Ein Bussard fliegt hoch in der Luft. Foto: Stefanie Schlecht/sts
In Hildrizhausen haben gleich mehrere Waldbesucherinnen und Waldbesucher gemeldet, dass sie von einem Mäusebussard attackiert wurden. Was hat es damit auf sich und wie kann man sich schützen?
Ein idyllischer Waldweg am Ortsrand von Hildrizhausen – perfekt, um den Kopf freizubekommen. Es ist ruhig, rechts und links des Weges liegen Baumstämme und warten auf ihren Abtransport, hin und wieder zwitschert ein Vogel. Eine Joggerin bahnt sich ihren Weg durch die Pfützen der vergangenen Tage. Ihr wird der Tag noch lange in Erinnerung bleiben. „Laut meiner Uhr war ich gerade eineinhalb Kilometer weit gekommen und war richtig gut im Gang, da habe ich auf einmal einen heftigen Schlag gegen den Hinterkopf bekommen“, sagt Anja Beck-Bessler. Zuerst habe sie an einen Ball gedacht. „Als ich mir an den Kopf gefasst habe, hatte ich blutige Hände.“ Dann habe sie über ihrem Kopf einen Greifvogel gesehen. Was die 51-jährige Hausemerin erlebt hat, war der Angriff eines Mäusebussards. Offenbar kein Einzelfall in den Wäldern im Kreis.
Mäusebussarde brüten in Waldstücken, die auch von Menschen frequentiert werden. Diese Nähe führt hin und wieder zu Begegnungen – und zu Problemen. In den Monaten Mai und Juni, sagt Försterin Kathrin Klein vom Forstbetrieb ForstBW, versorgen die Vogeleltern ihre Jungen im Nest. In dieser Zeit sind die Altvögel an ihr Brutrevier gebunden und verteidigen es gegen jegliche Gefahr. Wenn die Kinder schon erste Flugversuche machen und mit ihren Eltern als sogenannte Ästlinge Zeit am Boden verbringen, beschützen die erwachsenen Tiere ihre Brut sogar noch nachdrücklicher.
„Die beschriebene Situation ist typisch und passt genau in die Jahreszeit“, sagt Stefan Bosch, der beim Nabu-Landesverband Baden-Württemberg Fachbeauftragter für Ornithologie und Vogelschutz ist. Solche Attacken seien zwar selten, stimmt auch Kathrin Klein zu, aber sie kämen gerade im Frühsommer immer wieder vor. Vor acht bis neun Jahren habe es in Waldenbuch in der Nähe des Wanderparkplatzes Braunäcker sogar regelmäßig Angriffe von einem Mäusebussard gegeben, erinnert sie sich. „Aber seit 2020 ist uns dazu nichts mehr gemeldet worden.“
Auch vor zwei Jahren hatte ein Mäusebussard die Jogger in Hildrizhausen in Atem gehalten. Aus den vergangenen zwei Wochen sind unserer Redaktion vom Sauschwänzleweg bei Hildrizhausen auch bereits mehrere Angriffe gemeldet geworden. Meist blieb es dabei, dass der Greifvogel den Kopf seines Opfers von hinten streifte und davonflog. Es gibt aber auch Fälle, bei denen der Bussard denselben Menschen mehrmals attackiert haben soll.
Eine Joggerin läuft in Hildrizhausen im Regen durch den Wald. /Stefanie Schlecht
Stiller Angreifer aus der Luft
So auch bei Anja Beck-Bessler. Bei ihr saß der Schreck nach dem plötzlichen Angriff tief. Dass sie überhaupt alleine im Wald war, sei Zufall gewesen. „Mir hatte kurz vorher meine Freundin wegen des schlechten Wetters abgesagt.“ Sie erinnert sich, dass sie den Bussard nicht hatte kommen hören. „Ich hatte keine Kopfhörer drin, aber ich habe nichts bemerkt – kein Rauschen, kein Schreien.“ Direkt nach dem Angriff sei der Greifvogel zurück in die Bäume geflogen. Die 51-Jährige habe sich umgedreht, um schnell nach Hause zu laufen, als der Bussard erneut zugeschlagen habe. Dieses Mal habe sie ihn kommen sehen, ihn mit den Armen abgewehrt und laut gerufen.
Dass die Tiere von hinten angreifen, ist laut Vogelexperte Bosch absolut typisch. „Da die Bussarde die Waldbesucher direkt und auch von hinten anfliegen, kann man natürlich ziemlich erschrecken, wenn sich plötzlich ein Greifvogel von hinten nähert.“ Aber: „Ich habe vor Jahren eine Auswertung von Pressemeldungen im Internet gemacht. Dort wurden meistens glimpfliche Verletzungen wie Kratzer oder Prellungen beschrieben. Ernsthafte Verletzungen sind selten.“
Ist der Wald jetzt tabu?
Auch für Anja Beck-Bessler ist die Begegnung mit dem Greifvogel relativ glimpflich ausgegangen: sie beschreibt einen Riss an der Kopfhaut und Kopfbrummen bis zum nächsten Tag. „Es hat sich angefühlt, als hätte mir jemand eine übergebraten“, sagt sie.
Aber was können Jogger tun, um eine Greifvogelattacke zu verhindern? „Wir raten dazu, in der Nestlingszeit vorübergehend die Kinderstube der Bussarde zu respektieren, Rücksicht zu nehmen und möglichst nicht im betreffenden Waldgebiet joggen zu gehen“, sagt Stefan Bosch. Wie lange genau die Nestlingszeit für die Bussarde auf dem Weg zwischen Schönbuchschule und Kohltor dauert, könne er nicht sagen, ohne die Vögel zu kennen. In der Regel dauere sie einen Monat. „Dieses Jahr sind viele Vögel mit der Brutzeit früher dran als sonst“, gibt Bosch zu bedenken. Es sei also eine gute Idee, den Waldweg noch bis Anfang Juli zu meiden. Gegebenenfalls könne der Forst betroffene Strecken auch vorübergehend sperren.
Was können Waldbesucher tun?
Ist das Vermeiden des Weges keine Option, können einige Maßnahmen die Attacken unwahrscheinlicher machen. So scheint es nach übereinstimmenden Aussagen der Angegriffenen so, als käme der Bussard nicht, wenn mehrere Menschen zusammen unterwegs sind und sich unterhalten. „Wanderer können auch einen über den Kopf hoch gehaltenen Stock oder Ast gegen Anflüge einsetzen“, sagt Stefan Bosch. Die Vögel würden den höchsten Punkt angreifen und so den Menschen verfehlen. „Allerdings nur zum Hochhalten, nicht zum Schlagen gegen den Vogel. Das wäre ein Verstoß gegen geltende Schutzbestimmungen.“ Ist die Nestlingszeit erst einmal vorbei, da sind sich die Vogelexperten einig, sollte der Spuk aufhören, „denn der Mäusebussard ist sonst ein harmloses Tier“, betont Kathrin Klein.
Vorkommen Der Mäusebussard ist laut dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) einer der am häufigsten vorkommenden Greifvögel. Er ist ganzjährig zu beobachten und sitzt auch häufig auf Zaunpfählen oder Straßenschildern. Gerne nistet er an Waldrändern und kommt damit oft mit Menschen in Berührung. Er frisst Kleinsäuger wie Wühlmäuse, Kaninchen oder Maulwürfe. Auch Amphibien und kleine Reptilien, aber gelegentlich auch Kleinvögel und Aas stehen auf de Speiseplan. Er gilt als nicht gefährdet.
Aussehen Mäusebussarde werden bis zu 58 Zentimeter lang und können eine Flügelspannweite von bis zu 1,30 Metern erreichen. Die Farbgebung kann sehr unterschiedlich sein – von fast weiß bis dunkelbraun. Der Schwanz aber ist immer weiß-grau mit grauen Streifen.