zu setzen. Nun will der Unternehmer einen Zug zwischen Stuttgart und Berlin betreiben. Foto: HKX

Stuttgart - Die Deutsche Bahn bekommt einen neue Konkurrenten im Fernverkehr auf der Schiene. Das Berliner Unternehmen Locomore, das vor drei Jahren bereits den Hamburg-Köln-Express (HKX) initiiert hat, will von September 2016 an einen täglichen Fernzug zwischen Stuttgart und Berlin anbieten. „Mit Preisen ab 22 Euro pro Fahrt wollen wir deutlich günstiger sein als der ICE der DB“, sagt Locomore-Gründer Derek Ladewig. Weitere Strecken seien geplant.

Womöglich ist dies dann der zweite private Fernzuganbieter, der halt in Stuttgart macht. Große Pläne hat das Heilbronner Unternehmen „der Schnellzug.de GmbH“ angekündigt, das am 18. März 2016 zwei neue Linien von Stuttgart nach Hamburg und Aachen starten will und im Internet „zeitgemäße Service-Angebote“ verspricht.

Radmitnahme soll möglich sein

Bisher haben Reisende im Fernverkehr auf der Schiene kaum Alternativen zu den ICE-, IC- und EC-Zügen des Ex-Monopolisten DB. „Das wollen wir ändern“, sagt Ladewig. Die erste tägliche Verbindung mit rund 400 Sitzplätzen soll morgens um 6.40 Uhr in Stuttgart starten und um 13.04 Uhr den Berliner Hauptbahnhof erreichen. Zurück geht es dann um 14.45 Uhr, Ankunft in Stuttgart um 21.19 Uhr. „Das sind sehr attraktive Reisezeiten“, sagt der Manager. Anders als im ICE werde auch die Radmitnahme möglich sein.

Um möglichst viele Fahrgäste zu locken, fährt Locomore eine etwas andere Route als der ICE zwischen beiden Städten. So hält der Zug in Heidelberg, Darmstadt und Frankfurt-Süd. Nach der Fahrt über die Schnellstrecke mit Stopps in Fulda, Kassel, Göttingen, Hannover und Wolfsburg können die Reisenden an der Spree auch an den zentralen Bahnhöfen Zoo und Friedrichstraße aus- und zusteigen, wo die DB nur noch Regionalzüge und S-Bahnen fahren lässt. Die gesamte Fahrt soll sechseinhalb Stunden dauern, knapp eine Stunde länger als mit dem ICE.

Finanzierung per Crowd Funding

Allerdings steht die Finanzierung noch nicht. Um das Geld einzusammeln, startet Locomore eine Crowdfunding-Kampagne. „Wer jetzt schon Tickets kauft, hilft uns dabei, die Pläne ins Rollen zu bringen“, sagt Ladewig. Die Kosten werden auf rund eine Million Euro beziffert, mehrere Investoren seien bereits an Bord. Die Lok soll gemietet werden, modernisierte IC-Reisewagen hat sich das Unternehmen aus dem Ausland beschafft. Mit der DB Netz habe man einen Rahmenvertrag für die benötigten Trassen geschlossen, der fünf Jahre läuft, betont der Locomore-Chef. Er hat bereits bewiesen, dass er dem Platzhirsch DB Paroli bieten kann. Mit dem HKX, der seit drei Jahren zwischen Köln und Hamburg fährt und dessen Route von Dezember an bis nach Frankfurt/Main ausgedehnt wird, initiierte der 44-jährige Verkehrsexperte eine der wenigen Konkurrenzlinien, die noch bestehen. Dort hat inzwischen die US-Firma Railroad Development das Sagen, Locomore hält nur noch einen geringen Anteil.

Anderen Bahnkonkurrenten erging es weniger gut. Die französische Veolia Verkehr, bis dahin der ernsthafteste DB-Wettbewerber, gab im Dezember 2014 ihre letzte Fernverkehrslinie auf, den Interconnex Leipzig–Berlin–Rostock. Als Grund für den Rückzug nannte Veolia explizit die Fernbusse, die seit knapp vier Jahren dem Schienenverkehr Konkurrenz machen dürfen. Auch die DB beklagt seither erhebliche Fahrgast-, Umsatz- und Ertragsrückgänge. Konzernchef Rüdiger Grube will deshalb das – in den vergangenen 15 Jahren stark eingedampfte – Fernverkehrsangebot wieder ausbauen, die Kapazitäten bis 2030 um ein Drittel erhöhen und so 50 Millionen neue Fahrgäste gewinnen. Mit neuen, modernen ICE- und Doppelstockzügen will die Bahn künftig mehr Service und Komfort bieten. Zudem sollen fünf Millionen Bundesbürger wieder direkten Zugang zum Fernverkehr bekommen. Dazu soll es 190 neue Direktverbindungen aus der Fläche in die 50 größten Städte geben.

Unternehmer sieht weiteres Potenzial

Die DB-Offensive und Misserfolge von Konkurrenten schrecken Derek Ladewig nicht. „Wir haben die Weichen für eine weitere Expansion bereits gestellt“, sagt er. Ein weiterer Zug zwischen Berlin und Stuttgart, eine Verbindung von München via Stuttgart nach Frankfurt sowie die Strecke Berlin–Köln/Bonn seien geplant. „Der Erfolg der Fernbusse zeigt, dass das Interesse an gutem und preiswertem öffentlichen Fernverkehr groß ist“, betont er.

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