Seit mittlerweile zwanzig Jahren grast Rost die Straßen und Wege im Ort ab, „bewaffnet“ mit Gummihandschuhen und einer Tüte und immer auf der Suche nach frischem oder weniger frischem Müll. Geboren ist die Idee vor gut zwanzig Jahren. Damals rief der damalige Schönaicher Bürgermeister Franz Grupp seine Bürger auf, ein Zeichen gegen Umweltverschmutzung zu setzen.
Einer, der sich das zu Herzen nahm, ist der heute 76-jährige Volker Rost. „Auch wenn ich mich jedes Mal ärgere, so viel Müll auf den Straßen und im Gebüsch aufheben zu müssen, gehe ich noch immer gerne raus“, fasst der Schönaicher sein Engagement für die Ortsgemeinschaft zusammen. Dabei geht der Pensionär über Stock und Stein. Auch in den nahe gelegenen Waldstücken bückt sich der pensionierte Diplom-Mathematiker nach den Abfällen seiner Mitmenschen.
Nach so vielen Jahren kommt so eine stattliche Summe an Tüten zusammen, wie er erklärt: „Zwanzig Jahre sind 1000 Wochen. Wenn ich pro Woche eine Tüte befülle, macht das mittlerweile 1000 Tüten.“
Dabei fällt Rost die ganze Palette an Abfällen in die Hände: Von leeren Alkoholflaschen und To-Go-Abfällen von den Supermärkten und Bäckereien bis zu den in Tüten oder mit Taschentüchern notdürftig aufgefangenen Hinterlassenschaften von Hunden muss sich Volker Rost über einiges ärgern. „Wenn ich sehe, dass es auf den Parkplätzen vor den Märkten zu wenig oder keine Mülleimer gibt, wundere ich mich nicht, dass die Abfälle auf dem Boden landen“, meint er. Auch die Bushaltestellen seien „Hotspots“ der wilden Müllkippen. Viele Fahrgäste würden dort ihre Zigaretten auf die Straße werfen, da es dort meistens keine Aschenbecher gibt. Nach diesen unappetitlichen und gesundheitsschädlichen Abfällen auf dem Asphalt bückt sich der 76-Jährige aber nicht. „Zigarettenkippen sind auch dahingehend problematisch, da sie das Grundwasser verschmutzen können, wenn sie in die Erde gelangen.“ An vielen Orten sieht der Rentner Handlungsbedarf.
Nach der anfänglichen Begeisterung vieler, gerade älterer Bürger, hätte die Tatkraft in den vergangenen Jahren spürbar abgenommen. „Das liegt auch daran, dass viele der Freiwilligen von damals jetzt selbst in einem höheren Alter sind und deshalb nicht mehr so gut zu Fuß sind“, vermutet Rost. Das sei schade, denn „das Müllproblem der Gemeinde ist größer geworden“. Was mit Bürgermeister Grupp noch gut funktioniert hat, fand bei den nachfolgenden Rathauschefs keinen Anklang mehr, beklagt der Rentner. Gespräche mit Verantwortlichen aus dem Bürgermeister- oder dem Hauptamt hätten im Laufe der vergangenen zwei Dekaden kaum etwas ergeben: „Ich habe wiederholt Mitglieder des Gemeinderats auf die Problematik hingewiesen, die dann wiederum auf die Verwaltung zugingen.“ Konkrete Aktionen, die über die alljährliche Putzaktion im März hinausging, folgten nicht. Auch dass Rost und seine Mitstreiter von der Gemeindeverwaltung mit Müllzangen ausgerüstet werden könnten, wurde bislang abgelehnt. In Böblingen, so Volker Rost, sei das anders.
Jochen Pfingsttag, Hauptamtsleiter der Gemeinde, ist diesem Wunsch nicht abgeneigt: „Es wäre eine Idee, freiwilligen Müllsammlern eine solche Greifzange auszuleihen, wenn wir auch sicher gehen können, dass sie wieder zurückkommt.“ Der Schwund an solchen Instrumenten sei früher durchaus ein Problem gewesen. Pfingsttag betont, dass wilde Müllentsorgungen wie kürzlich im Wald zwischen Steinenbronn und Schönaich, wo Unbekannte alte Fenster und Fensterrahmen entsorgten, hart bestraft werden sollten. „Hier können die Geldbußen nicht hoch genug sein.“ Für Schönaich kann der Hauptamtsleiter verkünden, dass die Putzaktion dieses Jahr vom 1. bis zum 15. Mai stattfindet und nicht wie 2020 coronabedingt ausfallen muss. „Ob Vereine oder Bürger – jeder darf sich die Materialien, also Handschuhe und Säcke, bei uns abholen.“
Volker Rost hat nun fast zwanzig Jahre freiwilliges Engagement hinter sich. Von Passanten, Nachbarn und Bekannten erfährt er weiter viel Zuspruch und Wertschätzung. „Ich erhalte immer wieder Anrufe von Menschen, die sich über das Engagement freuen und mich ermutigen. Erst kürzlich ging im Wald ein Mann an mir vorbei, der applaudierte, als er sah, dass ich im Gebüsch Müll aufgehoben habe.“ Trotz der vielen positiven Worte wollte Rost aktuell mit seiner „Maibaum“-Aktion nochmals ein Zeichen setzen. Damit erhofft sich der fleißige Müllsammler mehr Aufmerksamkeit. Die Fundstücke sollen auch den zukünftigen Rathauschef Schönaichs animieren, die Sauberkeit des Ortes oben auf die Agenda zu setzen. Volker Rost jedenfalls möchte sich weiter einsetzen, auch wenn er derzeit der „letzte Mohikaner“ der Müllsammler von damals ist.