Schmiden/Stuttgart Diego lernt seinen Retter kennen

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Nach der erfolgreichen Knochenmarkspende lernt Diego seinen Lebensretter kennen. Der Junge war an Leukämie erkrankt.

Nach der erfolgreichen Knochenmarkspende trifft Diego seinen genetischen Zwilling. Foto:  
Nach der erfolgreichen Knochenmarkspende trifft Diego seinen genetischen Zwilling. Foto:  

Stuttgart/Schmiden - Diego und sein genetischer Zwilling Gunnar Hohn haben sich auf Anhieb verstanden. Obwohl zwischen ihnen 31 Jahre Altersunterschied und einige Zentimeter Körperlänge liegen. Zwei Jahre haben Diego und seine Familie warten müssen, am Samstag nun hat der kleine Schmidener seinen Lebensretter kennen gelernt, mit dessen gesunden Stammzellen er die Leukämie besiegt hat.

Das erste, was dem aufgeweckten Achtjährigen bei dem Treffen in einem Stuttgarter Hotel an seinem Gegenüber auffällt, ist die Statur. „Du bist aber groß“, sagt Diego, grinst und umarmt den 39-Jährigen aus Hohen Neuendorf in Brandenburg. Auch Diegos Eltern, Mutter Maria del Carmen Nunez Ortiz, Vater Giuseppe und seine vier Jahre ältere Schwester Laura sind dabei. Auch sie nehmen Gunnar Hohn und dessen Lebensgefährtin Diane in den Arm. Diego hat zwei Geschenke dabei. Mit seinen Eltern hat er ein Fotobuch gestaltet, in dem seine Krankheitsgeschichte erzählt wird, und ein T-Shirt in seiner Lieblingsfarbe grün. Vorne steht „Du bist mein Superheld!“, hinten hat es den Aufdruck „Danke – Dein kleiner Bruder Diego“.

Viele Gemeinsamkeiten

Das T-Shirt zieht Gunnar Hohn sofort an. Im Gespräch entdecken die beiden viele Gemeinsamkeiten. Etwa ihre Vorliebe für die italienische Küche, wobei Diego Lasagne liebt, und Gunnar Hohn Spaghetti. Auch für Motoren können sich beide begeistern. Diego schwärmt neben Fußball vor allem für Motorräder, und Gunnar Hohn ist Kfz-Mechatroniker von Beruf.

Der gebürtige Berliner ist schon seit 2006 typisiert. Als er im Herbst 2011 den Brief der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) erhielt, in dem stand, er komme möglicherweise als Spender in Frage, war er sofort zu weiteren Untersuchungen bereit. Irgendwann stand fest, dass es passt. Für die 20 Minuten dauernde Operation, bei der unter Vollnarkose Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen wird, fuhr Gunnar Hohn im Herbst 2011 nach Hamburg. Dann habe er erfahren, dass seine Stammzellen einem kleinen Jungen das Leben retten sollen. „Der Eingriff war für mich völlig schmerzlos, und alles ist schnell und problemlos verheilt“, sagt er, und, dass er immer wieder spenden würde und schon einige Geschäftskollegen dazu bewegen konnte, sich typisieren zu lassen.

Zu 100 Prozent genetische Zwillinge

Bei den Untersuchungen im Vorfeld hatte sich herausgestellt, dass Diego und Gunnar Hohn zu 100 Prozent genetische Zwillinge sind. Das gab Anlass zur Hoffnung. Aber noch lagen schwere Wochen vor dem Buben und seiner Familie. Mit einer Hochdosis-Chemo wurde Diegos Immunsystem erst so weit heruntergefahren, dass sein Knochenmark komplett zerstört wurde. In dieser kritischen Zeit lebte Diego in einem keimfreien Raum, der nur über Schleusen zugänglich war. Die Eltern bezogen eine Wohnung nur wenige Gehminuten von der Uni-Klinik entfernt. Am Nachmittag des 3. November erhielt Diego erstmals die gesunden Stammzellen von Gunnar Hohn. Noch einmal bekam Diego dessen Knochenmark. Danach begann sein Immunsystem langsam wieder zu arbeiten und eigene, gesunde Blutzellen zu produzieren.

Bis zum 100. Tag nach der Transplantation bestand die Gefahr, dass die neuen Stammzellen wieder abgestoßen werden. Die Möglichkeit eines Rückfalls ist immer präsent. Auch wenn es seit April vergangenen Jahres stetig aufwärts geht, Diego mittlerweile ganz normal die Schule besucht und Fußball spielt. Sie verdränge bewusst die Angst, sagt Maria del Carmen Nunez Ortiz: „Ich sage mir immer, wir leben heute und heute geht es ihm gut.“

Gunnar Hohn, der für das von der DKMS organisierte Treffen eigens aus Brandenburg angereist ist, will den Lebensweg seines „kleinen Bruders“ weiterverfolgen. Die ungleichen genetischen Zwillinge haben die gemeinsame Zeit in Stuttgart genossen, wollen sich bald wiedersehen und bis dahin telefonisch und per E-Mail in Kontakt bleiben.