Der Moderator und Songschreiber Werner Schmidbauer über die friedensstiftende Wirkung von Musik und warum für ihn Berge ein idealer Ort für Gespräche sind.

Lokales: Tom Hörner (hör)

Jahrzehntelang stand Werner Schmidbauer mit anderen Musikern auf der Bühne. Im Interview erzählt der Musiker, warum er bei seiner neuen Tour solo auftritt. Am Samstag, 13. August, gastiert er beim Open Air im Rosengarten des Hospitalhofs.

Herr Schmidbauer, eine Frage an den Interviewer Schmidbauer. Wenn wir mehr Zeit hätten, wo würden wir dann dieses Gespräch führen?

Natürlich in den Bergen. Nicht nur, weil ich die Sendung „Gipfeltreffen“, in der ich meine Gesprächspartner auf Berge hoch schleppe, schon seit 20 Jahren moderiere. Auch weil Berge ideal sind, um sich zu besprechen. Das funktioniert auch im Privaten, wenn du mit deinem besten Freund dessen Ehekrise bereden willst.

Sorgt die Fernsicht für Durchblick?

Mit Sicherheit. Ich merk das auch beim „Gipfeltreffen“. Ganz oben funktionieren auch Fragen, die im Studio peinlich wären. Da klingt „Glaubst du an Gott?“ oder „Hast du Angst vorm Sterben?“ ganz normal, weil der Blick in die Ferne und auf die Natur die Menschen öffnet. Die biografischeren, eher normalen Fragen, nehme ich mir für den Weg vor. Die tieferen Fragen, für die man freier im Kopf sein muss, hebe ich mir für oben auf.

Wir sollten über Ihre Musik sprechen. Sie kommen schließlich als Musiker nach Stuttgart und treten allein auf.

Endlich.

Klingt, als atme da einer auf.

Nein, ganz im Ernst. Wenn du als Solokünstler auftrittst, stehst du mit deinem Instrument natürlich absolut im Fokus. Aber man kann auch machen, was man will. Wenn jemand aus dem Publikum einen uralten Titel reinruft, greifst du den einfach auf. Du musst dich nicht fragen, ob deine Kollegen die Nummer auch draufhaben. Auf die Art kommst du näher an die Menschen ran als mit Band. Obwohl du gar keine Stimmungsmusik machst und keine Songs zum Anheizen ins Programm nimmst.

Es gibt aber Aufnahmen von Ihnen mit Band, da spürt man, wie Sie die Gemeinsamkeit genießen.

Das habe ich auch. Einmal war sogar ein Sinfonieorchester dabei, als wir in der Arena von Verona gespielt haben. Dort treten sonst nur Leute wie Sting oder Springsteen auf.

Und Sie jammten mit wildfremden Musikern auf den Straßen Istanbuls.

Stimmt, das macht wahnsinnig Spaß. Deshalb macht man ja Musik. Auch weil man mit Menschen musizieren kann, deren Sprache man nicht spricht. Für mich ist Musik eine wunderbare, friedensstiftende Kraft. Wenn Putin mit ein paar Leuten, die im Westen was zu sagen hätten, musizieren würde, der Konflikt wäre lang nicht mehr so stark. Aber als Solist genießt man eine ganz besondere Freiheit.

Nämlich?

Allein bist du unabhängig und billig. Ich reise ich mit dem VW-Bus durch die Lande und kehre zu meinen Anfängen zurück, der Kleinkunstbühne. Wenn du mit Combo unterwegs bist, stehst du schon mittags um zwei auf der Bühne, um nach dem Rechten zu schauen. Das ist aufwendig und teuer.

In den siebziger und achtziger Jahren stand an jeder Hausecke im Land ein Liedermacher herum. Jetzt habe ich den Eindruck, die Spezies Liedermacher gibt es nur noch in Bayern.

Es war schon immer so, dass es in Bayern viele Kabarettisten und Liedermacher gab. So ganz kann ich das auch nicht erklären. Aber ich vermute mal, dass das schon auch mit einer konservativen Grundhaltung zu tun hat. Bei uns gab es schon immer einen Grund aufzustehen, zumal die Bayern ein freiheitsliebender Menschenschlag sind. Bruno Jonas und Ottfried Fischer kommen aus Passau, der konservativsten Stadt in Bayern überhaupt. Ich pass da nicht so ganz rein, ich habe, abgesehen von „Zeit der Deppen“, eher autobiografische Themen im Programm.

In einer Aufnahme von „Zeit der Deppen“ spielen Sie mit Ihrem Sohn zusammen. Dabei fällt auf, dass er Hochdeutsch singt.

Das ist das Schicksal, das Bayern in meiner Generation ereilt. Bei meinem ältesten Sohn hat das auch damit zu tun, dass seine Mutter, meine erste Frau, aus Tschechien stammt und wir mit ihm Hochdeutsch gesprochen haben. Außerdem hat er mal sieben Jahre in Berlin gelebt. Würde er Bayrisch singen, müsste er sich verbiegen. Gleichwohl verstehen wir uns musikalisch sehr gut und treten oft miteinander auf.

Sie haben mit „Oans“ eine Coverversion eines U2-Songs im Programm. Wie kam es dazu?

„One“ ist ein Wahnsinnsstück. Dazu muss ich eine kleine Geschichte erzählen. Den Song habe ich schon gehört, als ich vor ewigen Zeiten einen uralten Peugeot fuhr, einen der ersten Dieselkleinwagen, den mein Vater heimlich mit Heizöl betankt hat. Das habe ich erst nach seinem Tod erfahren, da musste ich wahnsinnig lachen. In dem Wagen war eine gigantische Anlage drin, aber irgendwann war die Kassette mit „One“ vom vielen Vor- und Zurückspulen im Eimer. Jahre später habe ich den Song in einer Version von Johnny Cash gehört, als der schon dem Tod nahe war. Das hat mich tief beeindruckt. Erst da habe ich den Text richtig verstanden. „One“ ist ein unheimlich reifes Stück eines Mannes, was es nicht oft gibt. Also habe ich mich hingesetzt und ihn übersetzt.

Noch ein Satz zum Auftritt in Stuttgart. Sie spielen nicht im Renitenztheater, sondern open air im benachbarten Rosengarten vom Hospitalhof.

Darauf freue ich mich riesig. Mir wurde schon viel von dem Platz vorgeschwärmt. 90 Prozent meiner Solokonzerte habe ich unter freiem Himmel gespielt. Wenn dann noch der Mond scheint, dann passiert mit den Leuten was, da fehlen selbst einem Musiker die Worte.

Singer, Songschreiber, Interviewer

Der Künstler
Werner Schmidbauer wird 1961 in München geboren. Ende der 1970er Jahre betritt es als Liedermacher die Bühne. Seit 1993 tritt er zusammen mit Martin Kälberer als Schmidbauer & Kälberer auf. Im Fernsehen arbeitet Werner Schmidbauer vorwiegend für den Bayerischen Rundfunk. Legendär ist Schmidbauers „Gipfeltreffen“, bei dem er mit seinen Gesprächspartnern beim Wandern Interviews führt. hör

Festival unter freiem Himmel
An diesem Dienstag, 2. August, verlässt das Renitenztheater für knapp zwei Wochen seine angestammten Räume und geht ins Freie. Den Auftakt beim Open Air im Rosengarten des Hospitalhofs bestreitet das Komikerduo Emmi & Herr Willnowsky. Am Mittwoch folgt Heinrich del Core mit „Das Beste aus den letzten 10 Jahren“. Den Abschluss am Sonntag, 14. August, machen Ernst und Heinrich mit „Nex verkomma lassa – Schwäbisch international.“ Karten gibt es unter https://renitenztheater.reservix.de/events.