Eigentlich könnte er sich zurücklehnen, aber wer einmal in die Welt der Klänge eingetaucht ist, den lässt die Musik nicht mehr los. Wolfgang Ruß wird in diesem Jahr noch 70 Jahre alt, doch die Freude am kreativen Musizieren und Lehren bleibt. Ja, sie blitzt ihm auch heute noch förmlich aus den Augen. Folgerichtig unterrichtet er auch im Ruhestand die Instrumente, die er selbst im Laufe seines Lebens erlernt hat.
Das sind nicht gerade wenige. Akkordeon steht dabei weit oben; war er doch bis zum Jahr 2020 viele Jahre Dozent am Trossinger Konservatorium, wo er während seines Studiums von Meistern wie Hubert Deuringer lernen durfte. Stets von Neugierde getrieben, belegte er damals auch andere Fächer und nahm neben Akkordeon- auch Gitarren- und Klavierunterricht. Mit Klavier, Gitarre und E-Bass steht er heute noch einigen Privatschülern zur Verfügung.
Ruß scheint ein „Hans Dampf in allen Gassen zu sein“. Dieser Eindruck entsteht, wenn er aus seinem Leben plaudert. „Eigentlich sollte die Posaune mein erstes Instrument werden“, erzählt er. Im Progymnasium Böblingen, das später das Albert-Einstein-Gymnasium werden sollte, war bereits bei seinem Schuleintritt im Jahr 1965 das Erlernen eines Instruments gefragt. „Irgendwie hat die Posaune in mir allerdings nicht die richtige Begeisterung entfacht“, blickt er zurück. Der Vater, ein Schreinermeister aus Holzgerlingen, hatte schließlich die Idee, dass Sohn Wolfgang, wie dessen Freund Winfried in den Harmonika-Verein eintreten sollte. Es dauerte nicht lange und die beiden Jungs entwickelten sich zu einem erfolgreichen Akkordeon-Duo. Mit 16 räumte Ruß bei „Jugend musiziert“ bereits einen zweiten Preis ab. „Das war ein Schlüsselerlebnis, das meinen weiteren Lebensweg prägen sollte“, sagt Ruß.
Ungefähr zur selben Zeit stieg er in eine Schülerband ein. Als es dort eine vakante Gitarristenstelle gab, sattelte sich Ruß mit einer Wanderklampfe anhand einer Grifftabelle schnell mal die entsprechenden Akkorde drauf und war mit dabei. Ein Klavier stand ebenfalls im Proberaum, welches eine magische Anziehungskraft zu haben schien und großes Interesse am Bearbeiten der 88 Tasten weckte. Es folgte eine Osterarbeitswoche, veranstaltet vom Deutschen Harmonikaverband, in Trossingen. „Da hab ich Blut geleckt – da will ich hin!“, schmunzelt er. Bereits mit 18 Jahren war er dann am dortigen Konservatorium eingeschrieben.
Leitung der Musikschule und als Autodidakt unterwegs
Im Prinzip war von da an der Weg des Multiinstrumentalisten vorgezeichnet – steil nach oben und immer noch was dazu: Von 1976 an haben sich seine didaktischen Fähigkeiten des Unterrichtens explosionsartig verbreitet und zahlreiche Schüler sorgten für ein gutes Einkommen. Bald spielte er als Gitarrist in der ersten professionellen Showband namens „Night and Day“ mit der er 15 Jahre lang bis 1995, vornehmlich in Süddeutschland, unterwegs war. In dieser Zeit brachte er sich autodidaktisch auch noch Saxofon, Querflöte und Trompete bei, um das Soundspektrum der Band zu erweitern. Als Leiter des Akkordeonvereins Schönaich war er in den Achzigern maßgeblich an der Gründung der örtlichen Musikschule beteiligt und übernahm schließlich im Jahr 2000 auch deren Leitung.
Sein immer noch andauerndes Engagement im Jazzforum Aidlingen ist dem Umstand geschuldet, dass er bereits als junger Student großes Interesse am Jazz entwickelt hatte und mit seiner Gitarre nahezu alle Kurse der von Joe Viera initiierten Jazzworkshops in Burghausen besuchte. Als Viera mit dem ehemaligen Gründer des Jazzforums Georg Schütz 1990 in Kontakt kam, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Münchner Saxofonist, Arrangeur und Jazzlehrer seinen „Musterschüler“ dem Jazzforum empfahl. Fortan hat Ruß in Aidlingen weit mehr als 50 Kurse angeboten, die von Musikern der gesamten Republik und darüber hinaus gerne besucht wurden.
„Face 2 Face“ heißt die CD, die in Ludwigsburg produziert wurde
Doch nicht genug der „Life Musik“-Engagements. CDs mit der Landesakkordeon Bigband Hessen entstanden und einige Rundfunkproduktionen. Mit seinem Dozentenkollegen und Freund Hans-Günther Kölz (Akkordeon und Klavier) ist er über all die Jahre in Kontakt geblieben. Wenn der Trossinger in seine alte Heimat nach Waiblingen reist, stattet er Ruß regelmäßig einen Besuch ab, bei dem dann rund drei Stunden gejammt wird und daraus musikalische Ideen entstehen.
Was lag näher, als dass die beiden Musiker dies nun auf einer CD verewigen wollten. „Face 2 Face“ nennt sich das Ergebnis, das vor Spielfreude nur so strotzt. Kein Geringerer als Johannes Wohlleben, einer der erfahrensten Musiktonmeister Deutschlands, hat dieses Album in den Ludwigsburger Bauer Studios gemixt und gemastert. Auch wenn man kein „Akkordeon-Freak“ ist, ziehen einen die hervorragenden Interpretationen von Latin- und Swing-Nummern in Bann. Zudem kommen Klavier und Gitarre nicht zu kurz. „Die Mischung ist so bunt wie die Besetzung“, sagt Ruß, der sich aber nicht auf sein Lieblings-Genre Jazz reduzieren lässt. „Musik muss harmonisch interessant sein, so wie das Leben überhaupt.“
Viele Tasten und Töne im Repertoire
Vita
Wolfgang Ruß, Jahrgang 1954, aufgewachsen in Holzgerlingen. Ab 1972 Studium am Hohner-Konservatorium Trossingen. Seit 1977 als Instrumentallehrer für Akkordeon, Gitarre, E-Bass und Klavier. Lebt seit 1980 mit Ehefrau Gabriele (Gabriele Russ Musikverlag) in Schönaich.
CD
Komponist, Arrangeur, Autor, Musiker, Dirigent, Dozent zahlreicher Jazz-Workshops, Lehrbeauftragter am Konservatorium in Trossingen. Von 2000 bis zur Pensionierung 2020 Leiter der Musikschule Schönaich.