Schließung der Bereitschaftspraxis Kinderklinik-Chefarzt: „Wir wissen, dass wir es ausbaden müssen“

Im Böblinger Krankenhaus befindet sich der Kinderärztliche Bereitschaftsdienst, der von der Kassenärztlichen Vereinigung betrieben wird. Foto: Stefanie Schlecht

Die Öffnungszeiten der kinderärztlichen Bereitschaftspraxis am Böblinger Krankenhaus werden reduziert – das sorgt an der Kinderklinik für großen Unmut.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Viele Eltern werden die Situation kennen: Es ist Samstag- oder Sonntagabend, und das eigene Kind ist krank. So krank, dass es sinnvoll wäre, es einem Kinderarzt vorzustellen. Noch ist es besorgten Eltern möglich, ihre Kinder auch spätabends in der Kinderärztlichen Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigung (KVBW) im Böblinger Krankenhaus behandeln zu lassen.

 

Ab 1. April wird dies schwieriger, denn die KVBW hat vergangene Woche angekündigt, die Öffnungszeiten ihrer Praxis künftig zu reduzieren. Besonders ins Gewicht fallen könnten die Änderungen an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen, wenn die Bereitschaftspraxis anstatt um 22 Uhr bereits um 19 Uhr schließen soll.

„Keine Information“: Chefarzt empört

Im Gespräch mit unserer Zeitung zeigt sich einer der beiden Chefärzte der Kinderklinik, Lutz Feldhahn, verärgert über die Entscheidung der KVBW: „Diese Nachricht hat Wallungen ausgelöst, weil wir wissen, dass wir es ausbaden werden.“ Wenn die Bereitschaftspraxis abends früher geschlossen werde, würden sich hilfesuchende Eltern automatisch an die Notaufnahme der Kinderklinik wenden, prophezeit er. „Wir erwarten mehr Patienten, längere Wartezeiten und noch belastendere Dienste für unsere Mitarbeitenden.“ Unter der Woche sei ein erhöhtes Aufkommen noch verkraftbar, „aber an Wochenenden und Feiertagen drei Stunden früher schließen, das hat Konsequenzen“, sagt Feldhahn.

Lutz Feldhahn (links) und sein Chefarzt-Kollege Gerald Nachtrodt Foto: Eibner-Pressefoto

Der Chefarzt ärgert sich vor allem noch über einen weiteren Aspekt: „Bis Freitagnachmittag, als wir die Nachricht bei der Stuttgarter Zeitung gelesen hatten, wussten wir nichts davon. Niemand von der KVBW hat uns im Vorfeld informiert. Das geht nicht.“ Auch Klinikverbund und Landkreis Böblingen kritisieren in einer gemeinsamen Stellungnahme die Kommunikation: „Erst am 20. März wurde der Klinikverbund eher beiläufig über die geplanten Änderungen informiert und dies ohne Vorabgespräche oder gemeinsame Abstimmung.“

Dienstpläne der Kinderklinik müssen wieder umgestellt werden

Da die Änderung ab 1. April gilt und zu Monatsbeginn gleich die Osterfeiertage warten, stehe die Klinik nun vor einer besonderen Herausforderung, innerhalb weniger Tage die Dienste neu zu organisieren. „Die Dienstpläne waren bis Mai bereits gemacht. Unsere Mitarbeiter haben tariflich abgesicherte Verträge mit vorgegebenen Wochenenddiensten pro Monat. Wir müssen mit dem Betriebsrat nun schnelle Lösungen finden“, erklärt Feldhahn.

Um den Mehraufwand bewältigen zu können, müsse das Prinzip der Triage konsequenter umgesetzt werden – weniger dringliche Fälle werden dann hinten angestellt. Eine Zurückweisung komme aber ohnehin nicht in Frage – auch nicht, wenn die Warteräume voll sind. „Selbst wenn Eltern um drei Uhr nachts kommen mit weniger akuten Fällen, versorgen wir sie ganz selbstverständlich“, betont der Chefarzt.

KV verteidigt die Entscheidung

Die Kassenärztliche Vereinigung wiederum verteidigt ihre Entscheidung, die Dienstzeiten herunterzufahren: „Die Öffnungszeiten, besonders an Wochenenden und Feiertagen, sind so nicht aufrechtzuerhalten. Bisher sind wir zwischen 8.30 und 22 Uhr geöffnet, also 13,5 Stunden. Eine solch lange Zeit ist extrem belastend, für angestellte Ärzte gar nicht zulässig. Da es immer mehr angestellte Ärzte gibt, würde die Belastung für die Praxisinhaber noch stärker ansteigen.“ Außerdem bestehe „keine Verpflichtung, einen kinderärztlichen Dienst anzubieten“. Es sei „eine freiwillige Leistung“ mit „enormen Aufwand“.

Eltern kranker Kinder müssen etwas umdisponieren. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Dass zu den genannten Zeiten kein kinderärztlicher Notdienst mehr analog verfügbar ist, hält die KVBW für vertretbar: „Die Anpassung der Öffnungszeiten erfolgt moderat. Es ist den Eltern zuzumuten, dass sie an den Wochenenden und Feiertagen mit ihren Kindern bis 19 Uhr in eine Bereitschaftspraxis kommen.“

Eltern sollen mehr digitale Angebote nutzen

Zur einer möglichen Überlastung der Notambulanz sagt die KVBW: „Es ist ausdrücklich nicht vorgesehen, dass die Notaufnahme stärker belastet wird.“

Vermieden werden solle dies auch dadurch, dass Eltern vermehrt auf Online- und Telemedizin-Angebote zurückgreifen. „Wir haben erst vor wenigen Monaten unsere neue Versorgungsplattform ‚docdirekt’ gestartet, über die einfach eine digitale Einschätzung der Dringlichkeit erhalten und wenn nötig eine telemedizinische Beratung weitergeleitet werden kann. Das Angebot wird sehr gut angenommen.“ Dieses Tool mit Tele-Kinderärzten stehen auch an den Wochenenden und Feiertagen bis 23 Uhr zur Verfügung, so die KVBW.

Auf den Vorwurf der Klinik, der Entschluss sei nicht kommuniziert worden, sagt die KVBW: „Fokus war nach Beschluss, die Ärzte sowie das Praxisteam zu informieren. In einem weiteren Schritt wurde Ende der letzten Woche auch die Klinik über die Änderung informiert.“

Institutsambulanz-Vorschlag abgelehnt

Die im September 2025 im Kreistag vorgestellte Idee, zur Verbesserung der kinderärztlichen Versorgung im Kreis, am Klinikum Böblingen eine Institutsambulanz einzurichten, konnte nicht umgesetzt werden. Nachdem der Zulassungsausschuss aus Ärzteschaft und Krankenkassen Ende 2024 den Antrag des Klinikverbunds abgelehnt hatte, hatte dieser darauf verzichtet, weitere Versuche zu starten. Weshalb der Antrag abgelehnt wurde, will die KVBW nicht weiter erläutern. Die Sitzung des Ausschusses sei nicht öffentlich gewesen.

Auch hier kann Lutz Feldhahn seine Enttäuschung nicht verbergen: „Der Antrag damals wurde abgeschmettert. Und das, obwohl wir einen Lösungsvorschlag für die ambulante Versorgung vorgebracht hatten, die primär aber gar nicht unsere Aufgabe ist.“

Kinderärztliche Versorgung

Bereitschaftspraxis
Institutionell sind Kinderärztliche Bereitschaftspraxis und Notaufnahme getrennt. Die Praxis der KVBW ist für die ambulante Versorgung von Patienten zu den Randzeiten, also abends, an Wochenenden und Feiertagen zuständig. Sie ist durch niedergelassene Ärzte vertreten.

Notaufnahme
Die Notaufnahme gehört zur Kinderklinik. Diese wiederum ist Teil des Klinikverbund Südwest – dem Betreiber der noch sechs Kliniken im Kreis Böblingen. Die Krankenhäuser sind für die stationäre Versorgung zuständig.

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