Die Polizei hat am Sonntag bei einem Großeinsatz gegen mutmaßliche Menschenhändler mehrere Geschäftsführer von FKK-Clubs festgenommen. Der Schwerpunkt des Einsatzes lag in Stuttgart und der Region.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Stuttgart - Menschenhandel, Zuhälterei und Betrug: das sind im Kern die Vorwürfe, welche die Polizei einer Gruppe macht, der sie am Sonntagabend mit Durchsuchungen in Stuttgart und anderen Städten in Deutschland, Österreich, Bosnien und Rumänien zu Leibe gerückt ist. Am Wochenende hatten sich die Ermittler noch recht bedeckt gehalten, was die Vorwürfe anging – schließlich waren mehr als 900 Beamte noch bis spät in die Nacht in den 37 Gebäuden unterwegs, die im Zuge der Ermittlungen durchsucht wurden. Am Tag danach veröffentlichte das Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA), das bei der Großaktion federführend war, Details, die das Ausmaß der Vorwürfe gegen 15 Beschuldigte erkennen lassen. Einige davon sollen der rockerähnlichen Bande United Tribuns angehören.

Vier Großbordelle wurden am Sonntag durchsucht

Durchsucht wurden unter anderem vier Großbordelle in Leinfelden-Echterdingen, Frankfurt, Saarbrücken und Graz, die alle mit dem Stammhaus in Leinfelden-Echterdingen verbunden sind. Deswegen waren auch die hiesige Staatsanwaltschaft und das LKA Baden-Württemberg federführend. Sie hatten seit Jahresbeginn ein Auge auf die Etablissements – und nun offenbar ausreichend Beweise in der Hand, um die Durchsuchungsbeschlüsse zu bekommen.

Die 15 Beschuldigten sollen junge Frauen unter 21 Jahren zur Prostitution gebracht haben. Dabei sollen sie vor allem auf zwei Methoden gesetzt haben. Einerseits auf die sogenannte Loverboy-Methode: Diese funktioniert so, dass ein junger Mann einer Frau die große Liebe vorspielt – und sie dann wegen angeblicher Geldprobleme dazu bringt, für ihn Geld zu verdienen, indem sie sich prostituiert. Andererseits sollen auch Frauen durch Gewaltandrohung zur Prostitution gezwungen worden sein. Die United-Tribuns-Mitglieder in den Reihen der Verdächtigen sollen „für die Rekrutierung und die Überwachung der jungen Frauen“ verantwortlich gewesen sein, teilt das Landeskriminalamt mit – also für das Vorgaukeln der großen Liebe und für die Androhung von Schlägen bei Nichterfüllung der Aufgaben in den Bordellen.

Eine rockerähnliche Bande ist in die Geschäfte verwickelt

Der Zusammenhang mit den United Tribuns erklärt auch, warum die Polizeiaktion international angesetzt worden war. Nicht nur gelten die südosteuropäischen Länder als Rekrutierungsländer für Frauen, die aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage leicht nach Deutschland zu locken sind. Auch hat die Gruppe United Tribuns Verbindungen nach Bosnien. Wie viele rockerähnliche Vereinigungen sind auch sie von einer Migrantengruppe dominiert, in ihrem Fall sind die meisten Mitglieder Bosnier und bosnischstämmig. Der Kopf der Gruppe, unter dem Spitznamen Boki bekannt, tauchte 2009 rechtzeitig ab, als zwei seiner Läden in Villingen-Schwenningen eine Razzia ins Haus stand. Er soll dort verschiedene Bordelle betrieben haben. Die Bande suchte auch nach dem Abtauchen ihres Chefs mehrfach Auseinandersetzungen mit anderen Vereinigungen. So kam es 2010 zu einem Übergriff auf Angehörige der Black Jackets in Rottweil. Als die Schwarzjacken sich rächen wollten und landesweit Leute für einen Gegenschlag sammelten, gelang es der Polizei, diese gewalttätige Auseinandersetzung zu unterbinden.

Unter den fünf Festgenommenen soll der Chef des Saarbrücker Hauses, der dort im Impressum als Generalbevollmächtigter aufgeführt ist und für das Haus bei Stuttgart als Pressesprecher fungierte, sowie weitere Geschäftsführer der FKK-Clubs sein – so heißen die Großbordelle offiziell. Zudem sind unter den fünf Personen im Alter von 21 bis 49 Jahren zwei Frauen, bei ihnen soll es sich um Prostituierte handeln, die den Kontakt zwischen den Frauen und Mädchen in den Häusern auf der einen und den Bandenmitgliedern auf der anderen Seite gehalten haben. Der Bordellchef des Hauses vor den Toren Stuttgarts soll nicht unter den fünf Festgenommenen sein. Jedoch deutet in der Mitteilung des LKA einiges darauf hin, dass auch er Probleme bekommen könnte: Bei den Ermittlungen, die fast ein Jahr lang liefen, soll zu Tage gekommen sein, dass für den Bau von Großbordellen Geld von Investoren eingeworben worden war. Dieses soll nicht für die FKK-Clubs, sondern für private Zwecke verwendet worden sein, heißt es. Der Saarbrücker Club wurde erst in diesem Jahr fertiggestellt. Im Etablissement auf den Fildern war niemand zu einer Stellungnahme bereit.

Für die Ermittlungsbehörden beginnt nach den Durchsuchungen nun die langwierige Sichtung der beschlagnahmten Beweismittel. Sie nahmen in den Geschäfts- und Wohnräumen der Beschuldigten Geschäftsunterlagen, Datenträger, Computer und Bargeld mit. In einem Fall fanden sie auch eine Pistole. Die Ermittlungen hatte die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit der gemeinsamen Ermittlungsgruppe Schleuser geführt, die aus Beamten des LKA und der Bundespolizei besteht.

Großeinsatz der Polizei in mehreren Ländern

Durchsuchungen Mehr als 900 Beamte waren laut LKA am Sonntag im Einsatz. Sie durchsuchten 37 Objekte im In- und Ausland, in Baden-Württemberg, Bayern, im Saarland, in Nordrhein-Westfalen, in Sachsen und Hessen. Außerdem machten sich Ermittler in Österreich, Bosnien und Rumänien auf die Spurensuche. Sie waren insgesamt in vier Großbordellen, fünf Geschäftsräumen und 28 Wohnungen. Auch 14 Fahrzeuge wurden untersucht. Der Schwerpunkt lag in Baden-Württemberg und hier in der Region Stuttgart: Das Großbordell steht auf den Fildern, 13 Objekte wurden in Stuttgart durchsucht.

Ergebnisse Fünf der 15 Beschuldigten wurden festgenommen, zwei Frauen und drei Männer. Sie sollen Verbindungen zu der rockerähnlichen Gruppe United Tribuns haben. Diese hat in Baden-Württemberg nach Schätzungen des LKA rund 160 Anhänger, die in elf sogenannten Chapters organisiert sind.