Schlossfestspiele Ludwigsburg So war das Finale mit Marco Goeckes neuem „Sacre“

Präzise Gesten: Das Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz tanzt Marco Goeckes „Sacre“. Foto: Marie-Laure Briane

Mehr verkaufte Tickets, mehr junges Publikum und Neues von Goecke: Die Schlossfestspiele Ludwigsburg enden mit dem Ballettabend „Strawinsky in Paris“.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Blumen gehören in Ludwigsburg irgendwie dazu. Da passt es, dass sie zum Finale der Schlossfestspiele auch auf der Bühne groß herauskommen. Sie setzen rosa Farbtupfer auf Kostümen und Schirmen, sie fallen in Sträußen herab, stecken in Dekolletés und blühen in geschlängelten Art-Deco-Skulpturen auf, als das Ballett des Gärtnerplatztheaters am Donnerstag im Forum auftanzt.

 

„Strawinsky in Paris“ heißt der zweiteilige Abend, der als Koproduktion mit den Schlossfestspielen vor zwei Wochen in München Premiere hatte. Jeroen Verbruggen und Marco Goecke sind seine Choreografen; und man darf sich fragen, ob der Belgier den heimlichen Auftrag hatte, mit Gershwins „An American in Paris“ ein Kontrastprogramm zum dunklen Kosmos seines Kollegen zu ersinnen, der sich „Le sacre de printemps“ vorgenommen hat.

Szene aus Jeroen Verbruggens Gershwin-Ballett „Farewell in Paris“ Foto: Marie-Laure Briane

Falls ja, hat ihn Verbruggen super erfüllt. So gut, dass mancher Fan des ehemaligen Stuttgarter Haus-Choreografen den Eindruck hatte, eine Art rosa Vorhölle passieren zu müssen, um zum Objekt seiner Verehrung vorzudringen. Umso radikaler wirkt dafür die Ökonomie, mit der Marco Goecke 19 Tänzerinnen und Tänzer mal verblüffend anschmiegsam der Musik Strawinskys aussetzt, um sie dann wieder mit flirrend-nervösen oder messerscharfen Gesten aus jeder Annäherung zu befreien.

Wasser als verbindendes Element

Wasser ist das Element, das „Strawinsky in Paris“ zusammenhält. Bei Verbruggen, der mit einem Leuchtring am Boden und einer hängenden Skulptur den Brunnen aus dem Filmmusical „Ein Amerikaner in Paris“ aufgreift, ist es Lebenselexier. Bei Goecke verweisen projizierte Wasserfälle auf die bedrohliche Seite von Natur.

Und auch das Orchester des Gärtnerplatztheaters, das in Ludwigsburg unter Michael Brandstätter spielt, bringt Auseinanderstrebendes zusammen, macht Gershwins-Paris-Skizzen zum Mini-Drama, mixt eine Copland-Suite fast nahtlos darunter. Verbruggen lässt dazu revuehaft und mit ausholenden Bewegungen tanzen. Aus einer Straßenszene entwickeln sich ebenso harmlose Tanzbegegnungen, denen allein Musik und Ausstattung Würze geben.

Neustart nach langem Rückzug

Ganz anders Goeckes „Sacre“, seiner zweiten großen Choreografie nach dem langen Rückzug. Das sich zuspitzende Ritual, das nach einem Opfer schreit, wandelt er in ein Szenario, das den Konflikt ins Zwischenmenschliche verlagert und in Duetten entschärft. Vor allem der erste Teil bietet grandiose Tanzszenen: berührend, wie ein Solo das Stück eröffnet und ein scheues Tier andeutet, das zwischen Geborgenheit in der Musik und Angst vor Eindringlingen nervös changiert; raffiniert, wie eine Reihe von Tänzern anwächst, wie jede hinter dem letzten erst Deckung sucht, um sich dann doch vorzudrängen; bestechend, mit welcher Präzision die Münchner, die mit dem Choreografen bereits „La strada“ erarbeitet haben, agieren. Schade nur, dass sich dieser Opfertanz irgendwann im Vagen verliert. Erst zum Schluss, als einer mit sich selbst ein Hühnchen rupft, geht Goeckes Rechnung auf, ist das Opfer zugleich Täter.

Mehr junges Publikum in Ludwigsburg

Die Heiterkeit von Verbruggens „Farewell in Paris“ passt auch gut zur Bilanz der Schlossfestspiele im ersten Jahr unter der Intendanz von Lucas Reuter. Mit 28000 Besuchern liegt die Auslastung bei 82 Prozent und damit höher als in den vergangenen Jahren; 35 Veranstaltungen, mehr als die Hälfte, waren ausverkauft. Ein neuer Spitzenwert wurde mit 1500 verkauften Tickets beim jungen Publikum erreicht.

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