Schlafstörungen Warum Apps für den Schlaf Unsinn sind
Immer mehr Menschen überwachen ihren Schlaf mit elektronischen Geräten und Apps. Warum Experten diese Entwicklung kritisch sehen und was wirklich für eine gute Nacht hilft.
Immer mehr Menschen überwachen ihren Schlaf mit elektronischen Geräten und Apps. Warum Experten diese Entwicklung kritisch sehen und was wirklich für eine gute Nacht hilft.
Freiburg - Es sollte eigentlich der Ort des himmlischen Friedens sein. Doch es entwickelt sich immer mehr zum Kampfplatz: das heimische Bett. Der Feind im eigenen Bett ist der Schlaf, mit dem verbissen gerungen wird. Haben wir zunächst akribisch unsere Schritte mit Fitnessarmbändern vermessen und per App jede zu uns genommene Kalorie gezählt, erreicht der Perfektionierungswahn mit dem Schlafzimmer unseren letzten und intimsten Rückzugsort. Ein ganzes Arsenal von Geräten wird aufgefahren, um den Schlaf zu vermessen und zu optimieren: ob Apple Watch, Fitnessarmbänder, die die Bewegungen im Bett registrieren, oder Apps zur Schlafanalyse auf dem Smartphone, das man nachts neben sich auf das Kopfkissen legt. So verspricht etwa die Apple Watch mit einer speziellen Schlaf-App den Schlaf zu überwachen und dabei auch den Tiefschlaf anzuzeigen. Einem Gesundheitsreport der DAK von 2017 zufolge, einer repräsentativen Befragung unter Arbeitnehmern, nutzen 15,3 Prozent der Erwerbstätigen eines oder mehrere solcher Geräte, um ihren Schlaf zu überwachen und zu verbessern.
Geert Mayer hat viele Patienten, die mehr oder weniger aufgeregt mit einer Schlaf-App zu ihm in die Klinik kommen und sagen: „Herr Doktor, ich habe zu wenig Tiefschlaf – was kann ich da machen?“ Dann muss der Schlafmediziner und Ärztliche Leiter der Hephata-Klinik Schwalmstadt erst einmal herausfinden, ob der Betreffende ein echtes Problem hat oder sich die Probleme nur einredet. Denn die Wearables und Apps taugen vielfach nur sehr wenig. „Mit den meisten Geräten misst man nur die Bewegungsaktivität etwa am Handgelenk, aber nicht den Schlaf selbst“, sagt Geert Mayer. Die Betroffenen nehmen die Auswertungen der Schlaf-Apps und Fitnessarmbänder aber häufig für bare Münze und steigern sich bei einem ungünstigen Ergebnis hinein.
Eine Übersichtsarbeit des Physiologen Jonathan Peake von der Queensland University of Technology in Brisbane bestätigt im Fachblatt „Frontiers in Physiology“, dass bei den Geräten zur Schlafüberwachung das Gütesiegel der Wissenschaft meist fehlt. Auch Dieter Riemann, Psychologe und Schlafforscher vom Uniklinikum Freiburg, äußert sich kritisch zu der Technik. Es handle sich bei den Wearables und Gadgets um keine medizinischen Messgeräte, sondern um Lifestylegeräte. Anders als bei medizinischen Messgeräten müssten die Hersteller daher nicht nachweisen, dass ihre Produkte wirklich Schlaf erfassen. „Die Hersteller lassen sich nicht in die Karten schauen, und ihre Versprechungen sind völlig überzogen“, so Riemann. Manche der Lifestylegeräte messen neben den Bewegungen auch noch den Puls und machen dann Aussagen zu den verschiedenen Schlafphasen wie dem REM-Schlaf, in dem wir am intensivsten träumen. Sie behaupten etwa: „Sie hatten 40 Minuten Tiefschlaf und 70 Minuten REM-Schlaf.“ Solche Aussagen seien Unsinn, sagt Riemann. „Um wirklich den Schlaf zu erfassen, muss man die Hirnaktivität per EEG messen. Schließlich kann ich auch ruhig liegen, ohne zu schlafen.“
Dass sich viele Menschen wegen ihres Schlafes verrückt machen, verwundert indes nicht. Der Druck zur Optimierung des eigenen Schlummers ist immens, den die Medien, Schlafmediziner und so manche Statistik aufgebaut haben. „Die übermüdete Gesellschaft“ lautet etwa der Titel des aktuellen Buchs von Ingo Fietze, eines bekannten Schlafforschers der Berliner Charité. Schlafstörungen seien in unserer Gesellschaft rasant angestiegen, da die Auslöser zugenommen hätten. An erster Stelle nennt Fietze Stress, der ein Symptom unserer Leistungsgesellschaft sei. Auch der erwähnte DAK-Report zeichnet das Bild von einem dauermüden Deutschland mit einem drastischen Anstieg der Schlafprobleme unter Erwerbstätigen. Demnach sind seit 2010 Schlafprobleme bei Berufstätigen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren um 66 Prozent angestiegen. Rund 80 Prozent der Arbeitnehmer kämpfen – mal mehr oder weniger oft in der Woche – mit ihrem Schlummer. Und unter besonders schweren Ein-und Durchschlafstörungen, unter Insomnien, leide fast jeder zehnte Arbeitnehmer.
Der Schlafmediziner Thomas Pollmächer hält die Ängste der Bürger in Bezug auf Schlaf für übertrieben. „Wir Schlafforscher sind an der großen Sorge mancher Menschen nicht ganz unschuldig“, sagt der Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit am Klinikum Ingolstadt. „Denn wir haben das Thema Schlafstörungen in den letzten Jahren stark in die Öffentlichkeit getragen.“ Das machen Schlafexperten zwar einerseits zu Recht, denn es gibt ernst zu nehmende Schlafstörungen, die auch die Gesundheit gefährden. „Aber andererseits können wir der Öffentlichkeit nur schwer klarmachen, dass das nur bestimmte Schlafstörungen betrifft wie etwa schwere Insomnien.“
Klar ist auf jeden Fall, dass die akribische Überwachung des eigenen Schlafs durch elektronische Geräte kontraproduktiv ist. „Für einen Teil der Menschen gilt: Sie schlafen immer schlechter, weil sie sich zu sehr verrückt machen“, sagt Thomas Pollmächer. „Wir leben in einer Welt, in der sich die Menschen optimieren wollen.“ Dafür trainieren sie etwa ihre Muskeln. Doch beim Schlaf ist es gerade umgekehrt. „Je mehr Sie sich vornehmen, gut und intensiv zu schlafen, umso mehr werden Sie Ihren Schlaf kompromittieren.“ Schlaf tritt dann ein, wenn man entspannt ist und ihn geschehen lässt. In die Arme von Morpheus’ dem antiken griechischen Gott des Traumes, kann man sich nicht zwingen, sondern nur sanft sinken lassen.