„Hände weg von den Bäumen“ ist in dicken Lettern an das rot-weiße Absperrband geklebt. Baumfällungen polarisieren – das ist bekannt. Insbesondere wenn sie im Rahmen eines Bauprojekts geschehen, um das seit einer gefühlten Ewigkeit emotional gestritten wird. Auf dem Böblinger Schlossberg, wo bis zum Zweiten Weltkrieg das Schloss über der Stadt thronte, soll für rund 36 Millionen Euro eine Neubebauung mit öffentlicher Nutzung entstehen. Weil nun das Denkmalamt die alten Mauern des Schlosskellers untersuchen will, muss ein Teil der Apfeldorne auf dem Plateau weichen – was den Protest einmal mehr hochkochen lässt. Das spürt unsere Zeitung an vermehrten Zuschriften. Und das merkt zum Beispiel Elke Döbele.
Eigentlich will sich die 73-Jährige inzwischen aus der Kommunalpolitik raushalten. Von 1994 bis 2016 gehörte sie selbst dem Böblinger Gemeinderat an – erst der CDU, später der SPD – , nun widmet sie ihre Zeit lieber den Enkelkindern. Doch jetzt erinnern sich offenbar viele Bürgerinnen und Bürger daran, dass Elke Döbele vor knapp 20 Jahren den damaligen Protest gegen die Schlossberg-Bebauung mitangeführt und gemeinsam mit einigen Mitstreitern 4700 Unterschriften gesammelt hat. „Es kommen in letzter Zeit so viele Leute auf mich zu, die über die aktuellen Plänen entsetzt sind“, berichtet die 73-Jährige, „die mich auffordern, etwas zu tun.“ Im größeren Stil aktiv werden will die ehemalige Stadträtin nicht mehr, aber doch ist es ihr ein Anliegen, die große Skepsis zu kommunizieren.
Auch Gemeinderat teils unzufrieden
„Ohne die Leute richtig zu fragen, sind die alten Entwürfe wieder rausgezogen worden“, kritisiert Döbele, „die geplante Bebauung, wo früher das Schloss stand, ist viel zu massiv.“ Den „alten Kasten“ mit Gewalt wiederauferstehen zu lassen sei Unfug. Dabei seien die Pläne, die Musik- und Kunstschule in zwei Neubauten auf der anderen Straßenseite unterzubringen, begrüßenswert. „Das finde ich gut“, betont Elke Döbele, doch der Entwurf in seiner Gesamtheit sei zu kritisieren. „Es gab vor 20 Jahren eine Riesenbewegung, die das so nicht wollte“, betont die Böblingerin, „warum wird das jetzt ignoriert?“
Tatsächlich ist der Gemeinderat seit geraumer Zeit in der Auseinandersetzung mit den ursprünglichen Entwürfen der Architekten Barkow/Leibinger. Und auch im Gremium werden immer wieder Stimmen laut, die die Dimensionen des nördlichen Gebäudes infrage stellen. Noch braucht das Verfahren eh etliche weitere Schritte und zudem eine konkretere Planung, bevor Aussehen und Ausmaße endgültig feststehen. Und doch kocht regelmäßig die Volksseele hoch – nun durch die angekündigten Baumfällungen. Sie müssen wegen des Vegetationsschutzes noch Ende Februar stattfinden und wurden erst letzte Woche im Böblinger Gemeinderat – reichlich versteckt – unter „Verschiedenes“ angekündigt. Auch wenn die anstehenden Grabungen des Denkmalamts lange bekannt und gebilligt waren, hatten einige Stadträte dann doch gehörig „Bauchschmerzen“ angesichts der Baumfällungen – aber das eine geht nicht ohne das andere.
Die Böblinger Stadtverwaltung verweist auf den langen Prozess, in dem vieles noch zu klären sei. Man überprüfe Schritt für Schritt, ob und wie sich das Projekt umsetzen lasse. „Dafür braucht es die notwendige Zeit und Sorgfalt“, betont Pressesprecher Gianluca Biela. Er weist darauf hin, dass der Gemeinderat im vergangenen November nicht nur die archäologischen Grabungen, sondern auch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit beschlossen habe.
Infotage im Treff am See
Diese soll im März beginnen – mit Info- und Beteiligungstagen im Treff am See. „Hier werden wir ausführlich über die Planung berichten und eine Woche lang in den Dialog mit der Bürgerschaft treten“, kündigt Biela an, „auch danach werden die Gespräche und Beteiligungsangebote fortgesetzt.“
Denn noch ist vieles offen. Ab Herbst würden etliche weitere Aspekte der Schlossberg-Bebauung auf der Agenda stehen: Barrierefreiheit, Erreichbarkeit, Nutzungen, Statik, Fassade oder Freiflächen – auch dazu würden die Bürger gehört, verspricht der Stadtsprecher. „Und erst ganz am Ende, wenn alle Erkenntnisse vorliegen, werden und können wir mit dem Gemeinderat über einen möglichen Baubeschluss mit dann konkreteren Inhalten beraten.“
Die Schlossberg-Bebauung polarisiert Böblingen
Zerbombt
Das Böblinger Schloss, einst Jagdschloss der württembergischen Herzöge, wurde im Oktober 1943 zerbombt und nach dem Krieg abgetragen.
Erster Versuch
Anfang der 2000er Jahre war die Neubebauung erstmals Thema in Böblingen, unter anderem eine Galerie und ein Kinderhaus sollten entstehen. Nach vielen Diskussionen und Protesten wurde das Projekt 2005 beerdigt.
Zweiter Versuch
2019 kam die Idee auf, für die Musik- und Kunstschule auf dem Schlossberg neu zu bauen. Kurz darauf zog die Stadtverwaltung die alten Entwürfe von Barkow/Leibinger aus der Schublade. Seitdem wird dieses Projekt erneut verfolgt, im Oktober 2021 erfolgte im Gemeinderat ein Grundsatzbeschluss für die Bebauung.