Schlechte Arbeitsbedingungen Altenpflege am Limit

„Ich habe Angst davor, selbst einmal gepflegt werden zu müssen“, sagt Miriam Fischer. Die 35-Jährige arbeitet in einem Altenheim bei Backnang. Foto: Gottfried Stoppel

In Deutschland versorgen 1,6 Millionen Fachkräfte alte und kranke Menschen. Viele klagen über die schlechten Arbeitsbedingungen. Miriam Fischer und Marcel Falk erzählen von einem Job, der zugleich erfüllend und zermürbend ist.

Stuttgart - Miriam Fischer starrt an die Schlafzimmerdecke. Ihre Arme und Beine liegen schwer auf der Matratze. Sie ist unglaublich müde, kann aber nicht einschlafen, weil sie ständig an den nächsten Tag denken muss. Sie wird wieder acht Stunden durchs Heim hetzen, und am Abend wird sie wieder das Gefühl haben, es war nicht genug. Als ihre Augen endlich zufallen, ist es kurz nach vier. Zwei Stunden später reißt der Wecker sie aus traumlosem Schlaf.

 

Vor dem Pflegeheim atmet sie noch einmal durch. Als sich die Türen öffnen, riecht sie süßlichen Urin, gemischt mit scharfem Desinfektionsmittel. Im Büro erfährt sie: Eine Kollegin ist krank, Ersatz gibt es nicht. Fischers Schicht beginnt bei einem 120 Kilo schweren Mann. Mit seinem Gewicht muss die zarte Frau alleine klarkommen. Während sie ihn wäscht, wird sein Zimmernachbar ungeduldig. Er will rasiert werden und verlangt nach dem Frühstück. Immer wieder drückt er die Klingel.

Als sie endlich zum Rasierer greifen kann, wird sie von Rufen aus dem Nebenzimmer unterbrochen. „Ich bin gleich da“, ruft sie zurück. Eine Frau sitzt zwischen einer zerbrochenen Vase auf dem Boden in einer Pfütze Blumenwasser. Schnell die gestürzte Frau versorgen und aufputzen. Dann sich bei Angehörigen entschuldigen, weil der Vater nicht rechtzeitig gewaschen und angezogen wurde. Dann mit zwei Bewohnerinnen deren Lieblingslied singen, dann die Hand einer Sterbenden halten – obwohl sie dafür eigentlich überhaupt keine Zeit hat. So sah der Alltag der Altenpflegerin bis vor drei Jahren aus.

Die Arbeitsbedingungen werden immer schlechter

In einem Heim bei Backnang hatte Fischer 2001 die Ausbildung gemacht, lange Zeit leitete sie dort einen Wohnbereich. Sie erlebte über Jahre hautnah, was man Pflegenotstand nennt. „Allein durchs Erzählen kommen die Gefühle wieder hoch“, sagt die 35-Jährige.

Als sie mit der Lehre begann, war sie hochmotiviert. Mit der Zeit wurden die Arbeitsbedingungen immer schlechter: weniger Personal, höhere Ansprüche der Bewohner, ständig Kritik von Angehörigen. Zugleich musste sie ihre Arbeit immer genauer und umfassender dokumentieren. Irgendwann konnte Miriam Fischer abends nicht mehr abschalten. Sie bekam Schlafstörungen. „Ich hatte das Gefühl, nur noch funktionieren zu müssen.“

„Die Arbeitsbedingungen in vielen Heimen und Krankenhäusern gefährden die Pfleger – sie sind aber auch riskant für die alten und kranken Menschen“, sagt die Gewerkschaftssekretärin Christina Ernst von Verdi Stuttgart. Obwohl die Lage schon lange dramatisch sei, habe sich bisher zu wenig geändert. Zwar versprach der Gesundheitsminister Jens Spahn im vergangenen Jahr die Finanzierung von 13 000 neuen Stellen. Aber weil es nicht genügend Fachkräfte gibt, können die neu geschaffenen Arbeitsplätze gar nicht besetzt werden.

Laut der Agentur für Arbeit kommen auf 100 offene Stellen nur 19 Arbeit suchende Pfleger. Deshalb sollen jetzt Fachkräfte aus Mexiko, dem Kosovo oder von den Philippinen den Personalmangel ausgleichen. In dem Backnanger Heim stammt der Großteil der Lehrlinge aus Madagaskar. Christina Ernst sieht das kritisch. „Viele ausländische Fachkräfte stoßen hier auf kulturelle und sprachliche Hürden“, sagt sie. Außerdem würden sie auch in ihren Heimatländern gebraucht.

Am Mittag ist er schon acht Kilometer gelaufen

Miriam Fischer stand damals vor einem Dilemma: Sie liebte ihren Beruf, aber er machte sie fertig. Sie erlebte Kolleginnen, die mit Anfang 20 wegen Burn-out kündigten. Heute sagt sie: „Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchgehalten hätte, wenn sich damals nicht ein neuer Weg im Heim aufgetan hätte.“

Marcel Falk weiß, dass viele seiner Kollegen unter den aktuellen Arbeitsbedingungen leiden. Der 37-Jährige ist Altenpfleger, und er mag seinen Job, das sieht man ihm gleich an. „Ich gehe jeden Morgen mit einem guten Gefühl zur Arbeit“, sagt er. Marcel Falk ist ein gelassener Typ mit viel Energie. Einer, dem die Bewohner gerne von sich und von früher erzählen.

Er arbeitet beim ambulanten Pflegedienst des Roten Kreuzes. Im betreuten Wohnen in Feuerbach versorgt er die Bewohner, danach macht er Hausbesuche in der Umgebung. Am Mittag zeigt der Schrittzähler auf seiner Smartwatch schon acht Kilometer. Früher ist Falk in seiner Freizeit geritten, heute sitzt er nach der Arbeit lieber auf der Couch.

Für die Patienten ist Marcel Falk Pfleger und Handwerker in einem. Auf seiner Tour repariert er Lampen und setzt Kontaktlinsen ein. Er spritzt Insulin, misst Blutdruck und nimmt eine Schlafzimmertür unter die Lupe, weil sie am Boden streift. „Das muss der Schreiner machen“, lautet seine Diagnose.

„Das hat jetzt gar nicht wehgetan“

Eine Türe weiter sitzt eine ältere Dame im lila Nachthemd umgeben von Puppen und Katzenkissen auf dem Sofa, aus dem Radio tönt SWR 4. Einige geschickte Handgriffe und Muskelkraft – dann sitzen die Kompressionsstrümpfe. „Einen schönen Tag noch!“

Der nächster Patient ist Diabetiker. Am Vortag waren seine Werte schlecht, heute lobt Falk: Schon wieder deutlich besser! Vermutlich war nur ein heimliches Stück Kuchen am hohen Insulinspiegel schuld. Der Mann zieht sein Poloshirt nach oben. Es enthüllt gelbe und blaue Flecken auf seinem Bauch. Durch die vielen Spritzen haben sich regenbogenfarbige Hämatome gebildet. Falk greift nach einem Speckröllchen und lässt vorsichtig die Nadel darin verschwinden. „Das hat jetzt gar nicht wehgetan“, lobt der Mann.

Lange arbeitete Marcel Falk als freiberuflicher Pfleger und ließ sich durch Online-Portale für kurze Zeiträume an Heime und Kliniken vermitteln. Wo er eingesetzt wurde, war die Personalnot meistens groß. Damals hat es Tage gegeben, an denen er nur gerannt ist, erzählt er. Oft traf er auf Kollegen, die nicht so arbeiteten, wie er sich gute Pfleger vorstellt. „Aber als Aushilfskraft war ich nicht in der Position, die anderen zu kritisieren.“ Die wenigen Wochen, die er jeweils in einer Einrichtung verbrachte, reichten nicht aus, um eine wirkliche Beziehung zu den Patienten und zu den Kollegen aufbauen. Über Monate war Marcel Falk von Grund auf unzufrieden.

Heute kommt Falk gut klar, aber auch er sieht die Lage insgesamt kritisch: „Viele wollen gute Arbeit machen, scheitern aber an der Zeit. Pflegedienste sind letztlich ein Wirtschaftsunternehmen – das setzt die Arbeitskräfte unter Druck.“ Organisatorisch, ökonomisch und menschlich alles unter einen Hut zu bringen sei nicht einfach. Zudem stehe der Lohn in keinem fairen Verhältnis zur Arbeit. Wenn er daran denkt, dass er vielleicht selbst einmal gepflegt werden muss, verzieht Falk das Gesicht. Ob er seinen Kindern den Job empfehlen würde? Er schüttelt den Kopf.

Sind die Fallpauschalen schuld?

Rund 1,6 Millionen Fachkräfte versorgen in Deutschland alte und kranke Menschen. Die meisten sagen, dass sie ihren Job wohl nicht bis zur Rente durchhalten können. „Und potenzielle Nachwuchskräfte werden schon bei den ersten Praxiseinsätzen abgeschreckt“, sagt Christina Ernst von Verdi. „Sie bekommen keine Begleitung, keine Anleitung, sie dienen lediglich als billige Hilfskräfte, die man dort einsetzt, wo die größte Personalnot herrscht.“ Da geben viele gleich auf.

Christina Ernst ist der Meinung, dass vor allem die Einführung der Fallpauschalen 2004 den Fachkräftemangel ausgelöst hat. Das System legt fest, dass Patienten je nach Leiden einer bestimmten Fallgruppe zugeordnet werden. Danach richtet sich der Betrag, den eine Klinik von den Kassen für die Behandlung erhält. Das sollte die Abrechnung von medizinischer Versorgung vereinheitlichen und transparenter machen. Christina Ernst meint aber, dass dadurch viele Einrichtungen sparen müssen – auch am Personal. Für die noch angestellten Pfleger werden die Arbeitsbedingungen so immer schlechter. Hinzu kommen Schichtdienst und schlechte Bezahlung. Gleichzeitig steigt die Zahl der Pflegebedürftigen.

Nächstes Jahr sollen die Personalkosten von diesem System entkoppelt werden, Christina Ernst hofft, dass die Situation dann besser wird. Verdi fordert zusätzlich einen Tarifvertrag, der gleiche Löhne garantieren soll und dadurch den Preiskampf zwischen den Heimen entschärfen könnte.

Die Rechte der Beschäftigten

Drei Jahre ist es nun her, dass Miriam Fischer die weiße Hose und das Pflegehemdchen abgelegt hat. 2015 kam ihre Tochter zur Welt. Als sie ein Jahr später aus dem Mutterschutz zurückkehrte, wurde sie zur Vorsitzenden der Mitarbeitervertretung gewählt. Seitdem ist sie von der Pflege freigestellt.

Miriam Fischer vertritt jetzt die Interessen ihrer Kollegen gegenüber dem Arbeitgeber und versucht sich so für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. Sie begleitet Mitarbeiter zu Gesprächen mit der Heimleitung und achtet darauf, dass die Rechte der Beschäftigten eingehalten werden. Oft dauert es lange, bis sich beide Seiten schließlich einig werden, sagt Miriam Fischer. Aber je mehr Kollegen sich zusammentun, desto besser können sie Forderungen durchsetzen. „Wir Pfleger müssen uns organisieren. Wir müssen lernen, Nein zu sagen. Nein zum ständigen Einspringen für kranke Kollegen. Nein, wenn es einfach nicht mehr geht.“

Manchmal fehlt Miriam Fischer die Nähe zu den Bewohnern. Aber dafür geht sie heute ausgeschlafen durch die langen Heimflure. Im Erdgeschoss riecht es fruchtig, der Duft kommt aus dem Keller: Einige Bewohner haben mit einer Betreuerin Quittengelee gekocht. Klebrige Schüsseln und Töpfe stehen noch auf der Arbeitsfläche. Die Köche sitzen um einen Tisch und plaudern. Miriam Fischer schnuppert an einem Marmeladenglas. „Der neue Geruch fürs Pflegeheim“, sagt sie und zwinkert der Pflegerin zu.

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