Dort, wo das Böblinger Retrobier „Jäger Spezial“ einst wiederentdeckt wurde, feierte es jetzt seinen zehnten Geburtstag: Im Bärenkino. Bald soll es einen weiteren Ableger geben.
Der zehnte (Kinder-)Geburtstag fand im Böblinger Bärenkino statt. Dort feierte die Schönbuch Braumanufaktur den ersten runden Geburtstag ihres „Babys“, wie es Geschäftsführer Werner Dinkelaker liebevoll nannte. „Ich habe ja drei leibliche Kinder – und das vierte ist das Jäger Spezial.“ Tatsächlich aber ist die Biersorte sogar wohl älter als er selbst. Das vergleichsweise simple Exportbier – nur eine Hopfen- und eine Malzsorte – wurde von der Brauerei in den 1960er- und 1970er-Jahren erfolgreich abgefüllt und geriet danach in Vergessenheit. Bis vor gut zehn Jahren.
Damals entdeckte der Geschäftsführer des Böblinger Bärenkinos, Andreas Zienteck, eine alte Flasche Jäger Spezial bei Umbauarbeiten im Kino hinter einer Leinwand. Verdutzt über diese untergegangene Sorte, brachte er das seltene Leergut zum Brauerei-Chef Dinkelaker persönlich. Der hielt so eine Bierflasche mit dem altmodischen, orangefarbenen Etikett zum ersten Mal in Händen und musste bei seinem Vater nachfragen.
Jäger Spezial als beliebtes Alltagsbier: Der Senior erinnert sich ans Rezept
Dinkelaker senior erinnerte sich tatsächlich dunkel daran, wie er einst diese vergleichsweise einfache Rezeptur braute – und daran, dass das „Jäger“ seinerzeit ein beliebtes Alltagsbier für jedermann war.
Mitten in den Jahren, als gerade Craft Beer hoch im Kurs stand mit all seinen ausgefallenen Pale-Ale- und Lager-Sorten, wagte Dinkelaker das Experiment: er erweckte das Jäger Spezial wieder zum Leben und erschuf mit dem simplen Export ein Retrobier. „Im Nachhinein muss ich Werner für seinen Mut wirklich Respekt zollen“, sagt Geschäftsführerin Tina Gatty auf der Feier. Sie ist die Nichte vom langjährigen Co-Chef Götz Habisreitinger. Denn das Jäger entpuppte sich zum Volltreffer im regionalen Biermarkt, der wie der deutsche Gesamtmarkt seit Jahren unter Druck steht.
Jäger Spezial gibt es auch in Stuttgart
Seit Einführung habe die Brauerei sage und schreibe 122 936 Hektoliter davon abgefüllt, rechnet Tina Gatty vor. „Wer sich mit diesen Dimensionen nicht so gut auskennt: Das entspricht über zwölf Millionen Litern Bier oder 1,2 Millionen Kästen. Würde man die aneinanderstellen, ergäbe das eine Strecke von Böblingen nach Berlin.“
Bis in die Szenekneipen der Bundeshauptstadt hat es das Jäger noch nicht geschafft, doch – immerhin – in die der Landeshauptstadt Stuttgart. Eigentlich gebe es unter regionalen Brauereien ja das geflügelte Wort, das Vertriebsgebiet solle nicht weiter sein, als man vom Brauerei-Schornstein aus blicken kann, sagte Werner Dinkelaker einmal. In der Böblinger Brauerei galt immer die Faustregel 30 Kilometer. Und doch wurde das Jäger in Stuttgart bald zum Szenebier in Kneipen wie dem Vaihinger Maulwurf oder dem Carambolage am Feuersee.
Außerdem kommt das Retrobier besonders gut bei den hier lebenden US-Amerikanern an: Ein hochrangiger Colonel soll nach seiner Stationierung in der Panzerkaserne so angetan gewesen sein, dass er sich nach seinem Umzug einen der charakteristischen roten Kästen in die USA hat schicken lassen. Den Ärger mit dem Zoll bei der Einfuhr nahm er bereitwillig in Kauf.
Jäger Alkoholfrei bald in 0,5-Literflasche
Mittlerweile ist das Jäger die meistverkaufte Sorte der Brauerei, weswegen die Produktfamilie kontinuierlich Nachwuchs bekommt. Zunächst brachten die Böblinger als Neuerung zusätzlich eine 0,3-Literflasche auf den Markt. Im Februar des vergangenen Jahres präsentierten sie eine alkoholfreie Sorte, die geschmacklich kaum zu unterscheiden sein soll. Deren Etikett ist in der exakten Komplementärfarbe zum knalligen Orange gehalten: hellblau. „Wir dürfen es heute schon verraten: das kleine 0,3 Alkoholfrei bekommt bald ein großes Geschwister in Form der 0,5-Literflasche“, sagt Tina Gatty auf dem zehnten Geburtstag.
Bier aus Böblingen
Schönbuch Bräu
Die Brauerei in Böblingen ist mit mehr als 200 Jahren nicht nur das älteste Unternehmen in der Stadt, sie ist auch immer noch in Familienbesitz. Der Brauereichef Werner Dinkelaker ist sehr weitläufig verwandt mit der Stuttgarter Dinkelacker-Dynastie, die sich allerdings mit „c“ schreibt.
Produkte
Die Manufaktur stellt unter anderem das „Jäger Spezial“ her, das Pilsner „Ur-Edel“, das Lager „Horst Hell“, Naturpark Radler, Weizenbier und saisonal das Craftbeer „Lucky Experience.“