Wer durch die Straße im Stuttgarter Wohngebiet Luginsland spaziert, dem wird schnell klar, dass hier ein Weltmeister zu Hause ist. Ein großes Banner hängt an der Fassade: „Aik Baumgärtner, World Champion 2024“ steht da. Vater Steffen und Mutter Petra sind stolz auf den Sohnemann, der in diesem Sommer bei den sogenannten Formula-Future-Titelkämpfen in Lettland gleich dreimal Gold gewonnen hat. Die Sportart: Schlauchbootfahren. Im 9,9 PS starken Vehikel war der Elfjährige in den Disziplinen Slalom und Manövering der Schnellste – und lag damit zudem in der Gesamtwertung vorn.
Formula Future – das ist die Nachwuchsorganisation des Weltverbandes für den motorisierten Wassersport (UIM). Jährlich werden Weltmeister in sechs verschiedenen Klassen mit Teilnehmern im Alter zwischen sechs und 18 Jahren ermittelt. Aik Baumgärtner war heuer bereits zum zweiten Mal dabei. Nach einem sechsten Platz im vergangenen Jahr in Kroatien drehte er diesmal auf. In der Klasse 2 war der Gymnasiast mit seinen drei ersten Rängen der herausragende Akteur.
WM im Jahr zuvor „eine Katastrophe“
Ausgetragen wurde die WM in einem Kanal der Hafenstadt Liepāja, direkt an der Ostsee gelegen. Im Gegensatz zu 2023 fand die Zeitenjagd auf ruhigem Gewässer statt. „Kroatien war eine Katastrophe“, sagt Aik Baumgärtner. „Wir hatten einen Baum in der Rennstrecke.“ Starke Regenfälle hatten damals die Donau anschwellen lassen und für einen chaotischen Wettkampf gesorgt. Das Manövering musste abgesagt werden, lediglich der Parallelslalom wurde veranstaltet. Dabei gilt es, einzelne Bojen zu umfahren. Beim Manövering wird dagegen zwischen „Bojen-Toren“ hindurchgefahren, was noch anspruchsvoller ist.
Dieses Jahr herrschten aber optimale Bedingungen. Teilnehmer aus elf Nationen hatte es in den Nordosten Europas verschlagen, sogar aus den Vereinigten Arabischen Emiraten war eine Delegation angereist. In der klassenübergreifenden Gesamtwertung holte sich „Team Germany“ die Silbermedaille hinter den bärenstarken Tschechen, Polen landete auf Platz drei.
Am Wochenende zehn Stunden Training
Seit drei Jahren betreibt Aik Baumgärtner seinen Sport. Alles fing an, als die Familie ein motorisiertes Schlauchboot kaufte und auf der Suche nach einer geeigneten Bootsrampe im Motor-Boot-Club Benningen fündig wurde. Mittlerweile trainiert der Junior jeden Samstag rund zehn Stunden. Ob er sich denn eine spätere Karriere im Profi-Bereich vorstellen könne? „Viel zu gefährlich“, sagt er kopfschüttelnd und mit einem Blick zu seiner Mutter. „Da hört er Gott sei Dank noch bissle auf die Mama“, sagt Petra Baumgärtner und lacht. In den höchsten Wettbewerbsklassen werden Geschwindigkeiten jenseits von 200 Stundenkilometern erreicht. Die Gefahr eines Überschlags ist dabei besonders hoch.
Auch finanziell wäre eine Profi-Karriere schwer zu stemmen. „Es ist eine Randsportart unter den Randsportarten“, weiß Vater Steffen und hofft auf mehr Aufmerksamkeit für die Leidenschaft seines Sohnes. Die wohl einzige realistische Chance: „Von Red Bull gesponsert werden“, meint Aik grinsend.
Lernen fürs spätere Leben
Der Elfjährige ist überhaupt viel beschäftigt. Neben dem Bootsport ist er in der Jugendfeuerwehr tätig, macht außerdem Leichtathletik, und zur Schule muss er schließlich auch noch. „Wir zwingen ihn natürlich zu nichts“, betont Steffen Baumgärtner, „er macht alles freiwillig.“ Außerdem lerne er viel fürs spätere Leben: Zur Sportprogramm-Routine gehören etwa Mentaltrainings, die helfen können, in Stresssituationen einen ruhigen Kopf zu bewahren.
Als Nächstes steht die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Ungarn an, dann in der nächsthöheren Klasse 3. Diese bringt auch einen anspruchsvolleren Parcours mit sich. Ob er sich den zutraue? „Das ist einfach – nur ein Kreisel zusätzlich“, sagt Aik Baumgärtner mit dem Selbstbewusstsein eines dreifachen Weltmeisters.