Schön wohnen in Leinfelden-Echterdingen Kurvenreiches Einfamilienhaus
Besuch in einem denkmalgeschütztes Einfamilienhaus mit kühnen Betonschalen und viel Licht aus dem Jahr 1979 in Leinfelden-Echterdingen südlich von Stuttgart.
Besuch in einem denkmalgeschütztes Einfamilienhaus mit kühnen Betonschalen und viel Licht aus dem Jahr 1979 in Leinfelden-Echterdingen südlich von Stuttgart.
Der rechte Winkel? Schwer überschätzt. Stattdessen: Ein fantasievoller Palast aus Beton und Licht, aus Kurven und Bögen. Alles fließt. Das Auge folgt den Konturen einer außergewöhnlichen Dachkonstruktion, die ein wenig an Frei Ottos berühmtes Dach des Münchner Olympiastadions erinnert.
Der Bau ist in Leinfelden-Echterdingen südlich von Stuttgart am Rande des Landschaftsschutzgebietes gelegen. Er sieht von Weitem aus wie eine futuristische Kommandozentrale eines U-Boots oder eines Ufos. Und auch aus der Nähe. Ein experimentelles Wohnhaus, das mutig auf organische Formen setzt und in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus war – mit seinem offenen Wohnen etwa und Beheizung mit einer viel geschätzten Wärmepumpe.
Der Architekt Michael Balz baute das Einfamilienhaus für sich, seine Frau Eva und die Kinder im Jahr 1979 – er hat auch direkt nebenan das Theater unter den Kuppeln in „Schalenbaumethode nach dem System Isler“, wie Balz sagt, entworfen. Bis heute führt Eva Balz, die als Erzieherin gearbeitet hat, dort Regie, diesen Sommer beim „Kleinen Gespenst“.
Auch der kühne Betonbogen, der das Naturtheater Grötzingen beschirmt, ist Michael Balz’ Entwurf und der von dem Schweizer Ingenieur und Statikexperten Heinz Isler. Michael Balz bekam Kontakt zu ihm über einen Assistenten des Architekten Frei Otto, bei dem er studiert hatte. Isler hat in ganz Europa gearbeitet, wo derlei stabile Betonbögen für öffentliche Gebäude entstanden. Bei privaten Wohnhäusern eher selten.
Auch deshalb entschied die Landesdenkmalpflege, dass es sich um ein besonders schützenswertes Gebäude handelt und stellte es jüngst unter Denkmalschutz. Es spiegelt den Geist seiner Zeit vorbildlich und anders als so manche allgemein als ungemütliche „Betonburgen“ geschmähte Bauten aus den 1970ern und 1980ern.
Und so gibt es vor dem Gang durch das lichtdurchflutete Haus zunächst eine kleine Schulung in Sachen Beton. Michael Balz zeigt Kuppelbau-Modelle, setzt sich in seinem neben dem Eingang liegenden Büro an den Computer. Er zeigt mit Bildillustrationen, wie solche im Theater sogar 40 Meter breiten Betonbögen entstehen, wie sie wasser- und rissfest werden.
So wie man es eben auch von den mittelalterlichen Gewölbekellern kennt, nur sind diese gewölbten Formen eben aus Beton. „Und sie sind bis heute einwandfrei. So viel zu dem viel gescholtenen Baustoff Beton“, sagt er und lächelt. „Beton ist, richtig und gekonnt eingesetzt, ebenfalls nachhaltig.“
Organische Formen schätzt das Paar auch aus ästhetischen Gründen. Michael Balz stammt aus einer Familie von Bildhauern. Mutter, Vater, Schwester – alle Künstler. Wer die Wendeltreppe hinaufsteigt, staunt. Wohn-, Ess- und Küchenbereich gehen fließend ineinander über, das ist heute häufig zu sehen, war aber 1980 noch nicht üblich.
Und wie hell das ist und wie offen und rund: Oberlichter in der Betondecke und Türen, die auf die Ost- und Westterrassen führen und den Blick freigeben auf Kiefern, auf die Nachbarhäuser, die Felder, den Wald.
Dieses Jahr bildet sich eine lilafarbene Fläche aus Kohl, in anderen Jahren schauen das Paar und seine Familie und sonstigen Besucher – „wir haben ein offenes Haus und erst letztes Wochenende ein Fest mit 20, 30 Gästen gefeiert“, sagt Eva Balz – auch mal auf Weizen oder Mais. „Wir leben praktisch im Freien“, sagt Michael Balz. Morgens genießen sie die Sonne auf der Ostterrasse, abends verfolgen sie auf der anderen Seite den Sonnenuntergang.
Selbstredend passen keine eckigen Möbel ins Wohnrund. Balz, der nicht nur Architekt ist, sondern auch Schreiner, hat alle Einbauten selbst entworfen, hinter den Sofalehnen und unter den Sitzen befinden sich ausziehbare Schuber. Die Sofalandschaft mit den Kissen, die sich an die Wand schmiegt, wird auch von den Kindern geschätzt, wie Eva Balz berichtet. Höhlenbauen liegt in der Natur auch schon kleiner Menschen. Auch im Schlafzimmer versteckt sich hinter wellenförmigen Verkleidungen jede Menge Platz für Bücher, Kleidung, Dinge.
Doch wie kam es zu den dominierenden Flieder- und Lilafarben im Haus? Eva und Michael Balz zeigen auf ihre – natürlich runde – Badewanne, die sich in einer mosaikverzierten Art Grotte befindet.
Meerblau wäre für ein Bad die erste Wahl gewesen, es gab aber nur ein kräftiges Burgunder. Jetzt steht das komplette Gebäude außen und innen unter Denkmalschutz. „Für mich ist das keine Bürde, sondern eine Bestätigung der architektonischen Arbeit“, sagt Michael Balz. Ein Gesamtkunstwerk, das der Zeit hervorragend standhält.
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