Schnelles Internet in der Region Stuttgart Glasfaserausbau steht auf der Kippe

Spatenstich im Erdmannhäuser Nachbarort Rielingshausen: wie es dort weitergeht, ist ebenfalls unklar. Foto: DGA-GmbH/oh

In Erdmannhausen wurde schon gejubelt. Jetzt liegt der Bau des Glasfasernetzes in dem Ort auf Eis. Es könnte Vorbote eines größeren Problems sein. Manche fürchten, der gesamte Markt könnte kollabieren.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Gerät der Glasfaserausbau in der Region Stuttgart wieder ins Stocken? Nachdem die Unternehmensgruppe Deutsche Giga Access (DGA) erste Projekte auf Eis gelegt hat, wachsen bei Kommunalpolitikern und Firmen die Befürchtungen, dass das schnelle Internet doch nicht so schnell kommen wird. Die Rahmenbedingungen hätten sich deutlich verschoben, erklärte das in Essen beheimatete Unternehmen. „Sich verändernde Finanzierungsparameter sowie steigende Beschaffungskosten machen die Überprüfung der Gesamtwirtschaftlichkeit von Ausbauvorhaben vonnöten“, erklärte eine Sprecherin gegenüber unserer Zeitung.

 

Dabei war es für den Erdmannhäuser Bürgermeister Marcus Kohler (Freie Wähler) und seinen Gemeinderat das vermeintlich große Los gewesen, als die DGA ihr Interesse an der 5000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Ludwigsburg bekundete. „Es reißt sich ja keiner darum, in einer kleinen, aber ziemlich zugepflasterten Kommune mit lauter Ein- und Zweifamilienhäusern ein Glasfasernetz zu verlegen“, sagt Kohler. Die DGA wollte dies eigenwirtschaftlich – das heißt ohne Zuschüsse von Bund, Land oder Gemeinde – bewerkstelligen. Einzige Bedingung: 40 Prozent der Haushalte und Firmen sollten Abnahmeverträge unterschreiben.

Auch der Partner ist überrascht

Die im Branchenvergleich eher hohe Quote wurde erreicht. Mit einer aufwendigen und offensiven Haustürkampagne warb der Vermarktungspartner Teranet genügend Interessenten an. Dort ist man nun ebenfalls überrascht. „Wir haben die Kunden entsprechend informiert“, sagt eine Teranet-Sprecherin. Momentan gehe man davon aus, dass es sich lediglich um eine Verzögerung handle und sich an den anvisierten Vertragsdaten nichts ändern werde. „Das Angebot an die Kunden behalten wir aufrecht.“

In der Region Stuttgart ist gleich ein ganzer Strauß an Unternehmen im Glasfaser-Ausbau tätig. „Wir haben das höchste Ausbautempo im Land“, sagt Helmuth Haag von der Gigabit-Region Stuttgart, einer Tochtergesellschaft der regionalen Wirtschaftsförderung, der fünf Landkreise und der Stadt Stuttgart. Vor fünf Jahren waren erst 2,3 Prozent der Haushalte ans Glasfasernetz angeschlossen. Zur Jahresmitte 2023 sind es schon 28,5 Prozent. Doch auch Haag räumt ein, dass das Ausbautempo nachlassen und damit auch das Ziel einer 90-prozentigen Abdeckung im Jahr 2030 in Gefahr geraten könnte. „Wenn die Preise steigen, die Budgets aber feststehen, kann nicht mehr so viel gebaut werden.“ Allein die Kosten beim Tiefbau hätten sich um 15 Prozent erhöht. „Der Glasfasermarkt kollabiert gerade“, zitiert das „Handelsblatt“ den nicht näher genannten Geschäftsführer eines großen Anbieters.

Wie der Glasfaserausbau seit 2018 voranschreitet. Foto: Gigabit-Region/oh

Die Telekom bau 90 Prozent der Anschlüsse

Immerhin scheinen die meisten Unternehmen in der Region bisher keine Projekte auf Eis legen zu wollen. „Wir setzen unsere angekündigten Glasfaserausbauvorhaben in der Metropolregion um – im Eigenausbau, im geförderten Ausbau und über Kooperationen mit Stadtwerken“, teilt Katja Kunicke vom Marktführer Telekom mit. Das einstige Staatsunternehmen ist bisher für 90 Prozent der Projekte im Raum Stuttgart zuständig. Auch die Deutsche Glasfaser Holding (DGH) als zweitgrößter Anbieter unterstreicht ihr Engagement. „Im Raum Stuttgart sind wir in über 40 Kommunen aktiv, davon befinden sich bereits 15 im Ausbau“, heißt es. Dort sieht man bisher vor allem die Telekom als Ausbauhemmnis, weil sie rücksichtslos auch dort in den Markt dränge, wo Mitbewerber bereits projektiert hätten.

Im Kreis Ludwigsburg läuft der Glasfaserausbau am schnellsten. Foto: privat

Auch Visotel klagt über solche Manöver des von der Gigabit-Region mit einem Kooperationsvertrag hofierten Marktführers, der manchmal auch einfach nur Verunsicherung säe. Die jüngsten Kostensteigerungen seien hingegen „schon einkalkuliert“, sagte eine Sprecherin. So werde man im Erdmannhäuser Nachbarort Kirchberg (Rems-Murr-Kreis) noch in diesem Jahr mit den Tiefbauarbeiten beginnen.

Höherer Gewinn oder höhere Marktanteile?

Warum das bei der DGA anders ist, ist unklar. Möglicherweise, so vermuten Insider, stecke auch eine veränderte Strategie dahinter. Bei dem Investoren getriebenen Unternehmen könnte sich der Fokus von der Ausweitung der Marktanteile auf eine höhere Gewinnmarge verschoben habe. Die DGA erklärte derweil, man werde „jede Möglichkeit der Optimierung“ nutzen, „um sicherzustellen, dass ein Projekt weiterhin umsetzbar bleibt“.

Welches Unternehmen wo ausbaut. Foto: GRS 09/2023

Darauf hofft auch Bürgermeister Kohler. Einigen Spott habe er sich schon aus der Bürgerschaft anhören müssen. „Aber ich glaube, dass Erdmannhausen nicht auf der Streichliste steht.“ Andererseits wolle man nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag warten. Momentan sei die Internetversorgung mit den alten Vodafone- und Telekom-Kabeln im Ort ordentlich, dennoch besitze der Glasfaserausbau höchste Priorität.

Glasfasernetze in der Region

Deutsche Telekom
Das einstige Staatsunternehmen ist der Hauptinvestor in der Region Stuttgart. Bisher gehen 90 Prozent der hergestellten Anschlüsse auf das Konto der Telekom – in zahlreichen Kommunen und allen Landkreisen. In der Landeshauptstadt ist die Telekom bisher der einzige Anbieter, der Privathaushalte ausbaut.

Deutsche Glasfaser
Die DG ist der nächstgrößte Investor. Er hat sich von Süden kommend auf den Landkreis Böblingen konzentriert, hat aber auch in anderen Landkreisen Pläne und befindet sich teilweise bereits in der Bauphase. Beim Bau hatte die DG mit Qualitätsmängeln zu kämpfen.

GVG Glasfaser
Das Unternehmen aus Kiel ist in Altbach und Deizisau bereits im Ausbau, musste dort aber mit Bauverzögerungen wegen Baumängeln umgehen. In weiteren Kommunen bestehen Planungen, teilweise in Zusammenarbeit mit der Deutsche Giga Access (DGA), so in Freudental, Plüderhausen oder Löchgau.

Wisotel
Das Unternehmen aus Schwäbisch Gmünd betrieb zunächst die Versorgung des ländlichen Raums über Richtfunk. Beim Glasfaserausbau liegt der Schwerpunkt im Westen des Rems-Murr-Kreises.

NetCom BW
Der in Ellwangen ansässige Anbieter gehört zur EnBW und hat bereits eine Vielzahl kleinerer Orte im Land an sein Glasfasernetz angeschlossen. In der Region war die NetCom unter anderem im Remstal aktiv.

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