Schloss Tempelhof Das hallische Dorf

Idyllisch gelegen in der Nähe von Crailsheim: die Gebäude von Schloss Tempelhof gehören der Genossenschaft.Foto:Tempelhof Foto:  
Idyllisch gelegen in der Nähe von Crailsheim: die Gebäude von Schloss Tempelhof gehören der Genossenschaft. Foto:Tempelhof

Die Gemeinschaft von Schloss Tempelhof will ein besseres Leben führen. Ökologisch. Solidarisch. Und ganz ohne religiöse Dogmen. Ein genossenschaftliches Experiment, bei dem jeder mitreden darf und keiner weiß, wie lange das gutgeht.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Kreßberg - Sie seien aber keine Sekte. Das stellen sie klar, bevor man fragt. Allmählich haben sie davon sogar die Bewohner der umliegenden Dörfer überzeugt. Auch wenn hier einiges ein bisschen anders läuft: Heute sind es etwa vierzig Menschen aus der Gemeinschaft, die im Kreis stehen, sich an den Händen fassen und die Augen schließen. Durch die großen Fenster des Speisesaals fallen die ersten Sonnenstrahlen. Das Klappern von Geschirr und Besteck ebbt ab. Noch einmal ächzt die Tür, eine Frau schleicht herein, huscht zu den anderen. Dann aber: Stille. Zehn lange Minuten. Das morgendliche Besinnungsritual. Willkommen in Tempelhof, Landkreis Schwäbisch Hall.

Bis dato haben sich rund neunzig Erwachsene samt Kindern zusammengetan, um ein besseres Leben zu führen. Bewusst. Ökologisch. Solidarisch. Sie lehnen politische und religiöse Dogmen ab, wollen offen sein für alle Weisheitstraditionen und jeden Glauben. Entscheidungen werden im Konsens getroffen. Jeder darf mitreden, alle müssen einverstanden sein. Gemüse und Getreide bauen sie selbst an, auf Feldern, die das Dorf umgeben. Die Kinder lernen in der Schule nur das, was sie wollen. Es gibt Ziegen und Hühner. Und große Bleche mit Kuchen für alle, wenn mal wieder jemand Geburtstag hat. Weil das alles zu schön klingt, um wahr zu sein, können sie sich angeblich kaum retten vor Menschen, die zu ihnen aufs Land ziehen wollen. „Ankommen“, sagen sie hier.

Es gibt es kein Eigentum von Grund und Boden

Roman Huber führt in seine Einzimmerwohnung. Aufgeräumte fünfundzwanzig Quadratmeter, nur das Nötigste. Die Gemeinschaft hat viel Raum, der Einzelne gerade genug. Auf dem weißen Teppich liegen Bücher zum Finanzsystem und dessen bevorstehenden Untergang. „Im Prinzip sind wir eine Großfamilie. Aber statt einer Blutlinie verbindet uns gemeinsamer Sinn“, sagt Huber. Weil die Tempelhofer wirtschaftlich als Genossenschaft organisiert sind, gibt es kein Eigentum von Grund und Boden. Jegliche Spekulationen mit den ­Immobilien sind damit ausgeschlossen. „Keinem gehört etwas, jedem gehört alles.“ Nur eine Gefahr sehe er im familiären ­Gemeinschaftsleben: Dass man es sich abseits der Gesellschaft zu gemütlich macht. „Ich will aktiv in die Welt hineinwirken, nicht nur die eigenen Schäfchen ins Trockene bringen.“

Huber ist Bundesvorsitzender von „Mehr Demokratie e. V.“, einem Verein, der sich für stärkere Bürgerbeteiligung in der Politik einsetzt. Tempelhof passt zu seinem Beruf. „Es hat mir immer Spaß gemacht, gesellschaftliche Strukturen neu zu denken. Irgendwann wollte ich es darauf ankommen lassen, statt nur durch die rosarote Brille zu gucken.“ Ein Schlüsselmoment sei gewesen, als er einmal seine Altersvorsorge kalkulierte. Ihm sei klar geworden, dass er mit dem ungeliebten Zinseszins wirtschaften müsste, um über die Runden zu kommen. Die Lösung: Gemeinschaft. „Du stirbst, wie du alt wirst, und wirst alt, wie du lebst.“ Der Generationenvertrag in Tempelhof basiert auf Vertrauen. Einer für alle und alle für einen. Bis zum Schluss.

20 Leute, die ein Dorf kaufen wollen

Alles begann mit einer Reihe von Enttäuschungen. Zwanzig Leute aus dem Raum München, darunter Roman Huber, wollten zusammen eine kleine Gemeinschaft aufbauen. Sie suchten ein brachliegendes Grundstück in der Stadt. Dann im Umkreis von achtzig Kilometern. Acht Jahre lang. Sie fanden nichts, was geeignet und zugleich bezahlbar gewesen wäre. In der Zwischenzeit hatten sie Gemeinschaften auf der ganzen Welt besucht, immer gefragt: „Was hat bei euch funktioniert? Was nicht?“ Sie lernten den sogenannten Wir-Prozess des amerikanischen Psychologen Scott Peck kennen. Seine Methode soll helfen, eine starke und friedliche Gemeinschaft zu schaffen – ganz ohne einen Anführer. Als sie ihren Traum mangels Grundstück schon fast aufgegeben hatten, gab einer von ihnen bei Google die alles entscheidenden Worte ein: „Dorf kaufen“. Das war 2010.

Hundert Jahre lang war in Tempelhof ein Kinderheim, es folgten Werkstätten für Behinderte. Als der Haufen Sinnsucher aus dem entfernten München zur Besichtigung anrückte, standen die Häuser seit Jahren leer. Ziemlich heruntergekommen. Das sollte ihre Zukunft sein? Immerhin gab es viel Platz, eine kleine Turnhalle und eine Großküche mit einer Einrichtung aus Edelstahl. Das Dorf könnte irgendwann Heimat für dreihundert Menschen sein. Sie handelten den Besitzer von vier auf anderthalb Millionen herunter, fanden Mitbewohner und Unterstützer, die für ihren Kredit keine Zinsen verlangten. Tempelhof finanziert sich ohne Hilfe von Banken. Wer hier leben will, zahlt 30 000 Euro an die Genossenschaft und wohnt ein Jahr lang auf Probe. Den Wir-Prozess haben sie beibehalten. In der Großküche bereiten fünf hauptamtliche Köche drei Mahlzeiten täglich zu. Genug zu renovieren gibt es noch immer.




Unsere Empfehlung für Sie