Schlussakt im Pistorius-Prozess Nur einer kennt die Wahrheit

Einen Tötungsvorsatz  bestreitet Oscar Pistorius vor Gericht immer wieder. Er sei durch Geräusche aufgeschreckt in Panik geraten und habe dann geschossen. Foto: dpa 21 Bilder
Einen Tötungsvorsatz bestreitet Oscar Pistorius vor Gericht immer wieder. Er sei durch Geräusche aufgeschreckt in Panik geraten und habe dann geschossen. Foto: dpa

War es eine tragische Verwechslung oder ist Reeva Steenkamp in der Nacht zum Valentinstag 2013 ermordet worden? Im Prozess gegen den Sprinter-Star Oscar Pistorius fällt am Donnerstag das Urteil.

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Pretoria - Die Nerven liegen blank. Als Oscar Pistorius am Wochenende von Reportern der ­südafrikanischen „Sunday Times“ vor seinem Haus in Pretoria gefragt wird, wie er sich fühle, wird der beinamputierte Ausnahmesportler etws pampig. „Habt ihr wirklich die Dreistigkeit, mich zu fragen, wie mir in dieser Phase meines Lebens zumute ist?“, herrscht der wegen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp angeklagte Olympionike die Journalisten an. Sie sollten ihn gefälligst in Ruhe lassen.

Der Countdown zur Urteilsverkündung in dem weltweit Aufsehen erregenden Prozess gegen den 27-jährigen Kurzstreckenläufer fordert seinen Tribut. Am Donnerstag wird Oscar Pistorius erfahren, ob er den besten Teil seines Lebens im Gefängnis verbringen muss – oder freigesprochen wird. Es ist die Stunde von Thokozile Matilda Masipa. Zum ersten Mal in dem mehr als sechs Monate und 41 Sitzungstage dauernden Verfahren wird die 66-jährige Richterin dem Prozessverlauf nicht mehr schweigend folgen, wie sie es bisher tat. Den Kopf dabei meist auf die rechte Hand gestützt, mit der linken fast ununterbrochen Notizen schreibend.

Die fragile Juristin, die allmorgendlich ihren erhobenen Platz im Saal DG des Landgerichtes in Pretoria einnahm, verzog während des Verfahrens kaum einmal die Miene. Peinlich darauf bedacht, keine Neigungen zur Schau zu stellen. Unterdessen plusterten sich unter ihr zwei der profiliertesten Figuren des südafrikanischen Rechtswesens auf: Verteidiger Barry Roux, der mit seinen von laufenden Kameras angefachten Allüren höchstens noch von Staatsanwalt Gerrie Nel überboten wurde.

Eine Schwarze richtet über einen reichen weißen Mann

Richterin Masipa überließ die Arena den beiden Hähnen, um nur gelegentlich eine einfach formulierte Frage zu stellen oder in einem Streitfall ein abgewogenes, nie umstrittenes Urteil zu fällen. Die Advokatin wusste, dass sie es ist, die schließlich das letzte Wort sprechen wird. Dass eine Schwarze, noch dazu eine Frau aus ärmlichen Verhältnissen, über einen reichen weißen Mann, noch dazu einen einstigen Helden der südafrikanischen Nation, richten wird, ist ein Detail, das im ehemaligen Apartheidstaat keinem verborgen blieb. Es ist ein Zeichen dafür, wie weit der „Regenbogenstaat“ zumindest in einigen Bereichen gekommen ist.

Von einer ehemaligen Kollegin wird Masipa als eine Frau beschrieben, die sich nicht unterkriegen lässt. Sie wuchs als ältestes von zehn Kindern in der Johannesburger Schwarzensiedlung Soweto auf, schlief auf dem Küchenboden, studierte erst Sozialarbeit, um sich später als Journalistin zu verdingen und absolvierte schließlich ein Jurastudium. Im Alter von 43 Jahren macht sie ihr Staatsexamen und wird acht Jahre später zur zweiten schwarzen Richterin an einem südafrikanischen Landgericht ernannt.

Zwei scharfe Urteile gegenüber männlichen Gewalttätern

Die Justizbehörde beharrt darauf, dass die Wahl Masipas zur Vorsitzenden Richterin zufällig erfolgt sei. Spätestens Masipa selbst machte aus dem Zufall aber Methode, indem sie sich als Beisitzer eine weiße Amtsrichterin und einen schwarzen Amtsrichter aussuchte – ein Bollwerk der Ausgewogenheit. Was man von Masipa selbst eigentlich nicht sagen kann. Die Richterin machte in ihren knapp 16 Amtsjahren durch zwei scharfe Urteile gegenüber männlichen Gewalttätern auf sich aufmerksam: Sie brummte einem Polizisten lebenslänglich auf, der seine Frau im Streit wegen der von ihr gewünschten Scheidung umgebracht hatte, und verdonnerte einen Serienvergewaltiger zu 252 Jahren.

Darüber, wie Masipa den Angeklagten einschätzt, wird viel spekuliert in Südafrika. Womöglich werde sie in Oscar Pistorius eher den schießwütigen Macho sehen, der seine Freundin an jenem 14. Februar 2013 in seiner Wohnung in Pretoria im Streit absichtlich tötete (wie der Staatsanwalt unterstellt) und weniger den verwundbaren Behinderten, der tragischerweise in Panik seine schöne Geliebte in der Toilette erschoss. In bald jeder Kneipe, in den Wohnzimmern ist der Prozess Gesprächsstoff, denn er wird von jeder Menge Zuschauern bis ins letzte Detail verfolgt. Erstmals in der Geschichte des Landes wurde ein Verfahren live ins Fernsehen übertragen.




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