In Stuttgart ist wertvolle Fracht angekommen: die neue, rund 850.000 Euro teure Königin-Katharina-Orgel der Schlosskirche. Eine Investition in die Musik – auf Jahrzehnte hinaus.
Die Schlosskirche im Südwestflügel des Alten Schlosses, frisch renoviert und am Karfreitag nach zwei Jahren Pause wieder eröffnet, sieht am Mittwoch aus wie ein Lagerraum. Träger schleppen große Kisten in die kleine Kirche, bugsieren Holzteile durch den schmalen Eingang und platzieren diese rund um den Altar – begleitet von den wachen Augen von Kay Johannsen, dem Stiftskantor und Organisten der benachbarten Stiftskirche. Groß ist seine Freude über die Ankunft der neuen Orgel, gebaut von der 1845 gegründeten Firma Rieger aus dem österreichischen Schwarzach/Vorarlberg, einem der größten und renommiertesten Orgelbauer weltweit. Soeben hat die Firma einen Konzertsaal in China mit einer neuen Orgel ausgestattet. Jetzt ist Stuttgart dran.
Die neue Orgel ist nach der Wohltäterin Königin Katharina benannt
1384 Orgelpfeifen hat das neue Instrument, die zwei Monate lang von dem international bekannten Intonateur Stefan Niebler gestimmt und der Örtlichkeit angepasst werden mussten, weil jeder Raum einen anderen Frequenzverlauf hat.
Am Morgen war der Lastwagen mit der wertvollen Fracht in Stuttgart eingetroffen. Vom Schillerplatz aus wurden die vielen Bestandteile der Orgel in die Schlosskirche gebracht. Hier werden sie in den nächsten Wochen zusammengebaut. Anschließend werden die 1384 Orgelpfeifen zwei Monate lang von dem international bekannten Intonateur Stefan Niebler gestimmt und der Örtlichkeit angepasst, weil jeder Raum einen anderen Frequenzverlauf hat. „Das ist die eigentliche, die künstlerische Arbeit“, sagt Johannsen – sieht man von der langen Vorarbeit ab, die erforderlich war, um die neue Orgel im Detail zu planen und zu designen.
Herausgekommen ist ein Instrument mit „27 Registern auf Hauptwerk, schwellbarem Positiv und Himmelswerk“, wie es in der Sprache der Orgelbauer und Organisten heißt. Samt Physharmonica, einer aus dem 19. Jahrhundert bekannten „zarten Zungenpfeife mit eigener Windversorgung“.
Die neue Orgel hat bereits auch einen Namen: Königin-Katharina-Orgel, benannt nach der württembergischen Königin Katharina (1788-1819), der Frau von König Wilhelm I. „So wie sie segensreich in Stuttgart gewirkt hat, soll die neue Orgel die Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer für viele Jahrzehnte erreichen“, betonen Johannsen und Martin Klumpp vom Verein Freunde der Stiftsmusik. Katharina war als Wohltäterin geschätzt; sie gründete den „Zentralen Wohltätigkeitsverein“ und die erste württembergische Sparkasse. Zudem richtete sie Schulen, Kinderheime und Krankenhäuser ein. Das Katharinenstift und das Katharinenhospital in Stuttgart erinnern an sie – und nun auch eine Orgel.
Das Instrument ersetzt eine Vorgängerorgel, deren Ton nach dem Urteil Johannsens „weder Glanz noch Tiefe hatte und technische Mängel aufwies“ und überdies „mit dem zauberhaften Sternengewölbe und den kostbaren Kunstwerken der Schlosskirche nicht harmonierte“. Das neue Instrument ist äußerlich der sogenannten Walcker-Orgel nachempfunden, die 1865 bei der Umgestaltung der 1562 eingeweihten Schlosskirche eingebaut wurde. Ihr Konstrukteur, Eberhard Friedrich Walcker, gilt als bedeutendster deutscher Orgelbauer des 19. Jahrhunderts. Aus seiner Werkstatt stammt die Orgel der Frankfurter Paulskirche und ursprünglich auch die des Ulmer Münsters.
Für den Stiftskantor erfüllt sich ein lang gehegter Traum
1833 erhielt die Stuttgarter Stiftskirche ebenfalls eine Walcker-Orgel. Das Instrument in der Schlosskirche war auf der Nordwestseite der damals neu eingebauten Empore platziert. Im Zweiten Weltkrieg beschädigten Druckwellen die Orgel. Die Reparatur nach dem Krieg ließ den alten Walcker-Klang nicht wieder erstehen. Bei einer Kirchenrenovierung in den 1970er Jahren wurde sie durch eine Orgel von Diethelm Berner ersetzt, die auf der gegenüberliegenden Seite der Empore eingebaut war und nun ausgemustert und an eine französische Kirchengemeinde verkauft wurde.
Für Kay Johannsen erfüllt sich mit der Königin-Katharina-Orgel ein lang gehegter Traum. Seit 1994 sitzt der Orgelvirtuose in der Stiftskirche am Spieltisch. 2004 hat er dort die berühmte Mühleisen-Orgel eingeweiht, die ihn bis heute „täglich neu inspiriert“, wie er sagt. Nun kommt die neue Rieger-Orgel dazu und eröffnet musikalisch zusätzliche Perspektiven. Möglich wurde dies, weil sich die evangelische Gesamtkirchengemeinde zu diesem Schritt entschlossen hatte und sich die Freunde der Stiftsmusik und Stiftungen – wie die Berthold-Leibinger-Stiftung – fanden, um die Anschaffung des rund 850.000 Euro teuren Instruments zu unterstützen. Etwa 700.000 Euro seien bisher finanziert, sagt Johannsen. Die restliche Summe hofft man durch weitere Orgelfpeifen-Patenschaften zusammenzubekommen. Rund 500 der 1384 Pfeifen haben noch keinen Paten.
Eine Orgel auch für den Nachwuchs
Eingeweiht wird die neue Orgel am 10./11. Juli – mit Führungen und Konzerten. Es folgt der traditionelle Orgelsommer – mit Orgelmusik in der Stiftskirche und nun auch in der Schlosskirche. „Mit der neuen Orgel lassen sich neue attraktive Konzertformate entwickeln, die das musikalische Angebot rund um den Schillerplatz erweitern werden“, betont Johannsen. Das lässt einiges erwarten.
Wichtig ist ihm auch die Nachwuchsförderung: „Junge Organistinnen und Organisten aus der ganzen Region können an der ,Katharina’ wertvolle Erfahrungen sammeln. Dazu gehört die Kooperation mit der Stuttgarter Musikhochschule und anderen Einrichtungen in der Stadt. Für Johannsen und seine Orgel-Freunde steht fest: „Die neue Orgel ist ein Gewinn für alle!“