Roswitha Engel-Széchényi behandelt in ihrer Praxis in Stuttgart schwerpunktmäßig dieses Krankheitsbild der Vulvodynie – gerade bei jüngeren Frauen kommt es immer häufiger vor. Auch die Hamburger Physiotherapeutin Franziska Liesner, die zwei Bücher über den Beckenboden veröffentlicht hat, weiß: „Beckenbodenverspannungen, auch jenseits der Vulvodynie, sind unglaublich häufig.“ Das Problem ist: Sie werden selten kommuniziert. Liesner meint: „In den Medien steht meist: Den Beckenboden muss man anspannen, damit wir nicht inkontinent werden, ihn dauernd trainieren, an der Ampel, am Schreibtisch. Und genau das ist es eben nicht. Es geht darum, ihn auch zu entspannen beziehungsweise das zu lernen.“
Wenn Entspannen nicht mehr geht
Die Gynäkologin Roswitha Engel-Széchényi erklärt: „Der Beckenboden kleidet das knöcherne Skelett aus, durch ihn zieht sich beidseits der Ischiasnerv mit tausend Verästelungen.“ Man kann sich die Folgen einer Verspannung vorstellen: „Dann werden die Nerven gequetscht und leiten Fehlinformationen weiter, die sich äußern als Schmerz oder Zwicken und Jucken.“ Wenn der Beckenboden nicht wieder entspannt werde, könne man die Beschwerden nicht lindern, meint Engel-Széchényi. Doch: Das Entspannen geht bei manchen nicht mehr willentlich, weil die Verspannung chronisch ist. „Yoga oder Übungen wirken bis zu einem gewissen Grad, aber die Verläufe, die ich behandle, gehen über Monate oder Jahre, da sind Muskeln so stark verspannt, so mit den Faszien verklebt, dass man nur bedingt selber dran arbeiten kann.“
Dann brauche man die Hilfe von speziell ausgebildeten Beckenbodenphysiotherapeuten, die Muskelanteile in mühevoller Kleinarbeit lockern. Franziska Liesner hat die Erfahrung gemacht, dass viele Gynäkologen dafür nicht so wie Engel-Széchényi ausgebildet seien. Über die muskulären Beckenbodenprobleme jenseits von Schwächen, Inkontinenz und Gebärmutter- oder Blasensenkungen wüssten sie manchmal nicht gut Bescheid, da sie es nicht unbedingt in der Fachausbildung lernten.
Was ist der Beckenboden?
Der Beckenboden ist anatomisch betrachtet deshalb so belastet, weil das gesamte Gewicht des Oberkörpers beim Menschen im aufrechten Gang dauerhaft auf ihm lastet, weil seine Muskel- und Bindegewebsschichten die Organe des Bauchraums halten. Ihn anspannen zu können ist wichtig zur Sicherung der Kontinenz. Entspannt ist der Beckenboden beim Wasserlassen und beim Stuhlgang, außerdem teils beim Geschlechtsverkehr. Beim Orgasmus der Frau und des Mannes kann man sagen, dass der Beckenboden pulsiert, sich abwechselnd an- und entspannt. Beim Husten, Niesen, Hüpfen, beim Tragen schwerer Lasten oder auch beim Lachen muss der Beckenboden gegenhalten, sonst kann es zu Urinverlust kommen. Frauen setzten sich häufig erst nach Schwangerschaften mit ihrem Beckenboden auseinander und bauten eine Verbindung zu ihm auf, meint Roswitha Engel-Széchényi. In Rückbildungs- oder Yogakursen lernen sie, den Beckenboden bewusst anzuspannen.
Beckenboden und Intimleben
Roswitha Engel-Széchényi erklärt: „Der Beckenboden muss elastisch gehalten werden, das ist für die Sexualität wichtig.“ Denn: „Für Frauen ist das gesamte Klitoralorgan für die Orgasmusauslösung entscheidend – die Klitoralschenkel umgreifen die Vagina, bei manchen Frauen kann Reibung daran den Orgasmus auslösen. Und das ist besser möglich, wenn die Muskulatur die Vagina eng umschließen kann.“ Wie viel Einfluss der Beckenbodenmuskel auf den Sex hat, merkt meist erst, wer sich gezielt mit ihm befasst – oder wenn es eben zu Problemen kommt. „Wenn man bedingt durch einen chronischen Husten etwa den Beckenboden immer in Anspannung hat, kann diese Verspannung bei der Orgasmusauslösung behindern.“
Manche der Patientinnen von Roswitha Engel-Széchényi leiden unter chronischen Beckenbodenverspannungen, weil sie extrem viel Sport oder Krafttraining machen, was bei jüngeren Frauen und in sozialen Netzwerken immer beliebter wird. „Zum Teil haben sie dann vielleicht für den entsprechenden Körperbau mit zu viel Gewicht trainiert. Das sind meist ganz zierliche, schlanke Frauen – was die zum Teil machen für ihre Pomuskeln, das ist enorm.“
Teil der Körperangstmuskeln
Viel häufiger liegen die Ursachen für die Verspannung aber ganz woanders. Franziska Liesner sieht den Beckenbodenmuskel als Teil der Körperangst- oder Körperfluchtmuskeln, sie sagt: „Er spannt unwillkürlich an, wenn es uns nicht gut geht, wenn wir Angst haben, wenn etwas wehtut, wenn es kalt ist oder wenn wir angespannt sind.“
Roswitha Engel-Széchényi erklärt: „Es gibt viele Studien dazu, wie sich Angst und Anspannung auf die Muskulatur legen. Wenn sich Anteile unserer Muskulatur verspannen, sind wir in einem Alarmzustand.“ Auch Probleme oder Schmerzen im unteren Rücken hingen oft mit einem verspannten Beckenboden zusammen. „Auffallend häufig sind jene Patientinnen, die zu mir kommen mit ihren Beckenbodenverspannungen, die gleichen, die nachts auch mit den Zähnen knirschen“, erklärt Engel-Széchényi. Die Gynäkologin verweist auf Studien, die demnach zeigen konnten, dass chronischer oder psychosozialer Stress in der Kindheit sowie aktueller Stress bei der Arbeit oder in der Partnerschaft zu einer erhöhten Beckenbodenspannung führen könne.
Physiotherapeutin Franziska Liesner kennt diese Problematik aus der Praxis: „Das ist gerade für junge Menschen ein Riesenthema. Sie gehen dann ewig zur Psychotherapie, und kein Mensch sagt ihnen: Das kann auch was Körperliches sein.“ Die Physiotherapeutin findet: „Das ist schlecht, und wir müssen es nachholen, offener darüber zu sprechen.“ Es gehe hier doch um ganz normale Muskeln, findet die Physiotherapeutin, nur dass diese sich eben in einem Tabubereich befänden. „Wir sehen diese Muskeln nicht, wir sehen nicht, was wir anspannen. Irgendwann verselbstständigt sich so eine Spannung. Und dann spannen wir immer an, und es geht gar nichts mehr.“
Tabuzone Beckenboden
Wie tabuisiert die Probleme mit dem Beckenboden sind, das erlebt täglich auch Jörg Müller, Koordinator des Interdisziplinären Kontinenz- und Beckenbodenzentrums des Klinikums Stuttgart und Oberarzt an der Frauenklinik. Unter seinen Patientinnen finden sich seinen Angaben nach nur etwa zehn Prozent mit einem verspannten Beckenboden, die meisten hätten einen schwachen Beckenboden, litten unter Inkontinenz oder hätten Senkungsprobleme mit Gebärmutter, Blase oder der hinteren Wand der Vagina.
Das Bewusstsein für Beckenbodenprobleme und die Möglichkeiten, sie heute zu beheben, sei aber noch nicht bei jeder Frau angekommen, beklagt Müller. „Gerade ältere Frauen kommen oft sehr spät, wenn es gar nicht mehr anders geht und sie die Blase nicht mehr entleeren können.“ Eine Ursache dafür sieht er in dem Umstand, dass keiner über diese Probleme spreche. „Wenn Sie einen Herzinfarkt haben, sagen Sie das allen, wenn Sie inkontinent sind, erfährt das höchstens mal die beste Freundin.“
Jüngere Frauen, die zu Jörg Müller kommen, sind meist sportlich und sehr körperbewusst. Sie wollten eigene Kinder und danach gleich wieder fit sein für den Job, den Sport und die Partnerschaft – wie sie es in sozialen Netzwerken sehen oder „in Hochglanzmagazinen“, wie Müller sagt – und da steht natürlich nichts drin von Blasen- oder Stuhlinkontinenz und Schmerzen beim Sex. Doch Schwangerschaften und Geburten sind für den weiblichen Körper keine Kleinigkeiten: „Dass die Wirklichkeit anders aussieht, als man von außen sieht, davor verschließen manche die Augen. Der Beckenboden einer Frau wird nach Schwangerschaften und Geburten nie wieder so sein wie davor.“ Gerade jüngere Frauen gingen mit ihren Beckenbodenproblemen jedoch etwas offener um, weil sie nach schnellen Lösungen für ihre Probleme suchten. Müller und seine Kollegen fragen sie: „Da stimmt was nicht, können Sie das beheben?“ Oder: „Was kann ich tun?“
Das Gute für die Patientinnen ist: Es kann eigentlich immer etwas getan werden. Senkungen der Gebärmutter, der Blase, der hinteren Wand der Vagina können meist sogar minimalinvasiv operiert werden. Das sind wenig belastende Operationen. Müller erklärt: „Wir fixieren das wieder in die Ausgangsposition, mit Fäden, die sich auflösen, oder mit einem Kunststoffnetz, das dauerhaft hält.“ Inkontinenz können die Ärzte mit einer Lasertherapie ambulant behandeln und: „Wenn es ganz schlimm ist und nichts funktioniert, kann man auch ein kleines Kunststoffbändchen unter die Harnröhre legen.“ Das bezeichnet Müller als kleine Eingriffe, die zum Großteil keine Vollnarkose erforderten. Die Frauen sind danach schnell wieder fit.
Gegen den Stress
So rasch lassen sich die Probleme mit dem verkrampften Beckenboden meist leider nicht lösen. Roswitha Engel-Széchényi sieht als Therapeutin zur Behandlung der Schmerzen den ersten Schritt in der Einsicht, dass körperliche Beschwerden auch mit psychischen Belastungen und dem Lebensstil zu tun haben können. „Wahnsinnig viele Menschen sind sehr weit weg davon, einen Zusammenhang zu sehen zwischen dem, wie sie in ihrem Leben agieren, und was das mit ihrem Körper macht.“ Man müsse schauen, so die Gynäkologin und Therapeutin, was die Stressoren seien, ob man sie verändern oder abmildern könne. Letztlich komme man dann natürlich auch zum Thema Sport oder Achtsamkeit, zu Dingen, die Freude machen. Doch selbst hierbei gäbe es oft Missverständnisse. „Ich mache schon Sport, damit ich bald einen Halbmarathon laufen kann“, sagten zeitweise einige Patientinnen. Doch ist das sinnvoll? Es trage sicher nicht zur Entspannung bei, meint die Therapeutin.
Beckenboden bei Männern
Auch Männer können mit dem Beckenboden – von dem viele nicht einmal wissen, dass sie einen haben – Probleme entwickeln. Roswitha Engel-Széchényi berichtet, Männer litten manchmal unter chronischen Schmerzen im Penis, in der Leiste, in den Hoden, auch beim Sex. Nach vielen Arztbesuchen bekämen sie Diagnosen wie „chronische Prostatitis“, litten aber eigentlich an einem verkrampften Beckenboden.
Franziska Liesner bestätigt das: „Für Männer ist das ein noch viel größeres Tabu, wir haben dazu so viele Anfragen, dass wir gar nicht alle Männer sofort behandeln können.“ Liesner meint: „Typisch ist die Haltung: Pobacken zusammen, Augen zu und durch, von einem Termin zum nächsten. Da spannt man die Muskeln an und merkt das nicht.“ Die Schmerzen könnten sehr unangenehm sein – so sehr, dass diese Männer teilweise sogar gefährdet seien, sich etwas anzutun. Schließlich sind sie scheinbar ganz allein mit ihrem Problem.
Dieser Text erschien erstmals am 7.9.2023.