Schnelltest-Strategie auf Erfolgskurs Böblinger Modell soll ausgeweitet werden

Innerhalb nur weniger Minuten zeigen Corona-Schnelltests an, ob jemand aktuell infiziert und ansteckend ist. Foto: dpa/S/ven Hoppe

Die Schnellteststrategie des Landkreises sorgt bundesweit für Aufsehen. Nun will die Verwaltung gemeinsam mit den Städten und Kommunen ein Konzept für Schnelltests an Schulen erarbeiten.

Böblingen - Kostenloses Schnelltests für alle Bürger hat der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Dienstag angekündigt. Was nach Zukunftsmusik klingt, ist im Kreis Böblingen bereits Realität: seit einer Woche dürfen sich alle Bürger, die im Kreis wohnen, zweimal pro Woche kostenlos testen lassen – in einem der fünf Schnelltestzentren im Landkreis. Bundesweit sorgt dieses „Böblinger Modell“ für Aufsehen. Kürzlich gab der Holzgerlinger Apotheker Björn Schittenhelm, der das erste Schnelltestzentrum errichtet hatte, der „Welt“ ein Interview. Am Dienstag berichtete dann der Landrat Roland Bernhard in der ZDF-Talkshow bei Markus Lanz darüber. Er lobte seinen Kreistag, dessen Mitglieder eine viertel Million Euro für einen einmonatigen Probelauf bewilligt hatten.

 

Eine erstaunliche Kehrtwendung des Landrats, hatte er sich doch noch am Jahresende in einem Interview unserer Zeitung gegen kostenlose Corona-Tests im Kreis gewandt. „Das ist nicht Aufgabe des Landkreises.“ Wie kam es zu dieser Kehrtwende?

„Das ist keine 180-Grad-Drehung“, wehrt sich Bernhard im Telefoninterview am Mittwoch auf der Rückfahrt aus Hamburg „Ich habe damals auch gesagt: ‚Unsere vordringliche Aufgabe ist der Aufbau von Impfzentren“. Und dies hatte die Böblinger Kreisverwaltung auch in Windeseile umgesetzt und ein großes Zentrum in der Sindelfinger Messehalle errichtet. Pünktlich am 15. Januar sollte es in Betrieb gehen. Doch das bundesweite Impf-Debakel verhinderte das: Es fehlt an Impfstoff. „Wenn wir beim Impfen ein solches Schneckentempo haben, dann müssen wir beim Testen den Turbo anschalten“, sagte Bernhard bei Lanz.

Fünf private Schnelltestzentren gibt es mittlerweile im Kreis Böblingen – betrieben von Apotheken. Das erste hatte Björn Schittenhelm in Holzgerlingen eingerichtet. Mittlerweile gibt es weitere in Herrenberg, Leonberg, Böblingen und Sindelfingen. Doch die 29 Euro pro Test schrecken wohl viele ab. Der Zulauf hielt sich in Grenzen. „Das ist zuviel für eine Studentin, die ihre Oma besuchen will“, sagt auch Roland Bernhard.

Nur fünf Minuten Wartezeit

Deshalb beschloss die Kreisverwaltung – unterstützt vom Kreistag – die Tests in einem Modellprojekt kostenlos anzubieten. Dazu habe man Gespräche mit den Apothekern geführt. „Die sind uns entgegengekommen“, sagt Bernhard. Der Preis pro Test wurde auf 18 Euro reduziert, die nun der Kreis Böblingen übernimmt. Anders als im Schnelltest-Vorreiter-Kreis Tübingen gibt es in Böblingen keine langen Wartezeiten. Über ein Online-System kann man sich anmelden und erhält einen Termin. „Länger als vier bis sechs Minuten stehen Sie nicht an“, versichert der Landrat. Das Ergebnis wird über einen QR-Code übermittelt, 30 Minuten nach dem Abstrich. Ist das Ergebnis positiv, muss ein PCR-Test gemacht werden. Das kostenlose Angebot wird gut angenommen. Seit am 21. Dezember das erste Schnelltestzentrum in Betrieb gegangen ist, wurden insgesamt 8500 Tests gemacht, davon allein in der vergangenen Woche, seit diese kostenlos sind, 3100. Insgesamt 123 Proben waren positiv. „123 Infektionsketten konnten so unterbrochen werden“, freut sich der Landrat.

Er rechnet damit, dass die Nachfrage nach den Tests in den kommenden Wochen steigen wird. „Wir haben die Schwelle durch das kostenlose Angebot deutlich gesenkt“, sagt Bernhard. Mit einem großen Ansturm rechnet er trotzdem nicht. „Immerhin sind die Tests ja etwas unangenehm. Das schreckt doch viele ab.“ Trotzdem sei es ein wichtiger Schritt in Richtung Öffnungen. Und er stellt fest: Die fünf Testzentren im Kreis seien nicht der letzte Schritt.

Schnelltests für Schulen

Aktuell ist die Kreisverwaltung in Gesprächen mit den Bürgermeistern und Oberbürgermeistern der 26 Städte und Kommunen im Kreis. Thema sind Schnelltests für Lehrer und Erzieher. Denn bereits am kommenden Montag sollen die Schulen im Land wieder öffnen. Der Kreis möchte mit den Kommunen eine gemeinsame Test-Strategie für die Schulen erarbeiten. Genaueres stehe noch nicht fest, sagt Bernhard. Aber denkbar seien mobile Impf-Teams. Die Kosten für diese Tests würde der Kreis dann vom Land erstattet bekommen, das für die Lehrer zuständig ist. „Es geht hier vor allem um die Organisation“, betont Bernhard. Wichtig sei, eine gute Struktur zu schaffen und die Organisation des Testens nicht jeder Kommune allein zu überlassen. Vielleicht eröffne die neue Teststrategie auch die Möglichkeit für Lockerungen, so die Hoffnung des Landrats. „Wir können nicht von Lockdown zu Lockdown stolpern. Wir müssen den Menschen eine Öffnungsperspektive geben.“ Ein Schnelltest könne so etwas wie „ein Freifahrschein in die Freiheit“ werden. Dank Schnelltest ins Restaurant oder zum Shoppen – ist das die Zukunft?

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