Der Pianist Igor Levit ist der Träger des Schillerpreises 2025. In seiner Dankesrede warnte er davor, Antisemitismus zu verharmlosen – und verwechselte Marbach mit Marburg.

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Der Pianist Igor Levit gilt als musikalisches Ausnahmetalent. Schon im Alter von sechs Jahren gab er mit dem Philharmonie-Orchester von Nischni Nowgorod, seiner russischen Heimatstadt, das erste Konzert. Als er acht Jahre alt war, übersiedelte die Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Dort begann er schon als 13-Jähriger ein Studium am neugegründeten Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover.

 

Den mit 10.000 Euro dotierten Schillerpreis der Stadt Marbach erhielt er am Montag aber nicht als „Jahrhundertpianist“, so Thomas Wördehoff in seiner Laudatio, sondern dafür, dass er sich immer wieder öffentlich zu politischen und sozialen Themen äußert und gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit kämpft – wofür er oft angefeindet wird. Doch aus seiner Sicht „darf Kultur kein Feigenblatt sein, sie ist kein Selbstzweck.“

Dank an „die Stadt Marburg“

In seiner Dankesrede an „die Stadt Marburg“ sagte er, er stehe hier „voller Dankbarkeit, aber auch mit viel Zorn“. Denn er sehe zu wenig Mut in der Gesellschaft, sich für Freiheit einzusetzen – Freiheit, die gerade Schiller so wichtig gewesen sei.

Das Hauptthema seiner Rede war allerdings der Umgang mit Antisemitismus in Deutschland, speziell seit dem Überfall der Hamas-Terroristen auf Israel. Levit geißelte nicht nur „die Nazis in der AfD“, sondern auch „die sogenannte Mitte, die wegsieht und beschwichtigt“, „islamistische Kreise“, aber auch „Teile der politischen Linken, die meinen, Antisemitismus könnte ein Problem der anderen sein. Der alte Wunsch, sich moralisch reinzuwaschen, zeigt sich heute im Gewand der Solidarität“, so Levit.

Antisemitismus als Schattenseite der Moderne

Antisemitismus sei für ihn kein Randproblem, sondern die Schattenseite der Moderne, sagte der Pianist. Es erschüttere ihn, „dass dieses Land noch immer eine Unfähigkeit zeigt, den eigenen Antisemitismus anzusehen. Es ist, als wolle man Antisemitismus nur in der Geschichte sehen.“ Er sehe in Deutschland eine neue Form der Feigheit, die sich als Offenheit und Toleranz verkleide.

In Marbach erntete er für seine Rede von den etwa 550 Besucherinnen und Besuchern der Preisverleihung stürmischen Applaus. Und auch darüber, dass er sich am Ende nochmals fälschlicherweise bei der Stadt Marburg für den Preis bedankte, sah man freundlich hinweg. Er nehme den Preis nicht als Geschenk, sondern als Aufgabe, sagte er und schloss mit einem Appell: „Bleibt wach, unbequem und gebt niemals auf, an die Freiheit des anderen zu glauben.“