Schön Wohnen in zweiter Reihe Prachtbau im Hinterhof
Nachverdichten statt auf der grünen Wiese bauen: Einblicke in ein architektonisch eindrucksvolles Wohnhaus mit Einliegerwohnung in einem Hof in Berlins schicker Mitte.
Nachverdichten statt auf der grünen Wiese bauen: Einblicke in ein architektonisch eindrucksvolles Wohnhaus mit Einliegerwohnung in einem Hof in Berlins schicker Mitte.
Berlin - „Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne“. Ein schöner Satz, er stammt aus einem Gedicht von Arno Holz. Der Autor schreibt im 19. Jahrhundert über das Leben armer Leute in den rasant wachsenden Großstädten, genauer über Mietskasernen, die so hoch und eng stehen, dass sie kaum den Blick in den Himmel freigeben.
Hinterhofhäuser waren lange Zeit allenfalls als Bilder für Armutsdarstellungen gefragt. Heute sieht man sie auch, wenn über gelungene Nachverdichtung berichtet wird – ob auf einer ehemaligen Stichstraße, auf einem Gartengrundstück hinter einem Haus auf dem Land oder in zweiter Reihe in Städten.
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Das Bauen auf der grünen Wiese ist wegen Flächenversiegelung in die Kritik geraten, zudem sind Grundstücke mit viel Grün drum herum rar und teuer – zumal in den Metropolen. Wer auf diese Weise nachverdichtet, ist also auch gesellschaftspolitisch auf der korrekten Seite. Und kann Staunenswertes schaffen. Wie ein Einfamilienhaus in Berlin zeigt, das Architekt Patrick Batek – er hat in Stuttgart Architektur studiert – entworfen hat.
Es ist ein Gebäude aus mehreren wie übereinandergestapelten Klötzen, das sich in einen Hof in Berlin einfügt. In dem Hof stand eine Remise, die im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, daher gab es keine Probleme mit dem Bebauungsplan. Batek: „Ich hatte dem Verkäufer gesagt, dass ich das Grundstück nur kaufe, wenn das Bauamt meinen Bauplänen zustimmt.“ Und es stimmte zu.
Der Hof mit zwei Bäumen war als Spielplatz von den Bewohnern der Nachbarhäuser benützt worden. Bei Nachverdichtung in solch gewachsenen Wohnvierteln empfiehlt sich frühzeitiges Zugehen auf die Nachbarschaft, die womöglich nicht erfreut über Baulärm ist.
Auch wenn das zunächst nicht immer hilfreich ist. „Ich hatte den Nachbarn Bescheid gegeben, dass Baumfällarbeiten anstehen. Es war der letzte Tag im Februar, an dem es erlaubt war, danach begann die Brutzeit und ein sechsmonatiges Baumfällverbot“, berichtet Patrick Batek.
Am besagten Morgen waren so viele Fahrräder an den Baum gekettet, dass nichts aus dem Fällen wurde. Dass die Bauarbeiten sich deswegen um ein halbes Jahr auf 16 statt zwölf Monate Bauzeit verzögerten, nimmt er sportlich. „Ich habe alle eingeladen und die meisten sagten, wenn schon etwas gebaut werden muss, dann ist es gut, dass es so ein hochwertiges, sympathisches Projekt ist.“
Und zwar eines mit mehr als zwei Bäumen – ein Gartengestalter hat eine grüne Insel aus Bäumen und Sträuchern geschaffen. Auf die nun auch die Nachbarn einen Blick haben. „Damit habe ich mir dann wieder Freunde gemacht“, sagt Batek.
Wirklich schwer allerdings, so der Architekt, sei es gewesen, Rohbauer zu finden. „Angesichts des Baubooms sind Handwerker natürlich eher an großen Bauten interessiert als an kleinen Wohnobjekten.“
Hinzu kam der Fakt, dass die Durchfahrt wegen Unterkellerung nicht belastbar war. „Alles musste mit Schubkarren hin- und hergefahren werden.“ Mit einem Kran wurden Bauteile über das Vorderhaus aufs Grundstück geschafft.
Ein bisschen Drama wie bei Arno Holz – „Im Keller nistete die Ratte,/ parterre gab’s Branntwein, Grog und Bier“ – ereignete sich zudem: Ein Bodengutachten war fällig, das Fundament der zerstörten Remise musste ausgegraben werden. „Wir fanden einen kompletten Keller – voller Kriegsbauschutt und jeder Menge Ratten. Wir hatten also mit einer Rattenplage im Hof zu kämpfen.“
Und damit die Gebäude nebenan nicht absinken, musste der Keller komplett mit Beton zugegossen werden. Batek: „Mein Haus steht nun auf einem sechs Meter tiefen Betonklotz, da hätte man auch ein Hochhaus drauf errichten können.“
Was den Innenausbau betrifft, war es leichter, denn Bateks Architekturbüro plant viele innenarchitektonische Objekte – darunter die „Colette“-Brasserien in Konstanz, München und Berlin von Sternekoch Tim Raue – und kennt entsprechend viele Handwerker, mit denen man regelmäßig zusammenarbeitet.
Aber wie ist es, wenn Architekt und Bauherr ein und dieselbe Person sind, die weiß, was man alles für Gestaltungsmöglichkeiten hätte? „Für mich ist das weniger ein Problem. Ich entscheide mich immer schnell. Und bei manchen Fragen war auch hilfreich, dass es ein finanzielles Budget gab.“
Finanziell hilfreich, wegen der Wohnungsnot auch vorbildlich, ist da auch, dass Patrick Batek das Haus zweigeteilt hat und mit einer Einliegerwohnung Wohnraum für andere schafft. Neben dem größeren mehrstöckigen Wohnteil mit 130 Quadratmetern findet sich hier eine ebenerdige Wohnung mit 60 Quadratmetern, die vermietet wird. Patrick Batek: „Und falls meine Eltern später einmal nicht mehr allein wohnen wollen oder können, könnten sie auch hier wohnen.“
„Inspiriert wurde der Bau mit grauem Sichtputz von einem Museumsbau von Sanaa in New York“, sagt Patrick Batek. „Ich fand das reizvoll, die simple Idee der übereinandergestapelten Kisten. Ein White Cube, der mir im Inneren alle Freiheit zur Gestaltung gibt.“ Jede Etage dieses weißen Kastens wird zu einer Bühne: Ein Blick ins Haus zeigt Sinn für mutigen Materialmix, Farbe, wenige schöne, schlichte Designerstücke.
„Ich wollte nicht einen einheitlich cleanen Look, wo alles von oben bis unten in Eiche gehalten ist“, sagt Patrick Batek. „Ich habe vorher in einem Altbau mit Stuck und quietschenden Dielen gelebt und ich mag eigentlich diese Inperfektion. Und so wie das Haus neu auf und umgeben von alter Substanz entsteht, wollte ich auch das Innere so gestalten. Im Haus findet sich alles, was mir früher schon gefallen hat, Alu, Nussbaum, Ahorn.“ Neongelbe Wände und blaue, eine schwarze Küche, helle, hohe Räume.
Doch wie ist das Wohngefühl – so umgeben von größeren Nachbarhäusern? „Am Anfang schaut man schon, beschnuppert sich“, sagt Patrick Batek, „inzwischen haben wir uns alle aneinander gewöhnt. Wenn ich daheim bin, mach’ ich nicht einmal die Gardinen runter.“ So beschwerlich das Bauen, umgeben von Bestand, ist, Häuser wie dieses zeigen: Es lohnt sich und wertet die Umgebung auf.
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