Das größte Gymnasium im Land streicht vom kommenden Schuljahr an voraussichtlich seinen G8-Zug. Foto: dpa/Armin Weigel
Zu kompliziert: Das Marbacher Schiller-Gymnasium will nach der Grundsatzentscheidung für G9 im Land künftig keinen G8-Zug mehr anbieten. Auch die Hochbegabten müssen langsamer lernen.
Nach der Grundsatzentscheidung für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium steht das Turboabitur im Landkreis Ludwigsburg offenbar vor dem Aus. Grundsätzlich soll es den Schulen zwar möglich bleiben, neben G9 auch achtjährige Züge anzubieten. Doch offenbar will von dieser Zweigleisigkeit nicht einmal das Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasium (FSG) Gebrauch machen. Eine Festlegung sei noch nicht erfolgt, sagte der Oberstudiendirektor Volker Müller unserer Zeitung. Doch nach ersten Überlegungen spreche vieles für eine Komplettumstellung auf G9.
Die Ankündigung ist überraschend. Das FSG ist das größte Gymnasium im Land und hat als eine von 44 G9-Versuchsschule im Land auch immer drei G8-Klassen geführt – neben mindestens sieben G9-Klassen. Doch diese Parallelität hat ihre Tücken. Es gebe viele organisatorische Reibungsverluste, räumte Müller ein. Zudem müssten womöglich für die Minderheit der G8-Schüler die Wahlmöglichkeiten an Fremdsprachen und Profilen eingeschränkt werden.
Oberstudiendirektor Volker Müller , der Leiter des Schiller-Gymnasiums Foto: Kuhnle
Der Landtag entscheidet erst im Januar
„Gerade bei unserem großen Angebot halten wir das nicht für vertretbar und nicht für wünschenswert“, sagte Müller. So gibt es bilingualen Unterricht, Chinesisch als zweite Fremdsprache und ein spezielles Kunstprofil. Bisher wird das Dilemma dadurch gelöst, dass am FSG G8- und G9-Schüler ab Klasse 8 gemeinsam unterrichtet werden, das zusätzliche Lernjahr somit bereits in der Unterstufe „verbraucht“ wird. Wenn G9 vom kommenden Schuljahr an die Regel wird, dürften solche Modelle aber kaum noch möglich sein.
Selbst die Hochbegabten-Klasse, „die wir auf jeden Fall weiter führen“, will Müller daher auf G9 umstellen. Allerdings ist vieles noch offen. „Wir müssen unsere Entscheidung von den offiziellen Rahmenbedingungen abhängig machen, die noch längst nicht alle geklärt sind.“ Gegenwärtig wird der Gesetzentwurf erarbeitet. Der Landtag wird voraussichtlich erst Ende Januar entscheiden. Bisher wissen deshalb auch die Schulleiter nicht mehr als das, was das Kultusministerium auf seiner Homepage als Kurzinformation in Frage-Antwort-Form für Eltern, Lehrer und Schüler veröffentlicht hat.
Auch G8-Befürworter müssen passen
Dort heißt es ausdrücklich, es bestehe weiterhin die Möglichkeit, in Baden-Württemberg in acht Jahren zum Abitur zu gelangen. „Die Gymnasien können eigenverantwortlich entscheiden, ob sie beantragen, G8-Züge einzurichten“, schreibt das Ministerium. Die Frage ist, welche Schulen sich das zutrauen. Sylvia Jägersberg, die Leiterin des Mörike-Gymnasiums – das zweite Gymnasium im Landkreis mit G8- und G9-Zügen – erklärte, sie könne sich wegen eines angespannten Terminkalenders momentan nicht äußern. Andere Direktoren verwiesen auf die vielen offenen Fragen. „Wir warten in aller Gelassenheit ab, bis wir konkretere Informationen haben“, sagte Nicole Stockmann vom Ellentalgymnasium in Bietigheim.
Jürgen Stolle vom Friedrich-List-Gymnasium in Asperg fehlt diese Gelassenheit. Im November stehe in seiner Stadt der Informationsabend für die Eltern der aktuellen Viertklässler an. „Was sagen wir denen? Ich weiß es nicht.“ Er sei ein großer Befürworter von G8. Dennoch sei ihm klar: „Wir sind vierzügig und werden nur G9 anbieten können.“ Auch hier sind die unterschiedlichen Profile ein entscheidender Hemmschuh.
Schafft es das Goethe-Gymnasium?
Derweil hoffen andere noch: „Ich würde sehr, sehr gerne auch G8 neben G9 anbieten“, sagte der Leiter des Goethe-Gymnasiums in Ludwigsburg, Christof Martin. Ob dies gelingen werde, hänge von der Ressourcenzuteilung des Landes und von der Nachfrage aus der Elternschaft ab. „Generell werden wir versuchen, unsere Profile auch in Zukunft so oder ähnlich beizubehalten.“ Auch das Goethe-Gymnasium ist wie die meisten Gymnasien im Kreis Ludwigsburg nur vierzügig, bietet aber ein musisches, ein naturwissenschaftliches und ein sprachliches Profil an.
Martins Kornwestheimer Kollege Mühlthaler hat sich von G8 schon fast verabschiedet. Die Angebote für G8-Schüler müssten sonst stark begrenzt werden. Aus seiner Sicht gebe es aber andere Möglichkeiten, um nach achtjähriger Gymnasialzeit zum Abitur zu kommen. „Sehr pfiffige Schüler können einfach eine Klasse überspringen.“ Dann stünde ihnen auch künftig die komplette Bandbreite an Angeboten offen.