Schnappatmung und Burnout Was ein Psychologe gestressten Regierungsbeamten empfiehlt

Mit zunehmendem Stress steigt die Gefahr eines Burnouts. Foto: Imago/Thomas Trutschel

Wirtschaftsminister Habeck klagt über den Druck, dem seine Mitarbeiter ausgesetzt sind. Was sagt Psychologen Jörg Fengler dazu? Und was hat das mit Zwerchfellatmung zu tun?

Jeder Ministerin und jedem Minister schenkte Olaf Scholz eine Tafel Schokolade. Damit dankte der Bundeskanzler seinen Kolleginnen und Kollegen, mit denen er seit einem Jahr zusammenarbeitet. Doch was ist mit den Mitarbeitern der Ministerinnen und Minister? Mit unter war das erste Jahr Ampelkoalition ganz schön anstrengend und fordernd für sie. Es wurde sogar offen ausgesprochen, dass einige von ihnen unter zu großem Druck stehen. Der Psychologe Jörg Fengler erklärt, wie man mit Stress bei der Arbeit zurechtkommen kann.

 

Herr Fengler, Wirtschaftsminister Robert Habeck hat vor ein paar Wochen gesagt, der hohe Arbeitsdruck in seinem Ministerium führe zu Burnout und Tinnitus. Ist es so, dass Stress bei der Arbeit sozusagen zwangsläufig das Risiko für diese Erkrankungen erhöht?

Zwangsläufig bestimmt nicht, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlich mit Stress umgehen. Aber die Wahrscheinlichkeit dieser Erkrankungen nimmt mit steigender Arbeitsbelastung zu. Es gibt den Effekt: Wenn sich einige legitimerweise krankmelden und die Zahl der Aufgaben auf alle anderen verteilt werden, erhöht sich wiederum deren Risiko, auch zu erkranken. Das ist eine Stress-Abwärtsspirale.

Jörg Fengler Foto: Privat

Wie kommen ein Betrieb oder ein Ministerium aus dieser Situation wieder raus?

Das glückt dann, wenn die Leitung anfängt, die Aufgaben zu priorisieren in „extrem wichtig“ oder „kann noch warten“. Das ist in der momentanen Krisensituation in der Politik aber natürlich sehr schwer zu entscheiden.

Die Bundesregierung befindet sich nahezu seit ihrem Antritt im Krisenmodus, und das wird sich absehbar so schnell nicht ändern. Wie hält man Stress über längere Zeit aus?

Das hat jede einzelne Person auch selbst in der Hand. Jede und jeder muss selbst herausfinden, was ihr oder ihm am besten hilft. Elementar ist dabei die Atmung. Egal, was Sie machen, Sie sollten auf jeden Fall die Zwerchfellatmung beibehalten und nicht in Schnapp-, Angst- oder Panikatmung hoch oben in der Lunge verfallen. Das zweite ist eine ruhige und klare Sprache – auch in Stresssituationen. Wenn Sie sich darum bemühen, gibt es eine Art Rückkopplung mit sich selbst, die Einfluss auf das Stresslevel haben kann.

In den Ministerien trifft das hohe Arbeitsaufkommen vor allem Beamte, denen mitunter wenig Arbeitseifer unterstellt wird. Kann sich das auf den Umgang mit Stresssituationen auswirken?

Ich würde Beamtinnen und Beamten generell empfehlen, mit Humor auf solche Sticheleien zu antworten und nicht mit Verbitterung, Selbstrechtfertigungen oder Gegenangriffen. Sonst machen sie sich nur noch zusätzlichen Stress. Diese Witzeleien sind ja oft nur Ausdruck von Neid oder schlechten Erfahrungen.

Was raten Sie Menschen, die an ihrem Belastungslimit angekommen sind?

Auch da gibt es verschiedene Möglichkeiten, die beim Mitarbeiter selbst anfangen. Beispielsweise beim Gehen könnten Sie darauf achten, sich ruhig und kraftvoll zu bewegen – und nicht hastig und hektisch. Sie könnten ruhig stehend auf den Fahrstuhl warten, anstatt ungeduldig auf der Stelle zu trippeln. Noch besser, Sie gehen gleich Schritt für Schritt durchs Treppenhaus, Sie werden nicht einmal Zeit dabei verlieren.

Aber was bringt die richtige Art des Gehens, wenn zu viele Aufgaben bewältigt werden müssen?

Es hilft natürlich auch, nicht zu allen Aufgaben „ja, kommt sofort“ zu sagen, sondern auch mal auf den vollen Schreibtisch zu verweisen. Dann muss der Vorgesetzte entscheiden, was wichtiger ist. Und es kommt darauf an, die Zeit außerhalb der Arbeitszeit so zu gestalten, dass sie dem Burnout entgegenwirkt. Erholung und angenehme Gespräche am Abend, genügend Schlaf, gesunde Ernährung – all das hilft, Burnout zu vermeiden oder zu heilen.

Warum haben eigentlich Bundeskanzler oder Minister im Normalfall kein Burnout, aber, laut Habeck, die Mitarbeiter seines Ministeriums?

Da müssten Sie erst einmal unterscheiden zwischen „die haben einen Burnout“ und „die berichten über einen Burnout“. Für einen Politiker wäre es gewiss sehr unklug, mitzuteilen, dass er einen Burnout hat. Das kann er im Rückblick in seine Memoiren schreiben. Wenn er das in seiner aktiven Zeit offen mitteilt, würden sofort alle Konkurrenten und Kritiker an dem Ast sägen, auf dem der Betreffende sitzt.

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