Die Sanierungspläne für die Ludwigsburger Klinik landen in der Schublade. Richtig, sagen Aufsichtsräte und Betriebsrat. Foto: Simon Granville
Noch nie wurden die Probleme der Kliniken im Landkreis Ludwigsburg so deutlich benannt. Trotz der Untergangsstimmung keimt Optimismus auf – auch von Seiten des Betriebsrats. Das liegt an der neuen Geschäftsführung.
Es ist durchaus eine Überraschung: Am Montag hat die neue RKH-Geschäftsführung eine verheerende Bilanz zur Situation der Kliniken im Kreis Ludwigsburg gezogen – und dennoch ist die Stimmung bei den Verantwortlichen gut. Es wehe ein neuer Wind, die neue Geschäftsführung zeige, dass sie Probleme ganz anders angeht als Vorgänger Jörg Martin, heißt es von Aufsichtsräten. Der Betriebsratsvorsitzende Hagen Klee ist zwar noch etwas skeptisch – doch selbst er blickt hoffnungsvoll in die Zukunft.
Bei einer Sitzung des Verwaltungsausschusses des Kreistages hat RKH-Geschäftsführer Marc Nickel die dramatische Lage der Kliniken im Kreis schonungslos aufgezeigt. Das Defizit der Kliniken Ludwigsburg, Bietigheim und Markgröningen betrug im vergangenen Jahr 50 Millionen Euro, im laufenden Jahr wird ein Minus von 45 Millionen Euro erwartet. Auch in den vorherigen Jahren hatte sich die finanzielle Situation der Kliniken dramatisch verschlechtert, so Nickel – was durch Corona-Sonderzahlungen jedoch kaschiert worden sei.
Was wurde am Montag bekannt gegeben?
Nickel stellte bei der Sitzung am Montag Sparmaßnahmen vor, um gegenzusteuern. Die Sanierung der psychiatrischen Stationen sowie der Neubau des Ambulanzzentrums in Ludwigsburg sind auf Eis gelegt. Ebenso die Erweiterung der Bietigheimer Klinik und die geplante Pflegeschule in Marbach. Der Standort Vaihingen an der Enz mit dem Simulationszentrum soll in den nächsten Jahren verkauft werden.
Der medizinischer Geschäftsführer Marc Nickel wird aktuell von vielen Seiten gelobt. Foto: Gottfried Stoppel
Marc Nickel deutete am Montag mehrfach an, dass die Lage der Kliniken auch selbst verschuldet sei. Eine Personalstrategie habe gefehlt, zu viel Geld sei in Zeitarbeitskräfte geflossen. Zudem seien die medizinischen Bereiche wie „separate Silos“ getrennt gewesen – das habe Kosten verursacht.
Auch einige Klinik-Aufsichtsräte blicken in dieser Woche zähneknirschend auf die Amtszeit des früheren Geschäftsführers Jörg Martin zurück. „Das war eine One-Man-Show“, sagt Karl-Heinz Schlumberger (CDU). „Das habe ich von Anfang an kritisch gesehen.“ Die aktuelle Lage sei teils der Gesundheitspolitik von Bund und Land geschuldet – sie liege aber auch an internen Fehlern, so Schlumberger. Auch die Aufsichtsräte Jochen Eisele (FDP) und Dirk Schaible (Freie Wähler) deuten an, dass es Managementfehler gegeben habe – besonders im Personalbereich. Unter Martin habe es häufig geheißen „das wird schon“, sagt Eisele. Probleme seien auf die lange Bank geschoben worden.
Der Betriebsratsvorsitzende Hagen Klee hat in der Vergangenheit mehrfach die Klingen mit Jörg Martin gekreuzt, gibt sich nun aber versöhnlich. „Klar kann man mit den äußeren Umständen schlauer oder weniger schlau umgehen – am Ende stecken wir aber wegen der Ökonomisierung des Gesundheitssystems in der Krise.“ Jörg Martin selbst will sich auf Nachfrage nicht zur Kritik äußern.
Welche Sorgen treiben den Betriebsrat um?
Die Sparmaßnahmen seien natürlich ein herber Schlag, sagt Hagen Klee. Die Stimmung in der Belegschaft sei durchwachsen. In Bietigheim herrscht Unsicherheit wegen der Krankenhausreform, an beiden Standorten hofft man vor allem auf Entlastung durch mehr Personal. „Schon vor Corona haben alle mit dem Rücken zur Wand gearbeitet, das muss besser werden.“
Hagen Klee nennt Tabus und Forderungen für die klammen Jahre. Einsparungen am Personal, auch in den nicht medizinischen Bereichen wie der Hauswirtschaft, der Materialversorgung und den Küchen, werde der Betriebsrat nicht hinnehmen. „Alle Bereiche gehören zu uns, wir sind ein Haus und eine Belegschaft“, sagt Klee. Eine Fremdvergabe an Drittunternehmen mit Dumpinglöhnen sei für ihn ein rotes Tuch.
Hagen Klee bei einem Warnstreik Anfang Februar. Foto: Simon Granville
Um mehr Personal im medizinischen Bereich zu gewinnen und zu halten, müsse die Geschäftsführung übertarifliche Gehälter zahlen. Auch die Personalwohnungen müssten modernisiert und das Betreuungsangebot in der betriebseigenen Kita verstärkt werden. „Ich weiß, diese ganzen Ausgaben klingen erst einmal konterintuitiv. Aber damit bauen wir die Grundlage, um langfristig erfolgreich zu sein.“
Warum ist der Betriebsrat dennoch zuversichtlich?
Grundsätzlich begrüßt Klee jedoch den Sparkurs Nickels, vor allem weil dieser aktuell kaum die Belegschaft trifft. Ganz im Gegenteil habe die Geschäftsführung erkannt, dass es zwei Kliniken und einen großen, zufriedenen Personalstamm braucht, sagt Klee. „Nickel redet sogar von der Belegschaft als Familie, das habe ich noch von keinem Geschäftsführer gehört. Und nein, ich glaube nicht, dass das nur Lippenbekenntnisse sind.“
Trotz der miserablen Zahlen scheint den Aufsichtsräten und dem Betriebsrat ein Stein vom Herzen zu fallen. Endlich wurde die Krise beim Namen genannt, endlich wurde ein schmerzhafter Weg in die Zukunft gezeichnet. Die neue Leitung unter Marc Nickel und Axel Hechenberger zeige eine ganz neue, transparente Herangehensweise, sagt Dirk Schaible. Die Arbeit sei stringent, systematisch und auf verschiedene Führungsebenen verteilt, ergänzt Karl-Heinz Schlumberger. „Sie nehmen die Lokalpolitik und die Belegschaft wirklich mit – unter anderem mit einem Newsletter“, sagt Jochen Eisele.
Früher hätten die Mitarbeiter über Entwicklungen in den Zeitungen gelesen, sagt Hagen Klee. „Jetzt erfährt die Belegschaft als erstes von wichtigen Entscheidungen.“ Wie wichtig das für Ärzte, Pfleger und Verwaltungsmitarbeiter sei, habe sich kürzlich auf einer Infoveranstaltung gezeigt, so Klee: „Der Saal war komplett voll, die Menschen standen auf den Fluren.“