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Schlafen im Flugzeug? Augen zu und schnell weg

Von Wolfgang Molitor 

Manche Leute können im Flugzeug nicht schlafen, unser Autor schlummert schon beim Start.

Hab ich? Bloß nicht! Nicht schon wieder. Der scheue Blick zum Nebenmann auf Platz 19C beruhigt mich: Nein, ich habe nicht geschnarcht. Er schaut mich müde an. In den gut sechs Stunden, in denen ich tief und fest auf dem Flug nach San Francisco geschlafen habe, hat er etwas gegessen, einen ganzen Island-Krimi weggeschmökert und zwei Filme („Harry Potter“ und „Sex in the City“) verschlungen. „Ich kann im Flugzeug einfach kein Auge zumachen“, sagt er und seufzt. Ich weiß nicht, wovon er spricht. Ich kann. Einfach so. Ob in Business-Class oder in Economy: Ich setze mich hin, lehne mich zurück – und verpasse manchmal schon den Start, wenn die Maschine nur lange genug in der Warteschlange gestanden hat. Ich hab offenbar­ ein gutes Gewissen.

Augen zu und weg. Das klappt. Ich brauche im Flieger keine Baldriantropfen, die kurzfristig eingenommen ohnehin auf Langstreckenflügen nichts nutzen. Denn das pflanzliche Mittelchen wirkt erst nach zwei Wochen regelmäßiger Einnahme, sagt der Schlafforscher Jürgen Zulley. Auch von Melatonin­-Präparaten hält der Wissenschaftler nicht viel, besonders, wenn die Nahrungsergänzungsmittel aus dem Ausland kommen: „Da weiß man nie, was drin ist.“ Ein bisschen Zaleplon­ also? Nicht wirklich! Das verschreibungspflichtige Schlafmittel wirkt höchstens vier bis fünf Stunden. Mittel, die einen länger sedieren, haben dafür den Nachteil, dass es bis zu einer halben Stunde dauert, bis man wieder fit ist. Das alles regt mich nicht auf. Ich schlafe. Selig und süß.

Wie wär's mit einer Flasche Wodka?

Mein Sitznachbar hat andere Tricks versucht. Etwa mit Medinait-Tropfen. Und warmer Milch mit Honig. Oder getrockneten Kirschen. Die haben auch eine Menge Melatonin in sich. Geholfen habe es ihm nicht, sagt er, aber seitdem habe er immer den Kotzbeutel im Gepäcknetz im Auge. Auch ohne Turbulenzen. Oder wie wär’s mit einer Flasche Wodka, fragt er. Und schiebt nach, das sei ein Scherz gewesen. Ob ein paar Bananen oder eine Handvoll Datteln (die enthalten Tryptophan, eine Vorstufe des Entspannungshormons Serotonin): Der Mann ist hellwach.

Er zieht den Kopfhörer über die Ohren und wählt leise Musik – vergeblich. Er drückt sich Stöpsel in die Ohren – und ist unzufrieden, weil er sich mit mir dann ja nicht unterhalten kann. Er versucht es mit einer Schlafmaske über den Augen, aber nicht mal leicht schlummern kann er damit. Er sieht und hört zwar nichts mehr – aber er ist und bleibt wach. Ich höre mir sein Leiden stumm an. Noch eine starke Stunde bis zur Landung in San Francisco. Lass mich weiterschlafen!

Lufthansa-Sprecher Jan Bärwalde weiß, wie wichtig erholsames Schlafen bei den Reisewünschen der Passagiere an Bord ist. „In unserer neuen First Class lässt sich der Sitz per Knopfdruck in eine 2,07 Meter lange und 80 Zentimeter breite Liegefläche verwandeln, die durch eine atmungsaktive Matratzenauflage und Bettwäsche ergänzt wird“, sagt er. Hinzu kämen eine spezielle Außenhautdämmung, Schallschutzvorhänge zur Küche und den anderen Reiseklassen sowie ein Bodenbelag mit Trittschallschutz. Das hat seinen Preis: Nennen wir ihn fünfstellig im unteren Bereich. Das horizontale Liegen bietet Swiss schon in der Business-Class an.

Ein Winkel von 114 Grad ist schön

Aber auch in der Economy müsse man nicht wach bleiben, sagt Bärwalde. Die Rückenlehne der ergonomisch geformten Sitze ließen sich bis zu einem Winkel von 114 Grad zurückstellen. Das ist schön. Doch ich brauche eigentlich kein eigenes Kissen, keine kuschelige Decke und auch keine bewegliche Sitzpfanne (so heißt das wirklich), um in Reihe 19B entspannt zu schlafen. Wer weiß, wie schwierig es ist, in der engen Toilette einen Schlafanzug anzuziehen, um nicht in Unterhose auf dem Gang zu stehen, wechselt ohnehin seine Kleidung nicht.

Obwohl: Ein wenig versuche ich schon, es mit bequem zu machen. Ein Fensterplatz, an dem ich mich gegen die Wand lehnen und das Rollo herunterziehen kann, ist auch deshalb zu empfehlen, weil ich da nicht gestört werde, wenn der Nebenmann mal raus muss. Ein Reisekissen gegen den steifen Nacken ist nicht schlecht. Und auch der frühe Hinweis an die Stewardess, nicht gestört werden zu wollen, wenn das Essen gereicht wird, ist hilfreich. Wie auch die Planung der Flugzeit: Auch deshalb sind auf Langstrecken die Nachtflüge so begehrt.

Mein Nebenmann beneidet mich. Recht hat er. „Zum Schluss haben Sie doch geschnarcht“, sagt er ohne Groll. „Wenn ich doch bloß ein bisschen von Ihrem Schlaf abbekommen hätte.“ Da regt sich bei mir dann doch das schlechte Gewissen. Wir kommen ins Gespräch. Und eigentlich ist es ja auch ganz nett, seinen Nebenmann über dem Atlantik etwas näher kennenzulernen. Er war schon ein paarmal in San Francisco und hat eine Menge guter Tipps auf Lager. Ein richtig aufgeweckter Junge!

Ich soll langsam mal meine Rückenlehne aufrecht stellen, sagt die Stewardess. Wir würden gleich landen. Sind wir schon da?

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