Schifffahrt auf dem Neckar Neckarschlepper zeigt die Hafengeschichte
Früher hat das Schiff Salzkähne abgeschleppt. Künftig wird der letzte Neckarschlepper in Heilbronn Besucher locken.
Früher hat das Schiff Salzkähne abgeschleppt. Künftig wird der letzte Neckarschlepper in Heilbronn Besucher locken.
Heilbronn - Diese Landratten. Fast hätten sie doch glatt die Haßmersheimer Fähre verschrottet. Bis vor sechs Jahren verband die vorletzte Oberleitungsfähre Deutschlands den Ort mit dem Bahnhof auf dem anderen Neckarufer. Dann hätte auch noch der Neckarschlepper Haf
Die Fähre hat jetzt ihren großen Auftritt als Veranstaltungsort. So wurde sie schon auf der Bundesgartenschau im vergangenen Jahr genutzt: Als Fährlebühne ist sie im August und September der Schauplatz der Heilbronner Sommerabende der Kulturen. Und die Hafenamt Heilbronn wird als begehbares Industriedenkmal künftig Geschichten erzählen über die historische Hafennutzung, der die Stadt einen guten Teil ihres Wohlstands verdankt. Fünf Schiffer haben die alte Dame dafür zu ihrem 90. Geburtstag wieder flottgemacht.
Wolfgang Baars hat die Mannschaft angeheuert. Der 79-Jährige ist früher als Kapitän zur See gefahren, „bis die Ausflaggerei anfing“ und die Reedereien ihre Schiffe unter den Fahnen von Billigstaaten fahren ließen. Dem Wasser ist er verbunden geblieben. Genau wie Eugen Emmig (77) und Heinz Haferkamp (75).
Ganze Generationen ihrer Familien verdienten ihren Lebensunterhalt als Neckarschiffer. Sie gehören noch zur Generation „eiserne Männer, die auf hölzernen Schiffen fahren“, witzelt Emmig. Haferkamps Großvater war einer der Ersten, die mit einem motorisierten Frachtschiff, einem sogenannten Selbstfahrer, auf dem Neckar unterwegs waren. Für den 75-Jährigen ist die Arbeit am Hafenamt Heilbronn eine Rückkehr. Er ist früher selbst mit dem Schlepper gefahren, er kennt das Schiff. Gebaut 1910 im niederländischen Kinderdijk mit dem Namen „Magdalene“ zog der 19,48 Meter lange Schlepper mit seinen 310 Pferdestärken bis in die 1970er Jahre antriebslose Salz- oder Kohlekähne über den Neckar.
Dann kaufte ihn die Stadt Heilbronn, verpasste ihm einen langweiligen Namen und ließ ihn als Arbeitsschiff Bugsierdienste erledigen. „Ich habe Spezialkähne nach Plochingen gezogen“, erzählt Haferkamp. Die Hafenamt musste aber auch in Notsituationen ran. Im eiskalten Winter 1983, Haferkamp saß mit seiner Frau gerade in der Sauna, schlugen die Stuttgarter Kollegen Alarm. Der Neckar war zugefroren. Das Stuttgarter Hafenschiff, das als Eisbrecher versucht hatte, das zu verhindern, hatte den Geist aufgegeben: Motorschaden. Die Hafenamt rückte aus, drei Stunden lang rammte der Schlepper gegen die 20 Zentimeter dicke Eisschicht. Dann war Schluss, „das war, als ob wir gegen eine Mauer gefahren wären“, sagt Haferkamp: 50 Tonnen Gewicht haben nicht gereicht gegen das Eis.
Am Motor kann es nicht liegen, „der läuft in 50 Jahren noch“, sagt Karl Paulus (69). Als Schiffsingenieur hat er ebenfalls die Meere befahren. Die 310 PS starke Maschine mit ihren sechs Zylindern wird von ihm gewartet, „für mich ist das ein Mopedmotor“, sagt er und lacht: Die Motoren moderner Seefrachtschiffe sind gerne mal vier Etagen hoch und haben 140 000 PS.
Auf der New York City am gegenüber liegenden Ufer scheppert es gewaltig. Der fast 200 Meter lange Frachtkahn lädt gerade Schrott. Noch immer ist der Heilbronner Hafen der bedeutendste Hafen am Neckar und einer der größten Binnenhäfen Deutschlands. Von hier aus werden Kies, Sand, Steinsalz, Kohle, Mineralöle, Holz und Futtermittel zu den großen deutschen, belgischen und niederländischen Seehäfen und an die Industriezentren am Rhein und an der Ruhr verschifft.
2,3 Millionen Tonnen waren es im vorigen Jahr, mehr als doppelt so viel wie in Stuttgart. Das ist zwar etwas mehr gewesen als im historisch schlechten Jahr 2018, wo wegen der niedrigen Flusspegel die Binnenschifffahrt zum Erliegen gekommen war. 1990 aber wurden in Heilbronn noch fast sechs Millionen Tonnen Güter umgeschlagen, das ist ein dramatischer Rückgang. Verantwortlich dafür ist vor allem der Kohleausstieg, der die Kohlefrachter überflüssig macht. Allein in diesem Bereich wurden am Heilbronner Hafen mehr als eine Million Tonnen weniger umgeschlagen. Die Stadtverwaltung erarbeitet deshalb gerade ein Zukunftskonzept für den Hafen, um die Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen. Die Hafenamt wird dabei keine Rolle mehr spielen. Aber das alte Schiff wird als Zeitzeuge weiter auf dem Neckar unterwegs sein.