Rottach-Egern - Zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit rauscht Tamara Comolli zur Tür herein. Die langen Haare trägt sie lässig offen, dazu Jeans, eine bunte Bluse, Schlappen. Der Teint ist gebräunt. Wer die viel jünger wirkende Endfünfzigerin nicht kennt, würde sie eher für eine Yogalehrerin halten und nicht für die Chefin eines Luxuslabels. „Tut mir leid, der Hundesitter kam zu spät“, sagt Tamara Comolli und erzählt von ihren Cockerspaniels namens Theo und Toni. Tamara Comolli ist bis zu 20 Wochen im Jahr unterwegs, seit Corona etwas weniger. Sie trifft Geschäftspartner in aller Welt, kauft Gold und Edelsteine ein, vor allem aber sammelt sie Inspirationen. Um zu verstehen, wie sie zu einer der erfolgreichsten Schmuckdesignerinnen wurde, muss man in die Vergangenheit reisen.
Gibraltar
Im Grunde ist es nur ein Felsen an der Südküste Spaniens. Doch weil Gibraltar zum britischen Überseegebiet zählt, gelten hier besondere Rechte, die Glücksspielunternehmen magisch anziehen. Tamara Comollis Vater arbeitet in den sechziger Jahren als Casinomanager in Frankreich, in Spanien und in der britischen Enklave. Daher verbringt die heute 59-Jährige mit ihren drei Geschwistern einen Teil ihrer Kindheit an diesem seltsamen Ort. Sie beobachtet die High Society beim Zocken am Roulettetisch oder an den einarmigen Banditen und bestaunt die reich behängten Damen. Der Grundstein für die Faszination für Schmuck ist gelegt. „Doch die Uniformität damals fand ich schrecklich“, erzählt Tamara Comolli, „alle trugen mehr oder weniger das Gleiche.“ Schon als kleines Mädchen denkt sie darüber nach, wie man mit Schmuck glänzen kann, ohne zu protzen.
München
1972 kehrt die Familie nach Deutschland zurück. Lebensmittelpunkt ist von nun an Bayern, genauer gesagt der Tegernsee. Als 17-Jährige bessert Tamara Heymann, so ihr Mädchenname, das Taschengeld auf, indem sie Lapislazuli-Steine auf Lederschnüre fädelt. Die Armbänder gehen für 160 Mark das Stück weg. Sie möchte nach dem Abitur eine Lehre als Goldschmiedin beginnen. „Doch mein Papa sagte, man könne mit so einem Tingelkram kein Geld verdienen.“ Also studiert sie Betriebswirtschaftslehre in München und geht danach nach Düsseldorf zu einer Unternehmensberatung. Tamara Comolli lernt, strategisch zu denken. Die Idee, Schmuck zu entwerfen, war immer im Hinterkopf, doch der Mut fehlte.
Long Island
Anfang der 1990er Jahre heiratet Tamara Comolli und zieht in die USA. Ihr Mann, ein italienischstämmiger Amerikaner, arbeitet dort in der Automobilindustrie. Dieser Ehe verdankt sie den klangvollen Namen, den viele für erfunden halten. Doch er steht noch heute in ihrem Pass – obwohl die Ehe längst geschieden wurde. In Amerika verwirklicht Tamara Comolli endlich ihren Traum. Sie entwickelt eine Schmuckmarke, ein Firmenkonzept und ein Logo mit einem Wassertropfen. „Das steht für meine Liebe zum Meer“, sagt sie. Ihre erste Kollektion präsentiert sie auf Messen in New York und Las Vegas. „Ich musste ziemlich viele Klinken putzen“, erzählt sie. Auf Long Island verbringt sie mit Freunden einige Sommer und beschließt: Das ist der richtige Platz für die erste eigene Boutique. In Southampton auf den Hamptons setzt sie die Idee um. Die Lebensart der Ostküste ist bis heute stilprägend: Tamara Comollis Boutiquen sehen mit ihrer Einrichtung aus weißem Holz eher aus wie Läden für Surfermode und nicht wie ein klassisches Juweliergeschäft. Inzwischen gibt es sieben Dependancen weltweit – in Forte dei Marmi, Kampen auf Sylt, in Palm Beach oder Marbella. Tamara Comollis entspannter Stil soll Urlaubsgefühl vermitteln. Also geht sie dorthin, wo die Leute Urlaub machen.
Madagaskar
Understatement ist ihre Philosophie. Sie mixt Halbedelsteine mit Diamanten, hängt Gold an Lederbänder. Lässig, aber edel. „Meinen Schmuck soll man täglich tragen, nicht nur zu besonderen Anlässen.“ Damit folgt sie dem Trend, teuer mit günstig zu kombinieren. Günstige Hose zur Edeltasche – oder eben Klunker für 3000 Euro auch ohne roten Teppich. Tamara Comolli mag am liebsten bunte Edelsteine. Rund 30 verschiedene Arten verwendet sie für ihre Kollektionen. Darunter sind außergewöhnliche Varianten wie der Ozean-Jaspis aus Madagaskar. „Diese Steine stammen aus einer Mine an der Nordküste, die nur bei Ebbe zugänglich ist“, erzählt die 59-Jährige. Als sie daraus eine Kollektion machen wollte, hielt ihr Team sie für verrückt. Kein Stein gleicht dem anderen, wie sollte man in Serie produzieren? „Doch das war mir egal. Jede Frau ist schließlich anders“, sagt Tamara Comolli. Inzwischen hat sich die Kollektion etabliert. Wenn mehrere Steine zu einem Schmuckstück verarbeitet werden, begutachtet sie die Kombination immer persönlich. „Ich könnte stundenlang in der Werkstatt sitzen“, sagt sie.
Jaipur
Tamara Comolli entwirft und arrangiert, aber fertigt nicht mit eigener Hand. Die Steine lässt sie an verschiedenen Orten schleifen – in Idar-Oberstein, Mailand oder Jaipur. Ein Besuch in der indischen Manufaktur wurde zum Quell für eine neue Kollektion. „Sehen die typischen indischen Paisley-Muster nicht wie Tropfen aus?“, fragt sie und zeigt einen Anhänger aus der India-Kollektion. Hier werden auch Materialien wie Perlmutt und Holz verwendet.
Malediven
Als passionierte Taucherin macht Tamara Comolli selbst am liebsten dort Ferien, wo das Meer warm und voller Fische ist. Jedes Jahr zu Weihnachten fliegt sie mit ihrer Familie der Sonne entgegen, oft geht es auf die Malediven. Die Farben des Ozeans sind für sie die wichtigste Anregung. Steine geschliffen wie Wassertropfen oder Kegel wurden zu ihrem Markenzeichen. Um diese Form zu erhalten, geht viel Material verloren. So erklärt sich der Preis. „Mir war wichtig, dass Schmuck von allen Seiten gut aussieht“, sagt Tamara Comolli. Mikado heißt ihre wichtigste Erfindung. Diese Anhänger gibt es in verschiedenen Größen – von der Minivariante am Nylonarmband für 490 Euro über den einzelnen Stein an einer langen Kette für rund 2000 Euro bis zum kostspieligen Armband mit 51 Steinen für rund 43 000 Euro. Tamara Comolli lässt eines dieser Stücke durch die manikürten Hände gleiten: „Das soll das Meer symbolisieren: Topase in verschiedenen Schattierungen, blauer Oolith und grüne Turmaline.“
Rottach-Egern
Ein schmuckes Kirchlein, Holzhäuser mit Geranien an den Balkonen, die Berge im Hintergrund, davor der See – Rottach-Egern am Tegernsee ist ein Ort wie aus dem Handbuch für Bayern-Klischees. Nach Jahren des Vagabundierens hat Tamara Comolli hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden. Der Tegernsee ist ihre Heimat, hier sind die Freunde aus der Schulzeit, hier wohnt die Designerin mit Mann, Sohn und Hunden. In Gmund, am Ufer gegenüber, liegt die Firmenzentrale. Sie hat 60 Mitarbeiter, die Marke ist sehr auf ihre Person fokussiert und die Gründerin schwer beschäftigt. Dennoch nimmt sich Tamara Comolli hin und wieder die Zeit, um in der Boutique in Rottach-Egern selbst zu bedienen. „Der direkte Kontakt zu den Kunden ist mir sehr wichtig“, sagt die Designerin. Als Gegenpol zum Jetset-Leben sei es wichtig, sich in der Heimat zu erden.