Kommentar zum Schlecker-Prozess Wie ein Freispruch

Anton Schlecker hat eine zweijährige Bewährungsstrafe bekommen. Foto: AFP
Anton Schlecker hat eine zweijährige Bewährungsstrafe bekommen. Foto: AFP

Unternehmerisches Scheitern ist nicht strafbar. Das gilt auch für einen so umstrittenen Unternehmer wie Anton Schlecker, kommentiert Wirtschaftsredakteur Michael Heller.

Wirtschaft: Michael Heller (mih)
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Stuttgart - Es war knapp für Anton Schlecker, sehr knapp. Aber er ist davongekommen. Denn das Urteil erspart dem 73-Jährigen den Gang ins Gefängnis, der eine besonders schwere Demütigung bedeutet hätte. Der gescheiterte Unternehmer bleibt also ein freier Mann, weil ihm das Stuttgarter Landgericht mit der Bewährungsstrafe bescheinigt, dass er sich nicht in großem Umfang strafbar gemacht hat. In diesem Urteil liegt viel Wohlwollen. Eigentlich, so hat der Vorsitzende Richter gesagt, sei das Landgericht Stuttgart zu einem ähnlichen Strafmaß gekommen wie die Staatsanwaltschaft, die vor einer Woche drei Jahre Haft gefordert hatte. Daraus sind nun zwei Jahre plus 54 000 Euro Geldstrafe geworden – was bei einem Angeklagten, der noch in der Privatinsolvenz ist, seltsam anmutet. Aber eine längere Haftstrafe als zwei Jahre hätte das Gericht nicht zur Bewährung aussetzen können.

Seine eigentliche Strafe hat der gelernte Metzgermeister gewiss schon vor gut fünf Jahren erhalten, als sein Drogeriekonzern und damit sein Lebenswerk zusammenbrach. Dass er das bis zuletzt nicht hat wahrhaben wollen, dass er auch durch den Einsatz von viel Geld gegen den drohenden Untergang gekämpft hat, das ist in den Monaten des Prozesses vor dem Stuttgarter Landgericht noch einmal deutlich geworden. Schlecker hat seinen Konzern als Alleinherrscher geführt. Kontrollinstanzen? Fehlanzeige. Das durfte der Unternehmer freilich, denn in der Rechtsform des eingetragenen Kaufmanns haftete er andererseits für alle Verbindlichkeiten.

Sehen Sie außerdem im Video: Was denken ehemalige Mitarbeiter? Wir haben mit Andrea Straub aus Stetten am kalten Markt gesprochen, die jahrelang bei Schlecker angestellt war.

Es ist der Sturheit und Beratungsresistenz des Unternehmers zuzuschreiben, dass er trotz objektiv erkennbarer Anzeichen für den Niedergang einfach so weitermachte wie immer – und dabei freilich eher mehr als zuvor für die finanzielle Sicherheit seiner Familie sorgte. Das hätte er nicht tun dürfen, wie ihm jetzt das Gericht attestiert hat. Aber davon, dass im Angesicht der drohenden Pleite in großem Stil Geld auf die Seite geschafft worden wäre, kann eben auch keine Rede sein. Und nur darüber, nicht über das unternehmerische Scheitern, hatte das Gericht zu urteilen. Dass er schnell bereit war, den finanziellen Schaden wiedergutzumachen, hat außerdem für Schlecker gesprochen.

Seine Anwälte haben im Prozess nicht ganz zu Unrecht eine öffentliche Vorverurteilung ihres Mandanten beklagt. Diesen Ruf nach einer Strafe hat sich Schlecker allerdings selbst zuzuschreiben durch die Art und Weise, wie er sein Unternehmen jahrzehntelang geführt hat und wie er insbesondere mit seinen Angestellten umgegangen ist. Dass der Name Schlecker in der deutschen Wirtschaft fast zu einem Schimpfwort geworden ist, das ist alleine seine Schuld. Das ist am Montag im Gerichtssaal noch einmal zu spüren gewesen, als das Publikum die Bewährungsstrafe lautstark mit Buhrufen quittierte.

Lars und Meike Schlecker müssen ins Gefängnis

Gleichwohl bleibt es dabei, dass unternehmerisches Fehlverhalten nicht strafbar ist. Obwohl Schleckers Schicksal wohl bei den allerwenigsten einen Mitleidsreflex auslöst, darf eines nicht außer Betracht bleiben: Anders als angestellte Manager, die große Unternehmen an die Wand gefahren und vorher noch eine hohe Abfindung kassiert haben, hat er stets die volle Verantwortung getragen. Die großen Verlierer des Prozesses sind aber seine Kinder, die nun ins Gefängnis müssen. Offenbar hat Anton Schlecker nicht nur als Unternehmer versagt, sondern auch als Vater. Er hat die Kinder Lars und Meike gelockt und finanziell verwöhnt – und benutzt, als er seinem kriselnden Konzern ein junges, sympathisches Image geben wollte. Der Preis dafür war für die Kinder Unterordnung und der Verzicht auf ein Leben nach eigenen Vorstellungen, außerhalb des Schattens des übermächtigen Vaters. Anton Schlecker hat auch das Leben seiner Kinder ruiniert. Diese Schuld nimmt ihm niemand ab.

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