Ende Juni geht eine Ära zu Ende: Mit dem Schlemmer-Grill schließt der letzte gastronomische Familienbetrieb im Stuttgarter Hauptbahnhof. Petra Kühnle und ihr Vater Udo Kemmer hören auf.

Stuttgart - Zwischen Gleis acht und neun geht es derzeit um die Wurst. Die Tage des Schlemmer-Grills im Stuttgarter Hauptbahnhof sind gezählt. Ende Juni ist Schluss für die Familiendynastie Kemmer. Udo Kemmer feierte vor wenigen Wochen  60 Jahre Dienst am Menschen im Sinne der grundsoliden deutschen Küche. Sein Großvater Emil Weber gründete die Schnellgaststätte 1924. Kemmers Tochter Petra Kühnle arbeitet seit 22 Jahren im Betrieb.

 

Familie Kemmer hätte gerne weitergemacht, die Bahn hatte aber andere Pläne. Kürzlich wurde dem Familienbetrieb gekündigt. Die Kündigung erfolgte nach einer Kommunikationsstrategie, die sich die Bahn seit Stuttgart 21 scheinbar hat patentieren lassen: eins vor, dann zwei zurück. Erst wurde Kemmers das Aus verkündet. „Wir haben einen Mietvertrag auf unbegrenzte Zeit, aber mit einer jährlichen Kündigungsfrist. Wenn die Bahn den Standort braucht, müssen wir raus. Als klar wurde, dass S 21 endgültig kommt, wurde uns gekündigt“, sagt Petra Kühnle.

Schlussstrich gezogen

Kurze Zeit später überlegte es sich die Bahn dann laut Familie Kemmer aber doch wieder anders und hätte den Schlemmer-Grill gerne bis zum Ende des alten Hauptbahnhofs behalten – da hatten Udo Kemmer und Petra Kühnle aber schon ihre Entscheidung getroffen. „Wenn die Bauarbeiten beginnen, bricht die ganze Infrastruktur zusammen und wir hätten keinen vernünftigen Zugang zu unseren Lagern mehr. Also ist es für uns vom Planerischen jetzt am besten, einen Schlussstrich zu ziehen“, sagt sie.

Petra Kühnle und ihr Vater sitzen im Hinterzimmer des Schlemmer-Grills. Im ganzen Betrieb ist die Zeit stehen geblieben. Die Elemente der Treppe, die nach oben in die Küche und nach unten in den Bauch des Bahnhofs führen, sind noch original, vom Opa eingebaut. Von der Küche oben hat man einen guten Überblick über die Gleise, auf dem Weg nach unten hängt ein Zettel, auf dem verzeichnet ist, wann das Fritteusenfett gewechselt wurde. Steigt man in das Lager des Schlemmer-Grills hinunter, findet man Regale, die schon fast leergeräumt sind, Wassereimer, in die es aus undichten Leitungen hineintropft und nagelneue Brandschutzwände.

Fast ein Hörsturz von den Trillerpfeifen

„Früher konnte man von hier bis zur Gepäckaufgabe laufen“, erzählt Udo Kemmer. Kemmer ist ein wandelndes Bahnhofslexikon. Berufliche Höhepunkte macht er nicht an Jahren, sondern an Dekaden fest: „Die 50er und 60er Jahre waren am spannendsten mit den Gastarbeitern, da war hier was los!“ Aber auch die jüngere Vergangenheit des berühmten Stuttgarter Hauptbahnhofs hat wohl kaum einer so nah mitbekommen wie die Macher des Grills. „Am Anfang fanden die Montagsdemos noch in der Bahnhofshalle statt. Die Demonstranten haben gedacht, sie tun uns etwas Gutes. Dabei haben wir von den Trillerpfeifen fast einen Hörsturz bekommen“, sagt Kemmer. „Und außerdem kamen keine Kunden, weil der Bahnhof abgesperrt war“, ergänzt Petra Kühnle, während ihr Vater schon wieder aufsteht, um am Tresen auszuhelfen. Der schwäbische Begriff „schaffig“ könnte für Kemmer erfunden worden sein. „All die Jahre haben wir nur einen Sonntag im Jahr geschlossen gehabt“, erinnert sich Kühnle.

Und jetzt soll Schluss sein? „Die Bahn möchte nun doch, dass der Kiosk weiter betrieben wird. Das macht es für uns noch schwerer. Wir hoffen, dass jemand den Kiosk in unserem Sinne weiter führt, bis er abgerissen wird“, sagt Udo Kemmer, der mit einem Pott Kaffee zurückgekommen ist. „Coffee to go“ gibt es hier nicht, höchstens Kaffee zum Mitnehmen. Derweil wirbt die Bahn, die für eine Stellungnahme zum Grill nicht zu erreichen war, neben dem Kiosk für „gastronomische Vielfalt“: „Für leckere Snacks ist der Zug noch nicht abgefahren“. Leider sieht Vielfalt an deutschen Bahnhöfen heute überall gleich aus. An den Crobag-Filialen oder am Burger-Bräter erkennt man nicht, ob man eben in Stuttgart oder Hannover angekommen ist. „Die Zeiten ändern sich. Die Kunden haben heute viel weniger Zeit“, sagt Petra Kühnle. Dass es derzeit zwischen Gleis acht und neun um die Wurst geht, fällt zwischen Ankunft und Abschied kaum jemandem auf.