Schlagerkomponist Jack White Der „Schöne Maid“-Erfinder wird achtzig

Sein Erfolg ersetzt viel Raufasertapete: Der Musikproduzent   Jack White kann die Wände seiner Berliner Wohnung mit  Goldenen Schallplatten bedecken. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Sein Erfolg ersetzt viel Raufasertapete: Der Musikproduzent Jack White kann die Wände seiner Berliner Wohnung mit Goldenen Schallplatten bedecken. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Jeder kennt das Schaffen von Jack White, viele wissen das nur nicht. Der Ex-Fußballer hat Hits für Tony Marshall und Hansi Hinterseer geliefert, aber auch einen unentrinnbaren Song zum Mauerfall und Deutschlands beliebtesten Weihnachtsheuler. Nun wird er achtzig Jahre alt.

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Berlin - Sein Büro um die Ecke vom Kurfürstendamm in Berlin ist mit Goldenen Schallplatten tapeziert. Achtung, es herrscht akute Ohrwurmgefahr. Jack White war Deutschlands Schlagerkönig. Seine Gassenhauer wie „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ und „Schöne Maid“ stammen aus Zeiten, als es nur drei Fernsehprogramme gab. Der Mann, der bürgerlich Horst Nußbaum heißt, ist nicht nur ein Schlagerfuzzi alten Schlags. Er steckt auch hinter Welthits wie „Gloria“, „Self Control“ und „When the Rain begins to fall“.

Von Tony Marshall bis David Hasselhoff

Keiner hat Hitparade und Hollywood in seinem Leben so verbunden wie Jack White. Am 2. September wird der Produzent, Komponist, Texter und Ex-Profi-Fußballer 80 Jahre alt. Er hat mehr als eine Milliarde Tonträger verkauft und über tausend Lieder selbst geschrieben. Mit 78 ist er in vierter Ehe zum sechsten Mal Vater geworden.

Auf der Liste seiner Künstler: Tony Marshall, Hansi Hinterseer, Roberto Blanco, Vicky Leandros, Laura Branigan, Paul Anka, Engelbert Humperdinck und Tony Christie. David Hasselhoff hat ihm die Mauerfall-Hymne „Looking for Freedom“ zu verdanken, Hugo Egon Balder sein „Erna kommt“.

Kindheit im Luftschutzkeller

Wenn Jack White kurz vor seinem 80. auf sein Leben zurückblickt, deutet er immer wieder auf seinen Arm: „Ich bekomme eine Gänsehaut!“ Kernig sieht er aus, trägt Polohemd und Turnschuhe. Fragen braucht er keine, ein rheinisches Temperament, auch nach 50 Jahren in Berlin. „Der Rest ist Geschichte!“ sagt er, wenn er über seine Hits spricht. Oder: „Sie können sich nicht vorstellen, was es heißt, in Amerika Number one zu sein!“

Sein Leben: eine deutsche Version der Tellerwäscher-zum-Millionär-Saga. 1940 wird White als Sohn eines Metzgers in Köln geboren. „Wir haben mit unserer Mutter, nachdem der Vater abgehauen ist, 15 Monate auf sechs Quadratmetern zu dritt in einem sogenannten Luftschutzbunker gelebt. Mich muss keiner aufklären, wie das Leben auch anders gehen kann.“ Er trägt Brötchen und Zeitungen aus, um die Mutter zu unterstützen. Er lernt Außenhandelskaufmann, macht Dolmetscherdiplome und schließlich eine erste Karriere als Fußballer bis hin zum niederländischen Erstligisten PSV Eindhoven. Sein Entdecker: die Fußball-Legende Hennes Weisweiler.

Deutschland wird irre

Seine eigentliche Leidenschaft ist die Musik. Auf eine erste Single („Ein paar Tränen“) 1967 folgen vierzehn weitere Versuche - ohne Erfolg. Der Durchbruch kommt erst, als er die Seiten wechselt, Komponist udn Produzent wird und 1969 mit Roberto Blanco und dem Song „Heute so, morgen so“ das Deutsche Schlagerfestival gewinnt. Dann folgt die große Zeit der Hitparade und seiner Evergreens. 1974 komponiert er für die deutschen Fußballer den WM-Hit „Fußball ist unser Leben“.

Ende der 70er Jahre dann ein heute nicht mehr so bekanntes Kapitel Schlagergeschichte: Kinderstar Andrea Jürgens singt als kleines Mädchen in „Und dabei liebe ich euch beide“ über die Trennung von Mutti und Vati: „Sag Vati, warum kann ich denn nicht öfter bei dir sein? Warum geht es nur zweimal im Monat?“ Jack White erzählt, dass er heulend im Studio saß. Das Lied, ein „Problemschlager“ über das wahre Leben, geht durch die Decke. „Deutschland ist irre geworden“, erinnert sich White. Bis heute sei Jürgens’ Album von damals die erfolgreichste deutsche Weihnachtsplatte.

Hausnummer in den USA

Was die USA angeht: Nena mag dort mit ihren „99 Luftballons“ einmal einen Zufallshit gelandet haben, Jack White war eine verlässliche Hausnummer. „Ich war richtig drüben“, sagt er. Kenny Rogers, Stevie Woods, Barry Manilow, Jermaine Jackson - das war seine Liga, zwei Mal war ganz oben in den US-Charts. In den 80er Jahren pendelte er zwischen Deutschland und Los Angeles. Die Adresse dort buchstabiert er: Doheny Drive, zwischen Beverly Hills und Hollywood. Dann kam das Heimweh und er ging zurück.

Trennungen und Rosenkrieg, Niederlagen und Enttäuschungen, schlechte Presse: Auch das gab es in Whites Leben. Mit einigen seiner Musiker hat White sich heillos zerstritten. 2007 überwarf er sich mit der von ihm selbst gegründeten Jack White Productions AG. Einer seiner wichtigsten Schützlinge, Sonnyboy Hansi Hinterseer, sprang ab. „Meine ganz große Enttäuschung“, sagte der Produzent dazu einmal.

Nie wieder arbeiten

Drei Ehen gingen in die Brüche. Im Jahr 2020 ist Jack White ein glücklicher später Vater. Der kleine Sohn ist auch der Grund, warum er bei der Frage nach dem Ruhestand lacht. „Ich bin gerade Vater geworden. Ich habe zum ersten Mal Zeit für ein Kind und genieße die Vaterschaft. Das kann sich kein Mensch vorstellen, was ich für eine Freude mit unserem Max habe.“

Aus dem Musikgeschäft hat er sich vor Jahren verabschiedet. Heute interessiert sich Jack White nur noch für die Börse und liest gerne die Zahlen, die ihm seine Hits über die Musikrechte-Verwertung Gema bringen. „Ich brauche nie wieder zu arbeiten.“ Wenn er auf das Oktoberfest eingeladen wird, freut er sich, dort seine Hits zu hören und keiner ahnt, dass sie von ihm sind.




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