Schlaganfall durch Thrombose "Wir müssen über die Anti-Baby-Pille sprechen!"

Die Stuttgarter Künstlerin Dijana Hammans wusste lange nicht wie, aber weiß jetzt: "Ich will über den Schlaganfall sprechen." Foto: privat

Die Stuttgarter Künstlerin Dijana Hammans erlitt vor ein paar Jahren einen Schlaganfall – der Grund: eine Thrombose verursacht durch die Anti-Baby-Pille. [Plus-Archiv]

Stadtkind: Tanja Simoncev (tan)

Im vergangenen Jahr wurde im Netz wild diskutiert, verglichen und hinterfragt. Der Auslöser: Die Meldung, dass Astrazeneca das Thrombose-Risiko erhöhe. Dies führte zunächst zu einem vorübergehenden Impfstopp. Nur Menschen Ü-60 sollten sich noch mit genanntem Impfstoff impfen lassen, so die Empfehlung.

 

Kritik wurde laut, vor allem im Vergleich mit der Anti-Baby-Pille, die ein ähnliches Risiko birgt. Warum wird bzw. wurde also bei Astrazeneca eine übertriebene Vorsicht an den Tag gelegt, während die Einnahme der Pille und die damit verbundende Thrombosegefahr seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten scheinbar einfach hingenommen wird?

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Astrazeneca vs. Anti-Baby-Pille

Schnell hieß es, der Vergleich würde hinken. Denn schließlich sei von einer Hirnvenenthrombose und nicht von einer "normalen" Thrombose die Rede. Das ärgert Dijana. "Was heißt schon 'normale Thrombose'? Bei mir hat sich eine Thrombose im Körper gebildet, ist bis in den Kopf gewandert und dort steckengeblieben."

Die 39-Jährige erlitt einen Schlaganfall. Doch ganz anders, als wir uns das im ersten Moment vorstellen. "Es gab keinen Schlag, das alles passierte in einem schleichenden Prozess – das ist wohl häufiger bei Frauen so." Und trotzdem, wenn man sich die Kommentare unter "Astrazeneca vs. Anti-Baby-Pille"-Texten so anschaut, sind es gerade die Ladys unter uns, die die Risiken der Pille immer wieder verharmlosen. "Vielleicht weil sie es nicht besser wissen?", so Dijana.

"Ich möchte nun dazu beitragen, darauf aufmerksam zu machen, dass die Einnahme der Pille sehr gefährlich sein kann."

Wenn der ganze Körper schmerzt

Ein Schlaganfall kann sich also auch schleichend bemerkbar machen, wie können wir uns das genau vorstellen? Die Künstlerin beschreibt es so: "Auf einmal konnte ich auf einem Auge nicht mehr so gut sehen." Es sei ihr vorgekommen als würde eine Kontaktlinse nicht richtig sitzen. "Das hat mir kurz Angst gemacht, aber dann ging es auch wieder weg und ich dachte mir: Ach, Kreislaufprobleme oder so." Doch später kam starkes Fieber hinzu, gefolgt von Schüttelfrost. "Mein ganzer Körper hat weh getan, das waren richtig starke Schmerzen. Dies seien erste Warnsignale, die auf einen Schlaganfall hindeuten würden – der Körper kommuniziert auf diese Art mit uns, erklärt Dijana.

"...haha ich sehe nichts mehr!"

Zu diesem Zeitpunkt, das war im Frühjahr 2014, war Dijana auf einem Citytrip in Kopenhagen. "Und weil ich so kontaktfreudig bin und immer gern und viel mit Menschen rede, dachte ich, ich hätte mich mit einem Virus angesteckt." Es sei fraglich gewesen, ob sie überhaupt zurück nach Stuttgart kommen würde. "Doch es hat geklappt, ich kam zurück und wollte auch nicht nur zu Hause sitzen." Sie habe sich mit Freunden getroffen. "Und dann plötzlich wurde mir schwarz vor Augen und ich habe noch gescherzt: Haha, ich sehe nichts mehr."

Kopfschmerzen kamen hinzu, die immer stärker wurden. "Und am Tag darauf beim Aufstehen habe ich meinen Arm nicht mehr gespürt. Aber weil es morgens war, dachte ich mir, ich lag einfach blöd da." Rückblickend wird der 39-Jährigen immer bewusster, wie sehr sie für sich selbst immer wieder versuchte, Entschuldigungen und Erklärungen zu finden.

Monate in Krankenhäusern und Rehas

Und dann ging es Schlag auf Schlag: Notfallapotheke, Notaufnahme im Marienhospital, Verdacht auf Hirnhautentzündung. "Wenn du dann darüber sprichst, dass du am nächsten Tag zur Arbeit musst und die Krankenschwester nur zu dir sagt: Davon stirbt ja keiner, wenn sie nicht kommen."

Es sei jetzt wichtiger, dass Dijana wieder gesund werden würde, so die Schwester weiter. "Das war beruhigend, doch zu dem Zeitpunkt wusste ich ja auch noch nicht, dass ich Monate in Krankenhäusern und Rehas verbringen würde."

Diagnose: Schlaganfall!

Der Schlaganfall wurde nach zwei Tagen diagnostiziert. Ein Schock. "Damals war ich 33 Jahre alt – das Alter und so eine Diagnose, das ging für mich nicht zusammen."

Pille abgesetzt – Folge: bessere Blutwerte

Der Auslöser der Thrombose schwebte währenddessen weiterhin in der Luft. Daraufhin habe sich Dijana zwei Jahre lang untersuchen lassen. Recht schnell hieß es: Die junge Frau soll sofort die Pille absetzen. "Was dann echt erstaunlich war, nach nur zwei Tagen haben sich meine Blutwerte extrem verbessert. Durch die vielen Untersuchungen ist dann herausgekommen, dass es nur die Pille sein kann, aber keiner hat es wirklich bestätigt. Viele Frauenärzte haben es abgetan und mir gesagt, ich soll mich nicht so anstellen. Ich kam mir selbst so blöd vor. Bilde ich mir das ein, woran liegt das?"

Dijana wünscht sich, dass auch beim Thema Anti-Baby-Pille genauer hingeschaut wird und die Präparate, die besonders hohe Risiken bergen, aus dem Verkehr gezogen werden. "Das sind vor allem die neuen Generationen der Pille, die häufig verschrieben werden für schöne Haut und Haare. Warum?"

Warum gibt es keine Thrombose-Tests?

Den Kreativkopf nimmt das Thema sehr mit, alte Erinnerungen kommen hoch und sie zittert während sie davon erzählt. "Es ist schon verrückt, was wir uns da antun!" Ihrer Meinung nach werden junge Frauen viel zu wenig aufgeklärt. Rauchen solle man bzw. Frau lieber lassen, ansonsten wird eventuell noch gefragt, ob es in der Familie Thrombose-Fälle gab oder gibt – that's it. "Warum gibt es keine Thrombose-Tests?", wirft Dijana fragend in den Raum.

Vielleicht würde mittlerweile auch mehr aufgeklärt werden, aber als die kreative Stuttgarterin die Pille verschrieben bekam, war das nicht so. Die Risiken schienen in ihrem Fall gering. "Erbkrankheiten waren nicht bekannt, ich habe nie geraucht, war immer sportlich, habe mich gesund ernährt und es trotzdem bekommen."

Schweigen beim Thema Schlaganfall

Das weiß Dijana jetzt. Doch lange fiel es ihr schwer, über den Schlaganfall zu sprechen: "Ich war so dankbar, dass andere Frauen vor geraumer Zeit und mit dem Erscheinen des Buches "Bye, bye Pille" angefangen haben, darüber zu sprechen – über die Risiken, aber auch Nebenwirkungen der Anti-Baby-Pille. Ich konnte das damals nicht, weil ich so froh war, wieder ein normales Leben zu führen – ich habe es verdrängt."

Denn die Folgen des Schlaganfalls waren einschneidend, ein normales Leben war für Dijana nicht mehr möglich: "Ich habe ein Drittel weniger gesehen, konnte nicht mehr Autofahren und nicht mehr in den Supermarkt, keine Bücher mehr lesen, musste viele Pausen machen – und nichts ging mehr ohne Begleitung." Vieles stand in den Sternen, ob Dijana überhaupt wieder arbeiten würde, sei unklar gewesen.

Und weil man ihr die Folgen aber nicht direkt ansah, nahmen viele Menschen in ihrem Umfeld ihre Behinderung nicht wahr und damit auch nicht ernst: "Sie konnten nicht sehen, dass ich nicht sehen konnte, also war es für sie nicht existent.“

Dabei arbeitete Dijanas Körper auf Hochtouren, um den durch den Schlaganfall entstandenen Schaden zu reparieren. Ein Erklärungsversuch der Künstlerin zum besseren Verständnis: "Das mit dem Hirnschaden durch meinen Schlaganfall lässt sich mit einem Grafikchip vergleichen, bei dem ein paar Leitungen für die Bildverarbeitung durchgeschmort sind. Zum Glück konnte mein Gehirn durch die gute Reha neue Verbindungen und Umleitungen aufbauen."

Mehr über die Anti-Baby-Pille sprechen

Die Pille gilt nach wie vor als Verhütungsmittel erster Wahl. "Sie schützt gut vor einer ungewollten Schwangerschaft und ist einfach anzuwenden", heißt es. Über die Risiken wird zwar immer mehr gesprochen, aber vieles wird auch heruntergespielt und abgetan.

Auch Dijana musste sich Sprüche anhören wie: "Du willst doch nur schwanger werden", obwohl sie die Pille wegen des Schlaganfalls abgesetzt hatte.

Ein weiterer Punkt, der sicherlich auch nicht außer Acht gelassen werden sollte, ist, dass es zahlreiche Geschlechtskrankheiten gibt, vor denen die Pille nicht schützt. Diese Tatsache verbunden mit den Thrombose-Risiken wird oft ausgeblendet, warum? "Es wird einfach nicht hingenommen, dass die Pille gefährlich ist, so als würden es die Leute nicht hören wollen."

Und was macht so ein Schicksalsschlag mit einem?

"Ich schätze das Leben nun viel mehr, tue nur noch oder hauptsächlich Dinge, die mir guttun – das Leben kann jeden Moment vorbei sein. Ich bin dankbar, dass es mir passiert ist, aber ich wünsche es keinem. Letztendlich hat es mich aber zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin."

Was Dijana außerdem noch allen Menschen da draußen mit auf den Weg geben möchte. "In der Reha wurde mir gesagt: Jetzt machen sie mal nur noch Dinge, die Ihnen guttun. Daraufhin bin ich viel spazieren gegangen usw. und habe mich dann gefragt: Wieso tun wir nicht öfter Dinge, die uns guttun – ganz bewusst, ohne Ausflüchte?"

Weitere Infos und Links:

Schlaganfall-Hilfe – mit Auflistung der Warnhinweise und der FAST (Face – Arms – Speech – Time, dt. Gesicht – Arme – Sprache – Zeit) Methode >>>

Infos zu den Nebenwirkungen und (Thrombose-)Risiken der Pille, Erfahrungsberichte und mehr bekommt ihr hier >>>

Erste Hilfe – Gefäßzentrum Marienhospital >>>

Mehr zu Bloggerin und "Aktivistin für Inklusion" Luisa L’Audace und chronischen Krankheiten, die sichtbar sein können, es aber oft auch nicht sind, gibt's hier >>>

Dieser Text erschien erstmals am 22.03.2021.

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