Schlaganfallstreit in Göppingen Das Land lässt sich nicht beirren

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Trotz heftiger Gegenwehr aus dem Landratsamt, von den Alb-Fils-Kliniken und der Kreisärzteschaft bleibt das Sozialministerium dabei: Künftig ist das Christophsbad für Schlaganfallpatienten zuständig. Das Ende der Debatten ist das allerdings nicht.

Nach 15 Jahren hat das Christophsbad das Tauziehen mit der Klinik am Eichert um die Versorgung von Schlaganfall-Patienten vorerst gewonnen. Foto: Horst Rudel
Nach 15 Jahren hat das Christophsbad das Tauziehen mit der Klinik am Eichert um die Versorgung von Schlaganfall-Patienten vorerst gewonnen. Foto: Horst Rudel

Göppingen - Am Montag hat der Vorstand der Kreisärzteschaft noch einmal einen Brandbrief an das Sozialministerium in Stuttgart geschickt. Die Ärzte warnen darin davor, künftig wie geplant allein die private psychiatrisch-neurologische Fachklinik Christophsbad mit der Betreuung der Schlaganfallpatienten im Kreis Göppingen zu betrauen. Sie befürchten unter anderem Schwierigkeiten bei Patienten, die an mehreren Erkrankungen zugleich leiden und daher von Ärzten verschiedener Fachrichtungen betreut werden müssten. Geändert hat der Brief ebenso wenig wie ein Positionspapier, das der Kreistag zum selben Thema bereits im Dezember verabschiedet hatte.

Das Sozialministerium hat in dieser Woche noch einmal intensiv mit den Streithähnen aus dem Kreis gesprochen, die sich seit 15 Jahren darum zanken, wie, wo und von wem die rund 800 Patienten, die im Kreis Göppingen pro Jahr einen Schlaganfall erleiden, betreut werden. Am Montag waren Vertreter des Christophsbads in Stuttgart zu Gast, am Dienstag Vertreter des Landratsamts und der Klinik am Eichert, die zu den kreiseigenen Alb-Fils-Kliniken gehört. Und am Donnerstag besuchte der grüne Sozialminister Manfred Lucha die Klinik am Eichert und das Christophsbad.

Land bleibt bei seiner Entscheidung

Am Freitag verkündete das Ministerium dann, dass es nach wie vor zu dem Machtwort stehe, das Manfred Lucha bereits Ende November gesprochen hatte: In den kommenden zwei Jahren soll allein das Christophsbad für die Betreuung der Schlaganfallpatienten zuständig sein. Die Grundlage der Entscheidung sind zwei Gutachten, die der neurologischen Fachklinik die wesentlich größere Kompetenz in diesem Bereich zusprechen. Vor allem das neuere und umfangreichere Gutachten des bundesweit renommierten Schlaganfallexperten Darius Günther Nabavi ist in den vergangenen Wochen vom Landkreis und seinen Kliniken immer wieder in Teilen angezweifelt und uminterpretiert worden.

Eigentlich hatte das Land in Absprache mit dem Christopshbad und der Klinik am Eichert geplant, das Gutachten nicht zu veröffentlichen. Denn man hatte Sorge, dass einzelne Kritikpunkte darin vor allem den Ruf der Klinik am Eichert beschädigen könnten. So die Tatsache, dass es dort in der Vergangenheit zu einer überdurchschnittlichen Zahl an Hirnblutungen nach der Thrombolyse-Therapie gekommen war.

Bürger können Gutachten von Montag an einsehen

Doch weil vor allem viele Göppinger Kreispolitiker dem Land Geheimniskrämerei vorwarfen und Zweifel an der Entscheidung des Ministeriums äußerten, wurde das Gutachten den Politikern und der Presse inzwischen zugänglich gemacht. Sie können das 60-Seiten-Papier in der Klinik am Eichert einsehen. Weil die Unruhe sich seither nicht gelegt hat und das Interesse der Bürger an dem Thema entsprechend gestiegen ist, kündigt das Ministerium nun an, die Expertise von Montag an auch ihnen zugänglich zu machen. Interessierte können es in der Klinik am Eichert, dem Landratsamt oder dem Sozialministerium lesen.

Mit der Entscheidung für das Christopshabd ist die Debatte aber immer noch nicht zu Ende. Denn noch ist völlig offen, wie es nach der auf zwei Jahre befristeten Lösung weitergehen soll. Der Experte Nabavi hatte in seinem Gutachten geschrieben, „die Ideallösung für die Schlaganfallversorgung (ist) ohne Zweifel die Einbettung einer Neurologischen Abteilung mit Stroke Unit (Schlaganfallabteilung) in ein Krankenhaus, das somatische Fachdisziplinen vorhält und eine interdisziplinäre Notaufnahme betreibt“.

Minister wünscht sich einen „konstruktiven Dialog“ der Kliniken

Die Klinik am Eichert hat das bisher stets so interpretiert, dass die Schlaganfallexperten des Christophsbads in zwei Jahren in den Eichert umziehen müssten. Das Christophsbad hält dagegen, dies würde die komplette Arbeit des Klinikums gefährden, weil die Experten auch anderweitig gebraucht würden und fordert, die Klinik am Eichert solle einzelne Internisten oder Kardiologen in die Stroke Unit im Christophsbad schicken. Wie die Lösung am Ende aussieht, ist zurzeit noch offen.

„Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass die beiden Kliniken einen gemeinsamen Weg finden und dazu im konstruktiven Dialog bleiben. Das wird ohne Zugeständnisse beider Seiten kaum gelingen. Daher sollte es in diesem Prozess keine Denkverbote geben und Partikularinteressen überwunden werden“, sagt der Sozialminister Lucha dazu und das Ministerium kündigt an, dass die kommenden zwei Jahre genutzt werden, um eine dauerhafte Lösung zu finden.

Ob das klappt ist freilich offen. Immerhin haben die Kliniken zuvor bereits 15 Jahre lang gestritten, ohne eine tragfähige Lösung zu finden und das Ministerium hat sich in dieser Zeit mehrfach erfolglos als Moderator versucht. Mit der jetzt gefällten Entscheidung und den längst nicht beendeten Verhandlungen über die Landeszuschüsse zum Neubau der neuen Klinik am Eichert hat das Ministerium zurzeit allerdings die Möglichkeit, mehr Druck als bisher auf die Beteiligten auszuüben.

Ministerbesuch: Thema Neubau muss noch warten

Eigentlich hatte es bei dem Besuch des grünen Sozialministers Manfred Lucha am Donnerstag in der Klinik am Eichert, der schon seit Monaten feststand, vor allem um den Neubau der Klinik gehen sollen. Doch auch dieser Termin wurde von der aktuellen Schlaganfall-Debatte überschattet. Vor einigen Monaten hatte man im Kreis noch gehofft, Lucha würde bei seinem Besuch womöglich schon eine Förderzusage des Landes für den Klinikneubau in der Tasche haben. Stattdessen stand bei seiner Tour durch das Krankenhaus vor allem die Schlaganfallversorgung im Mittelpunkt.

Vergessen ist das mit Gesamtkosten von knapp 340 Millionen Euro größte Bauprojekt in der Geschichte des Landkreises deshalb nicht. Das Sozialministerium kündigt auf Nachfrage an, „in Kürze“ Stellung zu nehmen zu der in jüngst erneut aufgeflammten Debatte über den geplanten Standort und zu der Aufnahme des Projekts in das Jahres-Krankenhaus-Bauprogramm, die Voraussetzung für die Zuschüsse, mit denen der Kreis bereits rechnet.




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