Mut zur Farbe und zum gemeinsamen Bauen: In Metzingen wagten drei Familien den Versuch, gemeinsam in einer Baugruppe ein Haus zu bauen. Nun leben sie in einem nicht nur farblich ungewöhnlichen Haus. Ein Besuch.
Luisa Rombach
03.11.2024 - 19:00 Uhr
Zu übersehen ist das Mehrfamilienhaus mit sieben Wohneinheiten in der Metzinger Innenstadt kaum. Dafür ist es zu pinkfarbig, beziehungsweise altrosa. Doch auch abgesehen von der ungewöhnlichen Farbwahl stellt das Gebäude eine Besonderheit dar. Ursprünglich als Hotel geplant, wurde dieser Gedanke wegen der Corona-Pandemie verworfen. Stattdessen entstand das farblich knallige Wohnhaus als gemeinsames Vorhaben dreier Bauherren, die seit der Fertigstellung Anfang des Jahres darin wohnen.
Ein Gebäude wie auf Stelzen
Im Erdgeschoss befinden sich die Fahrradstellplätze, Autostellplätze und der Technikraum. Durch die offenen Lamellengitter wirkt es, als stünde das Gebäude auf Stelzen. Die Gitter kommen auch bei den Balkonen in den oberen Stockwerken zum Einsatz und sorgen so für optische Kontinuität im Außenbild.
Im ganzen Haus gibt es Fußbodenheizung, auf dem Dach ist eine Fotovoltaikanlage angebracht. Zum Energiekonzept gehören auch drei Luftwärmepumpen. Die Bauherren legten Wert auf Nachhaltigkeit.
Verschiedene Ansprüche an das Eigenheim
Die Idee für das gemeinsame Projekt entstand, als die drei Bauherren Stefan Köhler, Jan Jurasovsky und Angelo Procopio unabhängig voneinander nach Wohnräumen im Zentrum Metzingens suchten und nicht fündig wurden. Als das Grundstück frei wurde, schlossen sich die drei Bekannten spontan zusammen und kauften es.
Der Bauprozess war jedoch nicht ohne Schwierigkeiten. Gemeinsames Bauen verlangt die Bereitschaft, viele Kompromisse einzugehen. Schließlich geht es um viel Geld und um den Ort, der einmal das eigene Zuhause werden soll. Der Architekt Michael Meyer von Meyer Architekten in Stuttgart, der den Hybridbau aus Stahlbeton und Holz entworfen hat, sagt dazu: „Den Gedanken, ein Einfamilienhaus zu bauen aus den Köpfen der Bauherren rauszubekommen, ist bei dieser Bauform die Hauptschwierigkeit.“
Die Bauherren Jan Jurasovsky (links), Stefan Köhler (Mitte) und Angelo Procopio (rechts) mit ihren Partnerinnen und Kindern. Foto: Privat /Privat
Viel Geduld gefragt
Hinzu kommt, dass sich die Realisierung eines solchen Vorhabens in die Länge ziehen kann. „Wir hatten sehr viele Probleme durch die Coronapandemie“, erklärt Angelo Procopio, einer der drei Bauherren. Er besitzt das Hotel und Restaurant Kitz, das sich schräg gegenüber des Mehrfamilienhauses befindet. Die Fertigstellung war eigentlich für Ostern 2023 geplant. Einziehen konnten die Besitzer unter anderem wegen Lieferengpässen erst im Januar 2024.
Auch die unterschiedlichen Lebensumstände der Bauherren hatten Einfluss auf die Entscheidungsprozesse. Während Jurasovsky kleine Kinder hat, sind Köhlers Kinder bereits erwachsen. Dementsprechend individuell waren auch die Ansprüche an das zukünftige Eigenheim.
Stefan Köhler bewohnt mit seiner Frau eine Maisonettewohnung unterm Dach: Zwei Etagen und zwei Terrassen, eine davon mit Blick auf die Weinberge. Da seine Frau gesundheitliche Probleme hat, gibt es einen Lift in der Wohnung und das Bad ist behindertengerecht. „Wir wollten zukunftsgerichtet planen“, betont Köhler.
Jan Jurasovsky bewohnt mit seiner Frau und den zwei Kindern eine der Wohnungen in einem der unteren Stockwerke. Für sie passe es perfekt, dass alles auf einem Stockwerk sei, so der Bauherr. Für die Aufteilung seiner Wohnung legte die Familie besonders viel Wert auf gemeinschaftlich nutzbare Wohnräume, sie sind großzügig geschnitten, während die Schlafzimmer eher kleine Rückzugsräume sind.
Eine Einheit trotz Individualität
Was alle Wohneinheiten gemeinsam haben, sind große Fenster und Schiebetüren, die Licht in die Räume fluten lassen. Auch die gerade geschnittenen Zimmer tragen dazu bei, dass sich trotz der individuellen Raumaufteilungen alle Einheiten als Teil eines großen Ganzen anfühlen.
Dieses Gefühl leben die Bewohner auch in ihrem Alltag aus. Wenn Jan Jurasovsky und seine Frau einen Babysitter brauchen, bringen sie sie einfach rauf zu den Köhlers. Denn für die drei Bauherren ist das Leben im Mehrfamilienhaus eben auch Gemeinschaftssache. Man hilft sich gerne gegenseitig.
Drei Einheiten noch verfügbar
Dementsprechend wichtig ist den Bewohnern, dass potenzielle Käufer der restlichen Einheiten diese Mentalität teilen. „Die Personen müssen zu uns passen“, sagt Stefan Köhler. Eine der Wohnungen ist bereits verkauft, die anderen drei sind noch verfügbar.
Es sei nicht möglich oder sinnvoll, als Baugruppe alles wie bei einem Einfamilienhaus umzusetzen, betont Michael Meyer. „Jeder Immobilienmakler würde sagen, dass der Schwabe seinen Keller braucht“, sagt der Architekt. „Aber stimmt das wirklich?“ Das pinkfarbene Mehrfamilienhaus hat keinen Keller. Bis diese Entscheidung getroffen war, gab es allerdings viele Diskussionen.
Stimmiges Gesamtbild gesucht
„Beim Bauen als Baugruppe gibt es wahnsinnig viele Abstimmungsprozesse und Termine“, sagt Michael Meyer. Am Ende müsse es ein stimmiges Gesamtbild geben. Die Wünsche aller Beteiligten unter einen Hut zu bekommen, ohne dabei das Budget zu sprengen oder ein ästhetisch wenig ansprechendes Resultat zu erzielen, scheint eine der größten Herausforderungen bei so einem Projekt zu sein.
Die Idee mit der außergewöhnlichen Farbe stammt von dem Architekten. „Früher waren Häuser fast immer farbig, Weiß ist ein Ding der Moderne“, sagt Michael Meyer. Zufrieden mit der Farbwahl sind aber alle Beteiligten. „Wir sind richtig stolz darauf, den Mut gehabt zu haben, die Entscheidung für die Farbe zu treffen“, sagt Stefan Köhler. Vor den Fenstern sind pinkfarbene Geranienkörbe angebracht. Wenn die Blumen blühen, soll ein schöner Kontrast zur Hausfarbe entstehen. Ein Hingucker ist das Mehrfamilienhaus aber jetzt schon.